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Gaslieferungen aus Russland

Das Ende der Düngerproduktion in Deutschland? – Putins Schachzug

Chemiefabrik.
am Donnerstag, 24.03.2022 - 12:02 (4 Kommentare)

Putin will sich Gas nur noch in Rubel bezahlen lassen. Das geht aber wegen der Sanktionen nicht. Dann könnten Gas und Öl aber ausbleiben – mit dramatischen Folgen für die Chemie- und Düngerindustrie in Deutschland.

Öltanks.

Auf Anordnung des russischen Präsidenten Wladimir Putin sollen „unfreundliche Staaten“ (also auch Deutschland) russisches Gas jetzt nur noch mit Rubel bezahlen dürfen. Das ist für die westlichen Staaten jedoch nur möglich, wenn sie im Gegenzug für Dollar oder Euro bei der russischen Zentralbank Rubel tauschen. Doch das geht eigentlich nicht mehr. Finanztransaktionen mit der russischen Zentralbank sind im Rahmen der vom Westen eingeführten Sanktionen nämlich verboten.

Bislang werden russische Gaslieferanten hauptsächlich in Dollar bezahlt. Der russische Lieferant - etwa Gazprom - musste das Geld dann bei der russischen Zentralbank gegen Rubel tauschen. Würden die Europäer die Forderungen Putins akzeptieren, müssten sie gegen die eigenen Sanktionen verstoßen. Faktisch bedeutet das: Deutschland und andere europäische Staaten können wahrscheinlich kein Gas mehr von Russland kaufen.

Damit wären aber die großen Chemie- und Düngerfabriken in Ostdeutschland – nämlich Piesteritz, Leuna und Schwedt - die direkt an den russischen Gas- und Ölleitungen hängen, von ihrer Lebensader abgeschnitten. Denn: Ohne das Gas aus Russland können sie keinen Stickstoffdünger, kein Ammoniak und kein Wasserstoff mehr produzieren. Und ohne das Öl aus Russland, würde auch die Diesel- und Heizölproduktion zum Erliegen kommen.

Ohne Gas und Öl aus Russland gehen wohl die Lichter aus

Insgesamt 34 % seines Erdöls importiert Deutschland aus Russland. Im Jahr 2021 waren es immerhin knapp 28 Millionen Tonnen. Beim Erdgas deckte Russland mit rund 56 Milliarden Kubikmetern sogar 55 % des deutschen Bedarfs. Auf über ein Drittel dieser Gaslieferungen ist die Industrie angewiesen – entweder als Energielieferant oder als Rohstoff zur Weiterverarbeitung - unter anderem für Produktion von Stickstoffdünger, Ammoniak und Wasserstoff.

Bis vor kurzem floss noch mehr Gas nach Europa als vor Ausbruch des Krieges, sagte Christof Günther, energiepolitischer Sprecher des Verbandes der Chemischen Industrie Nordost und Betreiber der InfraLeuna, gegenüber dem MDR. „Es kommen weiterhin große Erdgasmengen über die Ukraine-Pipeline", sagt Günther. Am Chemiestandort Leuna betreibt die InfraLeuna zwei Kraftwerke, die auf das russische Erdgas angewiesen sind. "Etwa 50 bis 60 Prozent der Mengen, die wir benötigen, kommen aus Russland", sagt der Manager.

Nicht auf Erdgas, sondern auf Rohöl aus Russland ist die große Raffinerie in Leuna angewiesen. Eigentümer ist der französische Mineralölkonzern TotalEnergies. Nach Angaben des Unternehmens verarbeitet die Destillationsanlage der Raffinerie täglich rund 30.000 Tonnen Rohöl. Das Öl kommt vorwiegend über die zu DDR-Zeiten gebaute Pipeline "Druschba" aus Russland. Etwa 1.300 Tankstellen werden direkt aus Leuna beliefert, schreibt der Konzern auf seiner Homepage.

Ohne Gas kein Dünger und ohne Öl kein Diesel

chemiefabrik.

Das Gas ist der wichtigste Rohstoff für die Produktion von Stickstoffdünger. Ohne Gas kann das dafür notwendige Ammoniak nicht hergestellt werden. In Piesteritz in Sachsen-Anhalt steht die größte deutsche Fabrik für Stickstoffdünger und man benötigt große Mengen an Erdgas für die Produktion.

Schon die sehr hohen Erdgaspreise haben bereits zu einer Drosselung der Produktion in vielen europäischen Düngerwerken geführt und den Preisanstieg bei Stickstoffdünger weiter angeheizt. Denn Russland ist nicht nur der wichtigste Gaslieferant, sondern auch der größte Exporteur von Stickstoffdünger. Diese Exporte wurden ausgesetzt, mit dramatischen Folgen für die globalen Düngerpreise und die weltweite Versorgung.

Ein Ende der Düngerproduktion in Piesteritz hätte ähnlich dramatische Folgen für die Düngerversorgung in Deutschland und natürlich auch für die Düngerpreise. Auch die zuletzt wieder stark gestiegenen Gaspreise bedrohen die Produktion von Stickstoffdünger und Wasserstoff in Piesteritz und Leuna. „Unsere Wettbewerbsfähigkeit droht verloren zu gehen", sagt Leuna-Manager Günther, denn die erhöhten Energie- und Fertigungskosten würden es unmöglich machen, langfristig mit Billigproduzenten zu konkurrieren.

Auch in Brandenburg werden Öl und Gas aus Russland verarbeitet. In Schwedt bereitet die PCK-Raffinerie Öl zu Kraftstoffen und Heizöl auf. Wie auch Leuna bezieht das Werk sein Öl direkt aus Russland.

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