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Brexit

Brexit: Was jetzt auf deutsche Bauern zukommt

am Freitag, 31.01.2020 - 13:01 (Jetzt kommentieren)

Ab morgen gehören die Briten nicht mehr zur EU. Zunächst hat das aber kaum Folgen. Thünen-Wissenschaftler haben ermittelt, was ab 2021 aber drohen kann.

Brexit

Die Scheidung ist vollzogen, die EU-Abgeordneten des Vereinigten Königreichs haben ihre Koffer gepackt, teils mit Trauer, teils mit Jubel. Doch damit ist der Brexit noch lange nicht Geschichte. Elf Monate – bis Ende 2020 – haben die Unterhändler beider Seiten nun Zeit, um die weiteren Beziehungen zwischen dem Inselstaat und der EU zu regeln. Ein ambitionierter Zeitplan!

Die Ausgangslage und mögliche wirtschaftliche Folgen des Brexit für die Agrarwirtschaft und die Fischerei haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Thünen-Instituts analysiert.

Wie sich die Handelsbeziehungen weiter entwickeln, hängt entscheidend von den künftigen Zollregelungen ab. Am 13. März 2019 hat die britische Regierung eine Liste von Importzöllen und -quoten veröffentlicht, die nach dem Brexit ohne Einigung mit der EU27 in Kraft treten würden, also frühestens ab 2021. Die Zölle und Quoten werden nach dem Grundsatz der Nichtdiskriminierung (MFN) erhoben und gelten demnach nicht nur für die EU, sondern für alle Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO).

Folgen für deutsche Bauern bleiben gering

No deal brexit

Der Liste zufolge sind 87 Prozent der Importe ins Vereinigte Königreich frei von protektionistischen Maßnahmen. Handelsbeschränkungen würden im Wesentlichen für Autos, Aluminium, bestimmte Keramiken, Bioethanol und Agrarprodukte bestehen bleiben.

Die Briten sind ein wichtiger Agrarhandelspartner Deutschlands. 2017 exportierte Deutschland landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von 4,8 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich, während die Importe 1,6 Milliarden Euro betrugen. Das machte für Deutschland einen Überschuss von ca. 3,2 Milliarden Euro – so hoch wie mit keinem anderen Land.

„Nach unseren Berechnungen verringert sich der Agrarüberschuss Deutschlands durch den Brexit um circa eine Milliarde Euro“, sagt Dr. Martin Banse, Leiter des Braunschweiger Thünen-Instituts für Marktanalyse. Das ist deutlich weniger, als in den vor März 2019 erstellten Analysen befürchtet wurde.

Mehr Chancen für Milch, Weizen und Rindfleisch

Für Getreide, Obst und Gemüse, Getränke und Tabak würde das Vereinigte Königreich dann zollfreie Einfuhren zulassen. Für Reis, Fleisch und Wurstwaren fallen Zölle an, die aber geringer sind als in früher zugrunde gelegten Szenarien.

Aktuell ist zu erwarten, dass die deutsche Agrarproduktion als Folge des Brexit um insgesamt 190 Millionen Euro zurückgehen wird. Die deutsche Produktion wird in kaum einer Warengruppe mehr als 0,5 Prozent zurückgehen. Ausnahmen bilden die Schweine- und Geflügelzucht sowie Schweine- und Geflügelfleisch, wo die Wissenschaftler mit einem Rückgang um rund 1,2 Prozent rechnen.

Bei Weizen, Zucker, Rindfleisch und Milch erwarten sie sogar leichte Produktionsanstiege von 0,1 bis 0,8 Prozent.

EU-Standards bei Verhandlungen nicht aufweichen

„Mit dem Vereinigten Königreich verlässt ein für Deutschland und die EU auch politisch wichtiger Partner das Bündnis. Das ist sehr bedauerlich“, kommentiert Dr. Henning Ehlers, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbandes.

Bis zum Auslaufen der Übergangsfrist – voraussichtlich Ende 2020 – bleibt das Vereinigte Königreich im Europäischen Binnenmarkt und der Zollunion. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden in dieser Zeit kaum zu spüren sein, meint Ehlers. "Gleichwohl müssen die Verhandlungen über die zukünftigen Beziehungen in den kommenden elf Monaten zügig vorangetrieben werden, damit dann Planungssicherheit für Unternehmen herrscht. Das Hin und Her, das wir bisher erlebt haben, ist betriebswirtschaftlich schädlich.“

Die längerfristigen Auswirkungen auf die europäische und deutsche Landwirtschaft sind weiterhin nicht abzusehen. Hier gilt es zunächst, die Rahmenbedingungen des abzuschließenden Handelsabkommens abzuwarten. Aus Sicht der Agrar- und Ernährungswirtschaft sind die Ausgestaltung der Lebensmittelstandards sowie der Veterinär- und Zollbestimmungen von entscheidender Bedeutung. Ehlers betont: „Mit einem solchen Abkommen dürfen aber nicht die in der EU geltenden hohen Qualitätsstandards bei der Lebensmittelproduktion aufgeweicht werden.“

 

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