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Die Land- und Ernährungswirtschaft im Vereinigten Königreich vor dem „Brexit“

© AMI
Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI),
30.06.2016

Im Hinblick auf den absehbaren Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU hat die AMI einige grundlegende Fakten zur Produktion und Verarbeitung sowie zum Außenhandel und Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse in diesem Land zusammengestellt. Die Folgen des Austritts hängen im Wesentlichen von den zu führenden Verhandlungen über die Modalitäten ab. Sie sollen deshalb nur am Rande behandelt werden.

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 Exporte weitgehend unbedeutend

Das Vereinigte Königreich führte 2015 für 55 Mrd. EUR (Deutschland: 79 Mrd. EUR) Güter der Ernährungswirtschaft ein. Wichtigste Importgüter sind Obst und Gemüse, Fleisch und Fleischerzeugnisse sowie Getränke. Deutschland ist nach den Niederlanden, Irland und Frankreich mit knapp 4,8 Mrd. EUR der viertwichtigste Lieferant. Die deutschen Exporte konzentrieren sich auf Fleisch und Fleischwaren, Backwaren und kakaohaltige Erzeugnisse (z.B. Schokolade). Auch Milcherzeugnisse und Käse sind noch eine größere Produktgruppe. Die deutschen Importe aus dem Vereinigten Königreich fallen mit 1,4 Mrd. EUR dagegen vergleichsweise bescheiden aus. Es gibt kaum Lieferschwerpunkte. Bei den tierischen Erzeugnissen spielt Schaffleisch eine gewisse Rolle, bei den pflanzlichen Produkten sind es die Backwaren.

Hohes Verbraucherpreisniveau, Discounter gewinnen

Auf alle Fälle ist das Vereinigte Königreich ein wichtiger Verbrauchermarkt für Lebensmittel und Getränke. In der EU belegt es bei den Gesamtausgaben nach Deutschland und Frankreich den Platz Drei, weltweit ist es die Nummer Neun. Der britische Lebensmitteleinzelhandel ist stark konzentriert, die 4 größten Unternehmen (Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons) vereinen nach Angaben von IGD fast drei Viertel der Gesamtausgaben auf sich, dieser Anteil sinkt aber leicht. Der Discountanteil war 2015 mit knapp 10 % (Deutschland 42 %) noch gering, wuchs nach 2009 aber kräftig. Damit hat sich auch der traditionell eher geringe Preisdruck im Vereinigten Königreich erhöht. Noch liegt das Preisniveau für Nahrungsmittel aber im Durchschnitt um 10 % über dem EU Mittel.

Importbedarf bei Schweine- und Geflügelfleisch

Die engste Verflechtung mit der deutschen Agrarwirtschaft dürfte im Bereich Vieh und Fleisch bestehen. Dies betrifft vor allem den Bereich Schweinefleisch, bei dem im Vereinigten Königreich ein hoher Zufuhrbedarf besteht. Denn während das Vereinigte Königreich in der EU beim vergleichsweise unbedeutenden Schafbestand sogar den Platz Eins belegt und bei den Rindern noch auf dem angemessenen dritten Platz liegt, liegt man bei Schweinen weit abgeschlagen auf Platz Acht. Der Pro-Kopf Verbrauch an Schweinefleisch ist dort zwar auch unterdurchschnittlich, dennoch erreicht der Selbstversorgungsgrad nur 55 %. Auch bei Geflügelfleisch besteht ein erheblicher Zufuhrbedarf.

Milch überwiegend für Milchfrischerzeugnisse

Bei der Milchanlieferung liegt das Vereinigte Königreich auf dem dritten Platz der EU Länder. Die Milch wird dort allerdings etwas anders verwendet. So ist das das Vereinigte Königreich der bedeutendste EU-Hersteller von Trinkmilch, bei Butter und Käse liegt man dagegen eher auf den mittleren Rängen. Das Vereinigte Königreich ist im Milchbereich bei den meisten Produkten Netto-Importeur. Bei Käse ist man der drittwichtigste Importeur der EU. Deutschland liefert vor allem Frischmilchprodukte, überwiegend Joghurt und Sauermilcherzeugnisse. Käse folgt bei Molkereiprodukten auf Platz Zwei der deutschen Exporte auf die Inseln.

Weichweizenimport und Gerstenexport

Die Produktion von Getreide und Ölsaaten im Vereinigten Königreich belegt jeweils den vierten Platz in der EU Rangliste. Die Bedeutung der einzelnen Produkte ist aber sehr unterschiedlich. Im Außenhandel mit Deutschland wird vor allem Gerste und Raps vom Vereinigten Königreich geliefert, Weichweizen, Backwaren und andere Getreideerzeugnisse bezieht man dagegen aus Deutschland.

Bei den Kartoffeln belegt das Vereinigte Königreich Platz 5 der EU-Rangliste. Importbedarf besteht vor allem bei Verarbeitungserzeugnissen, der Import frischer Kartoffeln ist dagegen zweitrangig. Hauptlieferanten sind die Niederlande und Belgien.

Bei Obst und Gemüse aus Deutschland eher Verarbeitetes

„Bei der Produktion eher im Mittelfeld, aber bei den Importen ein Schwergewicht“, so kann man die Bedeutung des Vereinigten Königreichs im Obst- und Gemüsesektor der EU beschreiben. Die Summe der Verbraucherausgaben erreicht aufgrund des höheren Preisniveaus auf den Inseln sogar fast das deutsche Niveau, trotz einer um fast 20 % geringeren Bevölkerung.

Frisches Obst- und Gemüse führt die Liste der britischen Einfuhren an, immerhin entfallen wertmäßig 21 % der Importe auf diese Rubrik. Die Herkunft ist bei Obst und Gemüse unterschiedlich. Frisches Gemüse stammt zu zwei Dritteln aus Spanien und den Niederlanden. Obst stammt zum größten Teil aus Drittländern. Der Drittlandanteil ist im Vergleich zu Deutschland deutlich höher. Deutschland zieht aus dem Zufuhrbedarf bei frischem Obst und Gemüse wenig Nutzen. Nur 3 % der ohnehin recht bescheidenen Exporte gehen in diesem Bereich in das Vereinigte Königreich. Eine gewisse Bedeutung haben jedoch die Exporte von Verarbeitungserzeugnissen, insbesondere Säfte und Obstkonserven. Dort erreicht der mengenmäßige Anteil an den Exporten rund 10 %.

Zierpflanzen vor allem aus den Niederlanden

Auch bei Zierpflanzen ist das Vereinigte Königreich ein wichtiger Kunde der übrigen EU-Länder, denn die Produktion ist begrenzt. Mit 6.000 ha Produktionsfläche sowohl für Blumen & Zierpflanzen als auch für Gehölze zeigt sich der Anbau recht stabil. Aus den Niederlanden werden Pflanzen im Wert von 569 Mio. EUR eingeführt, aus Deutschland im Wert von 7 Mio. EUR. Zusammen sind dies bereits 95 % der EU-Gesamtimporte. Aufgrund der dargestellten Verhältnisse sind durch den Brexit eher indirekte Effekte durch die Umlenkung von Handelsströmen zu erwarten. Dasselbe gilt auch für frisches Obst und Gemüse.    

Bio-Markt erholt

Beim Anbau von Bio-Produkten steht das Vereinigte Königreich in der EU an siebter Stelle. Nach der Finanzkrise 2009 hat sich der Markt einige Jahre rückläufig entwickelt, in den vergangenen Jahren hat er sich aber wieder erholt. Die Ausgaben pro Einwohner sind jedoch immer noch vergleichsweise niedrig. Trotzdem ist das Vereinigte Königreich der drittgrößte Bio-Markt der EU, allerdings nur knapp vor Italien. Das Vereinigte Königreich ist großer Nettoimporteur von Bio-Produkten, aber handelt kaum direkt mit Deutschland. Exporte sind vergleichsweise unbedeutend.

Folgen des EU Austritts

Ob der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU große Folgen hat, hängt vom Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtungen und von der Ausgestaltung der künftigen Außenhandelsregelungen im jeweiligen Marktsegment ab. Diese sind im Moment nicht abzusehen. Am schnellsten werden die sich ändernden Wechselkurse wirksam. Das schwächere Pfund dürfte schon bald die Importe in das Vereinigte Königreich erschweren und damit von der Tendenz zu Umlenkungen der Handelsströme führen.