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Bauern ernten Verständnis, aber keine höheren Preise

Landwirte vor der Molkerei Bayernland in Amberg
am Donnerstag, 19.11.2020 - 14:39 (Jetzt kommentieren)

Die Aktion „Schluss mit lustig“ stößt bei Molkereien und Schlachtbetrieben auf viel Verständnis. Doch die Preise bewegt das kurzfristig nicht.

Dutzende Molkereien und Schlachtunternehmen in der ganzen Republik haben heute Vormittag (19.11.) erneut Besuch von Landwirten erhalten. Sie kamen, um die Reaktionen der Verarbeitungspartner auf ihr vorige Woche überreichtes Forderungspapier einzuholen. Darin forderten die Landwirte kurzfristig deutlich höhere Erzeugerpreise für Milch, Rind- und Schweinefleisch sowie Geflügel. In Bremen beteiligten sich heute mehr als 500 Landwirte mit ihren Traktoren an einem Schlepperkorso zum Deutschen Milchkontor (DMK), um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Die agrarheute vorliegenden Reaktionen großer Milch- und Fleischarbeiter auf die Aktionen zeugen von viel Verständnis für die Existenzangst der Landwirte. Wenn es um höhere Preise geht, verweisen sie aber auf die Marktkräfte: Angebot und Nachfrage bestimmen das Preisniveau.

Arla will mit dem Handel über mehrjährige Lieferverträge sprechen

„Wir lassen nicht locker, denn es geht um unsere Existenz“ hatten die Organisatoren der Aktion „Schluss mit lustig“ erklärt; das sind der BDM, die AbL, die LSV Milchgruppe, das EMB, das Milchboard und die Freien Bauern.

Was haben die angesprochenen Verarbeiter nun heute erwidert? Die Molkerei Arla Foods äußerte volles Verständnis und sprach von einem „gemeinsamen Interesse an der Erhöhung des Milchpreises“, auch in der geforderten Höhe von 15 Cent je kg Milch. Fakt sei aber, dass der Milchpreis am Markt verdient werden müsse. Ähnlich hatte sich gestern bereits der Milch-Industrieverband MIV geäußert und die Forderungen als unrealistisch bezeichnet.

Eine kurzfristige Erhöhung des Milchpreises um 15 Cent würde Arla nach eigenen Angaben jährlich 2,1 Mrd. Euro  kosten und die Zukunft der Genossenschaft gefährden. Das Unternehmen verwies darauf, dass 300 Mio. der 400 Mio. Euro an Einsparungen aus dem Kosteneinsparprogramm „Calcium“ über den Milchpreis an die Erzeuger ausgeschüttet würden.

Arla Foods erklärte sich allerdings bereit, mit anderen Molkereien – im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten – über eine engere Zusammenarbeit zu sprechen. Dabei könnte es zum Beispiel um Lieferverträge mit dem Lebensmitteleinzelhandel von 3 bis 5 Jahren Laufzeit statt der üblichen halbjährlichen Ausschreibungen oder eine effizientere Zusammenarbeit in der Kette gehen.

DMK: Wir können die Preise nicht diktieren

Deutschlands größte Molkerei, die DMK Group, bekräftigte in ihrem Antwortschreiben, bei der Forderung nach höheren Preisen „im Schulterschluss“ mit den Landwirten zu stehen. Die Forderung, den Milchpreis sofort um 15 Cent anzuheben, sei ambitioniert und im Grundsatz notwendig. Das DMK müsste dafür 700 Mio. Euro mehr Wertschöpfung bei gleichem Umsatz erzielen.

Klar sei aber auch, so ein DMK-Sprecher, dass die verarbeitende Industrie die Preise nicht diktieren könne. Das Problem fange damit an, dass 80 % der Verbraucher regelmäßig zu günstigen Lebensmitteln greife. Zudem liefere sich der Handel eine massive Preisschlacht und erziehe damit den Verbraucher noch zu seinem Einkaufsverhalten.

Die Traktoren rollen in Zeven beim Protest vor dem DMK Werk

Tönnies will sich an Konsensrunden beteiligen

Die Tönnies Holding erkannte an, die Demonstrationen der Landwirte vor den Tönnies-Betrieben seien Ausdruck der zunehmenden Ratlosigkeit in der Landwirtschaft. Auch für das Unternehmen seien die letzten Monate ebenfalls kaum zu ertragen gewesen. Dieses Jahr sei das schwierigste der Unternehmensgeschichte.

Lösungsorientiertes Handeln der verantwortlichen Akteure hätte viele Härten verhindern können. Nun beschäftige die Branche ein gewaltiger Schweinestau. „Wir tun alles dafür, diesen Schweineberg abzubauen“, versicherte ein Tönnies-Sprecher. Dreh- und Angelpunkt sei aber die Freigabe der Erweiterung der Zerlegung durch die Behörden.

Den von den Landwirten eingeforderten Trilog zwischen Erzeugern, Verarbeitern sowie dem Handel begrüßte Tönnies ausdrücklich und sagte zu, sich gerne einzubringen.

Westfleisch plant einen zusätzlichen Schlachttag nach Weihnachten

Auch die Westfleisch eG räumte ein, die aktuellen Forderungen der Landwirte als Genossenschaft sehr gut nachvollziehen zu können. Das Unternehmen betonte, fest zu den Verträgen zu stehen, die mit Landwirten und Vermarktungspartnern geschlossen worden seien. Zudem werde nach Lösungen gesucht, die Schlachtkapazitäten auszubauen, um den Schweinestau abzubauen.

Aktuell sei ein zusätzlicher Schlachttag am 27. Dezember in allen Westfleisch-Betrieben geplant, um über die Feiertage einem Schlachtstau soweit wie möglich entgegen zu wirken. Auf die konkrete Forderung der Bauern, den Preis für Schweinefleisch kurzfristig um 50 Cent und für Rindfleisch um 1 Euro anzuheben, ging die Genossenschaft jedoch nicht ein.

Welcher Milchpreis ist für Sie kostendeckend?

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