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Getreidepreise

Ernte 2020: Getreide nicht überstürzt vermarkten

Getreideerntemaschine auf dem Feld
am Mittwoch, 05.08.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Von gelegentlichen Niederschlägen unterbrochen, läuft in Deutschland in vielen Regionen die Weizen- und Rapsernte. Wie ist die Lage am deutschen und europäischen Markt? Welchen Einfluss hat die schwache Weizenernte in Frankreich und was gibt der Weltmarkt vor? Marktexperte Dr. Klaus-Dieter Schumacher analysiert im agrarheute-Sommerinterview die Vermarktungssituation.

Dr. Klaus-Dieter Schumacher, Agrarmarktexperte

Die deutsche Getreideernte ist weit vorangeschritten. Wie haben Weizen und Gerste dieses Jahr gedroschen?

Dr. Klaus-Dieter Schumacher: Die Erträge schwanken in diesem Jahr stark von Region zu Region. Insgesamt dürfte die Weizenernte aber mit ca. 22 Mio. t rund 1 Mio. t unter der des letzten Jahres bleiben.

Bei Gerste gehen die Marktbeobachter zurzeit davon aus, dass die Produktion nur knapp unter den 11,7 Mio. t aus 2019 liegen wird. Insgesamt dürften in Deutschland in diesem Jahr etwa 45 Mio. t Getreide eingebracht werden, ein Plus von rund 1 Mio. t im Vergleich zu 2019. Der Zuwachs geht dabei auf das Konto von Roggen und von Mais.

Wie sieht das in der EU aus?

Für die EU-27 ohne das Vereinigte Königreich liegen die Schätzungen für Getreide insgesamt zwischen 280 und 285 Mio. t. Die Kommission der EU geht in ihrer letzten Prognose von rund 282 Mio. t aus, ein Minus von 12 Mio. t bzw. 4 % im Vergleich zu den 294 Mio. t des letzten Jahres.

Fast der gesamte Rückgang entfällt dabei auf Weizen. Hier wird die diesjährige EU-Ernte auf nur knapp 117 Mio. t veranschlagt, während es im letzten Jahr noch fast 131 Mio. t waren. Besonders kräftig fällt dabei aufgrund der stark reduzierten Anbaufläche der Rückgang in Frankreich aus. Dort wird die Weizenproduktion bei nur 30 bis 31 Mio. t gesehen, ein Minus von 9 Mio. t im Vergleich zu 2019 und das schlechteste Ergebnis seit 2016. Die Gerstenproduktion in der EU-27 wird auf 54 Mio. t geschätzt, ca. 1 Mio. t niedriger als 2019.

Abwarten scheint derzeit die bessere Option zu sein

Weltweit scheint der Weizenmarkt laut USDA reichlich versorgt zu sein. Wie schätzen Sie den Weltmarkt ein?

Der globale Weizenmarkt wird 2020/21 gut bis sehr gut versorgt sein. Dies liegt vor allem daran, dass in Russland die Erträge besser ausfallen als erwartet. Entsprechend gehen die Marktbeobachter mittlerweile davon aus, dass die russische Ernte in diesem Jahr auf 78-79 Mio. t steigen könnte nach nur 73,5 Mio. t im letzten Jahr. Insgesamt wird die kleinere EU-Ernte mehr als ausgeglichen, und die Weizenbestände werden zum Ende des Wirtschaftsjahres 2020/21 erneut ansteigen und die Preisphantasie begrenzen. 

Sollten Landwirte darum lieber jetzt vermarkten oder lohnt es abzuwarten?

Diese Frage ist ganz schwer zu beantworten. Die starke Konkurrenz aus Russland und der starke Kurs des Euro gegenüber dem US-Dollar machen Exporte aus der EU heraus aktuell schwer. Wahrscheinlich ist es zurzeit besser, erst einmal abzuwarten und zu sehen, wie gut die Ernten in der Schwarzmeerregion tatsächlich werden und wie sich die Aussichten für Weizen auf der südlichen Halbkugel (Australien, Argentinien) weiter entwickeln.

Chinas Einkaufslust treibt die Ölsaatenpreise

Rapskörner

Die deutsche Rapsernte wird das – allerdings sehr schwache – Vorjahr übertreffen. Trotzdem sind die Preise seit Anfang Juli deutlich gestiegen. Woher kommt der Auftrieb und wie viel Luft hat der Rapspreis noch nach oben?

Der Rapsmarkt kann wie immer nur bedingt ein „Eigenleben“ entwickeln. Die aktuell feste Tendenz hat maßgeblich mit dem Anstieg der Sojanotierungen aufgrund der hohen Importe Chinas aus den USA zu tun. Abzuwarten bleibt, ob diese Käufe weitergehen oder neue handelspolitische Verwerfungen wieder zu kleinerem Geschäft und niedrigeren Preisen führen.

Eine weltweit sehr große Maisernte lässt wenig Spielraum für höhere Preise

Maispflanzen in den USA, im Hintergrund ein Silo

Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf die Maisernte?

Für den Maismarkt bleibt die Ernte in den USA entscheidend. Dort sind die Wachstumsbedingungen bisher gut bis sehr gut, so dass mit einer großen Ernte zu rechnen ist. Das US-Landwirtschaftsministerium geht zurzeit von rund 380 Mio. t aus, etwa 35 Mio. t mehr als im letzten Jahr. Einige private Analysten rechnen mittlerweile mit einer noch größeren Ernte, da sie höhere Erträge als das USDA erwarten. Und auch die Ukraine sieht einer sehr guten Maisernte entgegen, so dass wenig Potential für deutlich höhere Preise vorhanden ist.

Welchen Rat würden Sie für Ackerbauern aus den aktuellen Mengen und Preisen für die Anbauplanung 2021 ableiten?

Aus Marktsicht sind meines Erachtens keine Gründe für größere Verschiebungen in der Anbauplanung zu sehen.

Hier geht es zu den aktuellen Getreidepreisen am Terminmarkt.

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