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Nahrungsmittelpreise und Versorgung

Corona-Panik: Gibt es eine globale Nahrungsmittel-Krise?

Nahrungsmittel
am Freitag, 27.03.2020 - 17:33 (1 Kommentar)

Die Corona-Epidemie sorgt an den globalen Nahrungsmittelmärkten für immer stärkere Turbulenzen.

Getreide verladen

Immer mehr Länder verhängen Exportstopps oder versuchen große Mengen Reis, Weizen und andere Grundnahrungsmittel zu kaufen und einzulagern. Internationale Organisationen warnen davor, dass die Ernährungssicherheit durch diese Entwicklung gefährdet werden könnte – obwohl eigentlich genug Nahrungsmittel vorhanden sind.

Abdolreza Abbassian, leitender Ökonom der Welternährungsorganisation FAO sagte diese Woche: „Sie brauchen nur Panikkäufe von großen Importeuren oder Regierungen, um eine Krise auszulösen. Was ist, wenn Großabnehmer glauben, im Mai oder Juni keine Weizen- oder Reisimporte mehr erhalten zu können? Das könnte zu einer globalen Nahrungsmittelkrise führen.“

Immer mehr Menschen sind von Quarantänemaßnahmen und Auflagen betroffen, um die sich ausbreitende Coronavirus-Pandemie zu bekämpfen. Zuletzt waren über 470.000 Menschen in 200 Ländern infiziert und bereits mehr als 21.000 Menschen gestorben. In fast allen vom Virus betroffenen Ländern kam es zu Panikkäufen bei Grundnahrungsmitteln und Haushalts- und Hygieneartikeln. Leere Regale in den Supermärkten und Versorgungsengpässe waren die Folge.

Exportstopps und Hamsterkäufe von Importländern

Hamsterkäufe

Die Besorgnis über Hamsterkäufe und globale Versorgungsprobleme werden noch verstärkt, da einige Regierungen beginnen, den Export von Grundnahrungsmitteln einzuschränken, um sicherzustellen, dass ihre eigene Bevölkerung über genügend Lebensmittel verfügt, weil die globalen Lieferketten durch die Pandemie gestört werden. "Die Leute beginnen, sich Sorgen zu machen", sagte Phin Ziebell, Agrarökonom bei der National Australia Bank. "Wenn große Exporteure anfangen, Getreide im Land zu behalten und einzulagern, werden die Käufer wirklich besorgt. Es ist eine Panik und nicht rational, da die Welt grundsätzlich gut mit Lebensmitteln versorgt ist."

Diese Woche haben Vietnam, der drittgrößte globale Reisexporteur, und Kasachstan, ein großer Weizenexporteur, den Export von Reis und Weizen – vorübergehend – gestoppt. Vietnam hat zudem angekündigt, selbst 270.000 Tonnen Reis einzulagern, um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln bei Störungen der Lieferkette weltweit sicherzustellen. Ernährungssicherheit muss immer oberste Priorität haben", teilte das vietnamesische Finanzministerium in einer Erklärung mit. Indien, der weltweit größte Reisexporteur, hat jetzt eine dreiwöchige Quarantäne über das ganze Land verhängt. Diese Maßnahme hat die gesamte Logistik im Inland und im Export zum Erliegen gebracht und gleichzeitig zu Hamsterkäufen geführt.

Russland hatte den Export von verarbeitetem Getreide wie verzehrsfertigem Buchweizen, Reis oder Haferflocken zwischenzeitlich ausgesetzt. Die traditionellen Getreideexporte von Weizen, Gerste oder Mais, blieben von der Aussetzung zunächst noch unberührt – werden jedoch wöchentlich überprüft. Auf der anderen Seite hat der der Irak  - ein großer Getreideimporteur - angekündigt, 1,0 Million Tonnen Weizen und 250.000 Tonnen Reis anzukaufen, nachdem ein Krisenausschuss der Regierung den schnellen Aufbau strategischer Lebensmittelvorräte empfohlen hatte.

Eigentlich ist genug Nahrung da – sagen die Zahlen

Lebensmittel

Und diese Krise könnte sich mit der weiteren Ausbreitung der Corona-Pandemie ausweiten – obwohl eigentlich genügend Nahrungsmittel vorhanden sind. Doch Panikkäufe, Exportstopps und Großeinkäufe großer Importländer erschweren die Versorgung, die durch unterbrochene Lieferketten, Quarantäne und Arbeitskräftemangel ohnehin schon stark gestört ist.

Diese Entwicklung – in Verbindung mit dem panikartigen Kauf von Grundnahrungsmitteln und den sich ausweitetenden Handelsbeschränkungen – könnte einen sehr kräftigen Anstieg der globalen Nahrungsmittelpreise auslösen, glaubt der FAO-Ökonom Abdolreza Abbassian, und dass obwohl es in den wichtigen Exportnationen eigentlich reichlich Grundnahrungsmittel, wie Getreide und auch Ölsaaten gibt.

Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums soll die weltweite Produktion von Reis und Weizen – den wichtigsten und am meisten gehandelten globalen Grundnahrungsmitteln – in diesem Jahr voraussichtlich einen Rekordwert von 1,26 Milliarden Tonnen erreichen. Diese Menge wird den Gesamtverbrauch übertreffen und zu einem Anstieg der Lagerbestände auf einen Rekordwert von 469 Millionen Tonnen führen. Doch das sind nur Zahlen und die Aktivitäten der Menschen und der Länder richten sich offenbar nicht danach.

Schwankende Preise und Wirtschaftskrise

Wirtschaftskrise

Wenn Handel und Logistik gestört sind, hat dies auch massive Auswirkung auf die Agrarpreise. In welche Richtung es mit den Preisen geht, ist jedoch je nach Produkte und  Region zu Region sehr unterschiedlich. So sind die Preise für Reis und Weizen am Weltmarkt zuletzt kräftig gestiegen – während es für andere Produkte wie landwirtschaftliche Energierohstoffe – oder auch Milchprodukte und Fleisch – wegen der unterbrochenen Lieferketten – eher nach unten ging.

Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Die Märkte sind extrem nervös und reagieren auf die kleinste Veränderung. Einschränkungen im Personen- und Warenverkehr, die zahlreiche EU-Länder an ihren Grenzen als Reaktion auf die Pandemie eingeführt haben, stören auch in Europa die Lebensmittelversorgung, berichten Vertreter aus Industrie und Handel. Die Regierungen der G20-Gruppe führender Volkswirtschaften haben deshalb der Lebensmittelversorgung im Rahmen von Sofortmaßnahmen Priorität eingeräumt und sich verpflichtet, im Rahmen ihrer Reaktion auf die Coronavirus-Krise den internationalen Strom landwirtschaftlicher Güter sicherzustellen.

Der Chef der Welthandelsorganisation (WTO) Roberto Azevedo sagte am Mittwoch in einer Videobotschaft: "Jüngste Prognosen erwarten einen wirtschaftlichen Abschwung und Arbeitsplatzverluste, die schlimmer sind als die globale Finanzkrise vor einem Dutzend Jahren." Er sagte weiter: Konkrete Prognosen seien noch nicht verfügbar, aber die internen Ökonomen der WTO erwarteten auch einen sehr starken Rückgang des Handels. Er sagte jedoch auch, die Länder könnten Maßnahmen ergreifen, um die wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen und den Grundstein für eine langfristige Erholung zu legen, wenn die zusammenzuarbeiten.

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