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Strommarkt und Strompreise

Strompreise fallen an der Strombörse um 50 % – nicht für Stromkunden

stromzaehler
am Dienstag, 20.09.2022 - 13:55 (1 Kommentar)

Die Strompreise am europäischen Spotmarkt sind nicht einmal halb so hoch wie vor zwei Wochen. Mit den am Spotmarkt ebenfalls fallenden Gaspreisen ging es deutlich nach unten. Für Stromkunden steigen die Preise aber weiter.

Spotmarktpreise Strombörse.

Am 19. September wurde der deutsche Strom an der European Power Exchange noch mit 363,4 Euro je MWh gehandelt. Zum Monatswechsel lagen die Spotmarktpreise an der gleichen Stelle zwischen 550 und 700 Euro je MWh. Auch in den übrigen europäischen Ländern sind die Spotmarkpreise überwiegend unter 380 Euro je MWh gefallen – in Frankreich auf 378 MWh und in Polen unter 200 Euro MWh (siehe Karte).

Die Preise an Strombörse beziehen sich auf den sogenannten Übernachtmarkt. Dort kaufen große Stromgesellschaften und Profihändler Strom, den sie am nächsten Tag geliefert bekommen wollen. Das ist außerdem ein Preis noch ohne Steuern, Abgaben und Gewinnspannen der Versorger. Diese lagen im Juli nach Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im Schnitt bei 19 Cent je kWh. Das war mehr als die Hälfte des Strompreises, den die Verbraucher zu diesem Zeitpunkt zahlen mussten.

Zahlte ein Privathaushalt 1998 brutto durchschnittlich 17,11 Cent für eine Kilowattstunde, waren es 2018 im Mittel 29,47 Cent. Im Frühling 2022 lag der Preis inklusive aller Steuern und Abgaben bei rund 35 Cent. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox kostete Strom im August bereits 46 Cent je kWh. Damit ist er rund ein Drittel teurer als im Vorjahr.

Terminmarktpreise bleiben extrem hoch – Verbraucherpreise auch

Was bedeuten aber nun die Spotmarkpreise und welche Folgen hat der deutliche Rückgang? Hintergrund ist, dass die meisten Stromanbieter ihren Strom nicht selber erzeugen, sondern ihn von den Stromerzeugern kaufen. Das geschieht ebenen an der Strombörse oder Käufer und Verkäufer verhandeln direkt miteinander. Das nennt man dann Over-the-Counter-Geschäfte, kurz OTC.

Etwa die Hälfte des jährlichen Stromverbrauchs wird in Deutschland kurzfristig gehandelt (Spotmarkt). Für die anderen 50 % werden langfristige Lieferverträge geschlossen (Terminmarkt) um sich abzusichern, sagen die Experten. Hier waren die Preise zuletzt noch höher als am Spotmarkt.

Und die Terminkontrakte sind trotz der fallenden Spotmarktpreisen kaum zurückgegangen. Offenbar bleibt der Markt extrem skeptisch was die Stromversorgung der nächsten Monate betrifft.

Aktuell kosten die so genannte Basislast-Kontrakte für Januar 2023 rund 750 Euro/MWh und damit nur 40 Euro weniger als vor zwei Wochen. Die Terminpreise für die so genannten Spitzenlastkontrakte wurden für Januar 2023 zuletzt mit 1008 Euro je MWh gehandelt – das sind nur 112 Euro weniger als vor zwei Wochen. Außerdem sind das etwa 14-mal so hohe Preise wie vor einem Jahr.

Merit-Order-Effekt und andere Probleme

Gut 40 Prozent der deutschen Stromproduktion basierte zuletzt auf Braunkohle, Steinkohle und Erdgas. Und vor allem die extrem hohen Preise für das immer knappere Erdgas und zuletzt auch für Gasersatz Kohle, treiben die Preise an der Strombörse und an den Terminmärkten nach oben. Ein Preisentlastung ist trotz des Rückgangs am Spotmarkt nicht wirklich in Sicht. Eher im Gegenteil. Die Bundesregierung will daher mehr Kohle zu Stromerzeugung nutzen.

Doch Braunkohle setzt mehr Kohlendioxid frei als etwa Erdgas. Die Preise für die Emissionszertifikate (Verschmutzungsrechte) im Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) haben sich deshalb seit November 2020 verdreifacht. Pro Tonne Kohlendioxid, die bei der Stromproduktion anfällt, waren zuletzt rund 80 Euro zu zahlen.

Hinzu kommt: Die hohen Kosten für Strom aus Gaskraftwerken, beeinflussen auch die Preise für Ökostrom, der in Deutschland einen Anteil von gut 40 Prozent am Strommix hat. Die Produktion von Wind- und Sonnenstrom aus neuen Anlagen kostete 2022 etwa 4 bis 5 Cent/KWh. Dennoch hat der günstige Ökostrom nur wenig Einfluss auf die Preise an der Börse.

Der Grund liegt am Marktdesign: Das letzte Kraftwerk, das zur Deckung des Strombedarfs eingesetzt werden muss – und damit das teuerste ist –, bestimmt den Preis des Stroms an der Börse. Die Experten sprechen hier von den „Grenzkosten“ oder vom „Merit-Order-Effekt.“

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