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Getreidemarkt und Getreidepreise

China verzerrt die globalen Getreidebilanzen

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am Freitag, 19.06.2020 - 12:47 (Jetzt kommentieren)

Die Getreidepreise stehen unter Druck. Ein Grund sind die rekordhohen Getreidebestände - vor allem in China.

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Sowohl bei Weizen, als auch bei Mais, Reis und Soja, erreichen die Endbestände neue Rekordwerte. Diese Bestandsdaten bilden die Grundlage für die Einschätzung der Analysten zur künftigen Marktversorgung und damit auch für das Preispotential. Hier wird im Allgemeinen das Verhältnis der globalen Endbestände zum Verbrauch – das sogenannte Stock-to-use-ratio als Indikator genutzt. Und dieser Indikator erreicht bei allen wichtigen Getreidearten neue Höchstwerte und signalisiert eine – theoretisch – extrem gute Marktversorgung.

Doch ein genauer Blick auf die Daten zeigt noch eine andere Wahrheit: Bei allen wichtigen Getreidearten befindet sich nämlich ein gewaltiger Teil der globalen Lagerbestände in China – und steht dem Markt damit eigentlich gar nicht zur Verfügung. So macht der der letzte Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) deutlich: Die Hälfte der gobalen Weizenvorräte lagert in China, bei Reis sind sogar 63 Prozent und beim Mais knapp 60 Prozent.

Dahinter stehen allerdings auch chinesische Rekordernten bei allen wichtigen Getreidearten. Doch diese Rekordernten fließen zum einen auf den streng regulierten chinesischen Binnenmarkt und zum anderen in die strategische Lagerhaltung – die nach der letzten Finanzkrise kräftig ausgebaut wurde. Ohne Chinas gewaltige strategische Bestände bei Weizen, Reis, Mais und Soja ergibt sich oft ein völlig anderes Bild von den globalen Versorgungsbilanzen.

China: Ein streng regulierter Getreidemarkt

China Reisfelder

Derzeit ist China, nach der Europäischen Union, der zweitgrößte globale Weizenproduzent und nach den USA der zweitgrößte Erzeuger von Körnermais. Bei Reis rangiert das Reich der Mitte auf Position eins - mit deutlichem Vorsprung vor Indien. In diesem Jahr prognostiziert das USDA bei allen drei Getreidearten neue Rekordernten.

Fakt ist jedoch: Die Verflechtung mit den globalen Märkten bei Mais, Weizen und Reis ist relativ gering. Mögliche Importe werden über feste, an staatliche sowie private Importeure vergebene (versteigerte) Kontingente geregelt, die in den letzten Jahren häufig nicht ausgeschöpft wurden. Außerdem ist die Differenz zwischen den staatlich garantierten Mindestpreisen für Weizen und Mais sowie den Weltmarktpreisen oftmals sehr hoch.

Und auch zwischen den Getreidearten unterscheidet sich die Situation, denn China versucht seit einigen Jahren seinen Getreidemarkt zu reformieren und „marktwirtschaftlicher“ zu organisieren. Der Grund: Mit den hohen staatlichen Getreidepreisen und den hohen Beständen sind auch die Lagerkosten explodiert. Außerdem stiegen die Futterkosten für die chinesische Tierproduktion auf diese Weise ebenfalls immer weiter an.

Diese Entwicklung bremste auch die weitere Entwicklung der Tierproduktion. Deshalb versuchen die chinesichen Futtermittelhersteller auch auf preiswertere Alternativen bei der Tierfütterung auszuweichen. Die Folge waren sehr umfangreiche Importe von Gerste und Sorghum, sowie von sognannten Destillier Grains (DDGS) und auch von Cassava. Hier sind die Märkte deutlich weniger reguliert und die Preise erheblich niedriger

Ohne Chinas Bestände sehen die Märkte anders aus

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Doch zurück zu den aktuellen Beständen: Die rekordhoch erwartete Weizen- und Reisernte lassen auch die Lagerbestände in China kräftig weiter anwachsen – auf jeweils neue Rekordwerte von 162 Millionen Tonnen beim Weizen und 118 Millionen Tonnen beim Reis. Die Lagerbestände wären damit beim Weizen rund 26 Millionen Tonne größer als die aktuelle Rekordernte und beim Reis wächst der Lagerbestand auf fast 80 Prozent der Erntemenge und auch des Verbrauchs an.

Beim Weizen und Reis wird der größte Teil der Ernte in der Nahrungsmitteproduktion für die städtische Bevölkerung eingesetzt. Allerdings gibt es beim chinesischen Weizen (und auch bei Mais) immer wieder Qualitätsprobleme. Deshalb wird trotz der riesigen Ernte und den hohen Beständen immer wieder Qualitätsweizen importiert werden  – in diesem Jahr etwa 6 Millionen Tonnen. Das sind knapp 5 Prozent der Verbrauchsemenge.  

Trotz der relativ geringen Verflechtung mit den internationalen Märkten - bei Weizen und Reis -  blähen die weiter wachsenden chinesischen Bestände die internationalen Versorgungsbilanzen jedoch immer auf und führen damit  - möglichweise - auch zu Fehleinschätzungen in Hinblick auf die weltweit verfügbaren Getreidemengen.

Beim Weizen würden in der neuen Saison weltweit etwa 41 Prozent der globalen Ernte als Lagerbestände (Endbestand) verfügbar sein. Rechnet man China heraus, befinden sich nur noch 24 Prozent einer globalen Weizenernte in den Lagern. Beim Reis rechnet das USDA in der nächsten Saison mit Lagerbeständen von 37 Prozent der globalen Ernte. Rechnet man China heraus, liegen nur 16 Prozent einer globalen Reisernte in den Lagern.

Besondere Situation beim Mais

China Reisfeld

Beim Mais ist die Situation anders: Hier hält China zwar ebenfalls mehr als die Hälfte der globalen Bestände, und diese Bestände nehmen seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Bereits vor dem Handelskrieg mit den USA hatten die Chinesen damit begonnen, ihren streng regulierten Binnenmarkt für Getreide zu reformieren. Vor allem die gewaltigen Maisbestände sollte dabei abgebaut werden.

Über Auktionen und möglichst günstige Preise wurde dieser Mais an chinesische Futterhersteller verkauft. Das lässt die chinesischen Maisbestände nach Einschätzung des USDA von etwa 223 Mio. t im Wirtschaftsjahr 2017/18 „auf nur noch“ 201 Mio. t im Wirtschaftsjahr 2019/20 abschmelzen. In der kommenden Saison rechnet das USDA wegen der weiter ansteigenden Maisverfütterung mit einer weiteren Bestandsreduzierung auf nur noch 198 Mio. t. Allerdings hat sich der Abbau der Maisbestände durch die Afrikanische Schweinpest (ASP) und den dramatischen Abbau der chinesischen Schweinebestände spürbar verlangsamt.

Doch an der globalen Versorgungslage mit Mais hätte sich durch diesen Prozess kaum etwas geändert. Denn auch die reduzierten chinesischen Bestände entsprechen drei Viertel der chinesischen Erntemenge und mehr als der Hälfte der globalen Bestände. Weltweit wird etwa ein Viertel der jährlichen Maisernte eingelagert. Rechnet man China heraus, befinden sich nur 14 Prozent einer globalen Maisernte in den Lagern.

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