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Globale Düngerkrise führt zu Missernten und Hungersnöten

Düngung
am Freitag, 05.11.2021 - 12:43 (5 Kommentare)

Der globale Mangel an Stickstoffdünger könnte im nächsten Jahr zu sehr schlechten Ernteerträgen und zu Nahrungsknappheit führen.

Kalkammonsalpter.

Darauf hat gestern (4.11.) mit CF Industries einer der größten Stickstoff-Düngerproduzenten in Nordamerika hingewiesen. Zu ähnlichen Aussagen kam vorige Woche bereits der größte deutsche Stickstoffproduzent, die SKW Piesteritz. „Wir sehen uns gezwungen, unsere Düngemittelproduktion weiter zu reduzieren. Der Grund ist einfach – die Düngemittelhändler sind derzeit nicht bereit, die für uns wirtschaftlich notwendigen Preise zu zahlen“, sagt Petr Cingr, Vorsitzender der Geschäftsführung der SKW Piesteritz.

Auch der nordamerikanische Marktführer CF Industries, mit einigen Werken in Europa, schlug Alarm: "Der akute Mangel an Stickstoffdünger infolge steigender Erdgaspreise drohe im nächsten Jahr die weltweiten Ernteerträge deutlich zu reduzieren", sagte CF Industries am Donnerstag.

Die europäischen Gaspreise sind wegen der hohen Nachfrage explosionsartig gestiegen, weil sich die Volkswirtschaften von der Pandemie erholen und die Gasspeicher zu Beginn der Heizperiode ziemlich leer sind. Außerdem haben die Europäer die Produktion von Erdgas und anderen fossilen Energieträgern mit Blick auf die Anforderungen des Green Deal deutlich gedrosselt.

Erdgas ist jedoch der wichtigste Kostenfaktor für die Produktion von stickstoffbasierten Düngemitteln, und die explodierenden Kosten haben dazu geführt, dass fast alle Hersteller ihre Produktion deutlich gedrosselt haben oder ganze Werke schließen. Dazu gehört  - neben der BASF und und der SKW Pieseritz - auch der größte europäische Hersteller Yara, dessen europäische Werke die Düngerproduktion um 40 Prozent runtergefahren haben.  

Krise dauert bis 2023 – Russland und China stoppen Export

harnstoff.

„Und wer soll die knappen Tonnen bekommen, die es im Moment da draußen gibt? Es wird eine Menge ungedeckter Nachfrage geben, die sich aufstauen wird", sagte CF-Industries-Chef Tony Will Analysten in einer Telefonkonferenz. "Wir glauben daher, dass die Erträge im nächsten Jahr auf globaler Basis deutlich sinken werden. Aber nicht etwa wegen einer gestörten Nachfrage, sondern einfach, weil nicht genügend Stickstoffdünger verfügbar ist."

Die Preise für Stickstoffdünger, das am häufigsten verwendete Düngemittel zur Steigerung der Erträge von Weizen, Mais, Raps und anderen Pflanzen, sind auf dem höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt – oder auch auf Rekordniveau. Die starke globale Nachfrage dürfte mindestens bis 2023 anhalten, sagt Bert Frost, Senior Vice President of Sales von CF, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Vorhersagen der US-amerikanischen CF über schlechtere Getreideernten spiegeln die Aussagen des größten europäischen Herstellers Yara International wider, der davor warnt, dass steigende Düngemittelpreise die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben und sogar zu einer Hungersnot führen könnten.

Doch die Krise wird jetzt noch weiter verschäft: Russland will nämlich den Export von Stickstoffdünger für die nächsten sechs Monate einschränken, um einen weiteren Anstieg der Lebensmittelpreise einzudämmen, kündigte der russische Ministerpräsident am Mittwoch an. Auch China, sonst ein großer Exporteur von Harnstoff und Phosphor, schränkt die Ausfuhr von Mineraldünger deutlich ein und kontrolliert zudem den möglichen Export sehr streng.

Düngerkauf und Ausbringung werden reduziert

Explodierende Stickstoffpreise und unsichere Lieferungen im kommenden Frühjahr könnten Landwirte dazu bringen, Stickstoff außerhalb des normalen Anwendungsfensters zu verabreichen, glaubt John Lory, Spezialist für Nährstoffmanagement der University of Missouri.

„Wir befinden uns möglicherweise in einer beispiellosen Zeit mit Blick auf das Stickstoffmanagement für die Anbausaison 2022“, sagt Lory. Landwirte stünden unter Druck, von den besten Praktiken für das Stickstoffmanagement abzuweichen und ihre N-Anwendungen deutlich zu reduzieren."

Marktberichte zeigen weltweit explodierende Stickstoffkosten. Analysten erwarten deshalb, dass die im Frühjahr zur Verfügung stehenden Mengen erheblich knapper sein werden als normal.

Dies verschärft die Sorgen der Landwirte, die wegen der hohen Preise oder der kaum verfügbaren Mengen bis zum Frühjahr mit dem Einkauf warten wollen: "Doch dann ist möglicherweise überhaupt keine Ware mehr verfügbar", warnt Agrarökonom Ray Massey, Professor für Agrarwissenschaften und angewandte Ökonomie.

Hohes Risiko, keinen Dünger mehr zu bekommen

Phospordünger.

Diese Unsicherheit könnte anderseits dazu führen, dass in diesem Jahr Landwirte mehr Stickstoff im Herbst kaufen und auch ausbringen, befürchtet Agrarökonom Lory. Doch der Zeitpunkt der richtigen Stickstoffdüngung ist komplex. Eine zu frühe oder zu späte Ausbringung ist mit erheblichen Risiken verbunden. Der richtige Zeitpunkt ist eine wichtige agraronmisches Zielgröße, die sonst vor allem vom Wetter und den saisonalen Abläufen abhängt.

„Landwirte müssen ihre Strategien hinsichtlich des Risikomanagements in Bezug auf den Preis von Düngemitteln, auf die Verfügbarkeit am Markt und auf die Ausbringung rechtzeitig treffen“, rät Lory deshalb. In Nordamerika überschatten der rapide Anstieg der Düngemittelpreise und die zunehmende Verknappung wichtiger Pflanzenschutzwirkstoffe wie Glyphosat und Glufosinat die überdurchschnittlichen Ernteergebnisse und hohen Getreidepreise vieler Landwirte, berichtet der US-Onlindienst DTN.

„Diese Düngerpreise sind die höchsten, die ich in den 10 Jahren meiner Tätigkeit gesehen habe“, sagte Jay Magnussen, Landwirt aus dem Nordwesten von Iowa. „Für die Zukunft sehe ich die Hauptsorge für die Ernte im nächsten Jahr in der Verfügbarkeit und dem Preis von Dünger und anderre Chemikalien – ich habe jede Woche, wenn nicht jeden Tag, Preiserhöhungen gesehen“, fügte er hinzu.

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