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Ökolandbau

Ernte und Preise bei Biogetreide – mehr Markt und viele Probleme

hafer.
am Freitag, 18.12.2020 - 09:30 (1 Kommentar)

Reichlich eine Millionen Tonnen Getreide haben Biobauern dieses Jahr geerntet. So viel wie nie zuvor.

biogetreide.

Das hat Folgen für Absatz und Preise – denn nicht alle Biogetreidearten waren so gefragt wie Dinkel – der den Bauern dieses Jahr förmlich aus den Händen gerissen wurde – und auch mit Abstand die besten Preise erzielte.

Ganz besonders unter Druck stand wieder einmal der Markt für Bio-Futtergetreide – und auch für Roggen. Der Grund: Erneut drängte sehr viel Umstellware auf den Markt. Dieses Getreide musste deshalb nicht selten zu konventionellen Preisen verkauft werden.

Auslöser für die Absatzprobelme dürfte – neben dem Umstellungsboom aus dem vorigen Jahr– auch die vergleichsweise begrenzten Absatzmöglichkeiten in der ökologischen Tierhaltung sein – wenn man einmal die Entwicklung der ökologisch gehaltenen Tierbestände und deren Futterbedarf zu Grunde legt. Nicht einmal ein Prozent des Schweinefleischs in Deutschland werden derzeit ökologisch erzeugt - bei Rindfleisch kommen die Ökobauern immerhin auf 5 Prozent. Da braucht man also auch nicht viel Futtergetreide.

Fakt ist jedenfalls: Das Wachstum in der ökologischen Tierhaltung war zuletzt lange nicht so dynamisch wie im Ackerbau – auch wenn die Nachfrage – etwa nach Bioschweinefleisch – gerade in der Corona-Krise kräftig zunahm. Für viele andere Bioprodukte hat es in der Zeit des ersten Lockdowns ebenfalls einen kräftigen Nachfrageschub gegeben – der sich im weiteren Verlauf des Jahres aber wieder etwas abflachte.

Mehr als 1 Millionen Tonnen Biogetreide

biogetreide.

Die Anbaufläche für Biogetreide lag in diesem Jahr zwischen 360.000 und 370.000 Hektar. Damit ist die Biogetreidefläche mit etwa 5 Prozent lange nicht mehr so dynamisch gewachsen wie 2019. Damals lag der Zuwachs – wegen der sehr vielen Umsteller – immerhin bei 46.000 Hektar bzw. 15 Prozent. So nahm die Biogetreidefläche 2019 auf 348.000 ha zu.

Die Erntemenge dürfte dieses Jahr – nach den bisherigen Schätzungen – auf den neuen Rekordwert von etwa 1,1 Millionen Tonnen gewachsen sein. Bereits im vorigen Jahr hatten die Biobauern wegen des Umstellungsbooms rund 1,0 Millionen Tonnen Biogetreide von ihren Feldern geholt.

Fakt ist aber auch: Mit dieser Erntemenge kommt die Produktion von Biogetreide gerade einmal auf 2,5 Prozent der gesamten deutschen Getreideernte – während der Anteil an der gesamt Getreidefläche – wegen der nur halb so hohen Erträge – immerhin bei 6 Prozent liegt.

Das Statistische Bundesamt meldet für die deutsche Getreide-Ernte 2020 immerhin einen Durchschnittsertrag von 71,1 dt je Hektar – bei Biogetreide dürften es etwas mehr als 30 dt je Hektar gewesen sein.  

Verschiebung der Ökoverordnung hilft Umstellern

bauer getreidefeld.

Schaut man auf die Preisentwicklung, gewinnt man den Eindruck, dass das Angebot an Bio-Getreide in einigen Marktsegmenten größer ist als die Nachfrage. Das trifft vor allem für Futtergetreide zu und führt dazu, dass ein Teil des Bio-Futtergetreides im konventionellen Bereich abgesetzt werden muss – oder sich preislich ganz in der Nähe des konventionellen Getreides bewegt.

Etwas überraschend gab es aber eine Marktentlastung für Umstellware: Nämlich durch die Verschiebung der neuen EU-Ökoverordung vom 01. Januar 2021 auf den 01. Januar 2022. Dadurch können tierhaltende Betriebe bis zum nächsten Jahr noch bis zu 30 Prozent Umsteller-Getreide verfüttern – und auch Futtermittelhersteller dürfen bis dahin Komponenten in ihren Futtermischungen einsetzen.

Getreide für den Lebensmittelbereich – speziell vertraglich gebundene Verbandsware – ließ sich hingegen auch 2020 relativ gut vermarkten. Und auch die Preise für diese Produkte waren oft deutlich höher als etwa für die EU-Ware. Ganz besonders hat sich in diesem Jahr Dinkel vom übrigen Markt abgesetzt – und auch Hafer konnte zeitweise zu sehr guten Preisen verkauft werden.

Dennoch: Für die meisten Getreidearten waren die Preise –  vor allem auch für die EU-Ware – auf relativ kleine Prämien zum konventionellen Getreide zusammengeschrumpft. Noch vor wenigen Jahren war der Preisabstand weitaus größer.

Bei manchen Umsteller könnte sich deshalb durchaus Ernüchterung breitmachen: Niedrige Erträge, hohe Betriebskosten und mehr Arbeitsaufwand, dürften bei den derzeitigen Preisen für EU-Ware und Futtergetreide oft nicht einmal die Kosten decken.

Das Angebot wächst – und die Preise fallen

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Fast zusammengebrochen ist nach Einschätzung der AMI – zumindest zeitweise – der Markt für Bio-Roggen. Die Ursache: Hohe Preise in den vergangenen Wirtschaftsjahren hatten bei dieser Kultur zu erheblichen Flächenausweitungen geführt – in Deutschland, aber auch im Baltikum.

Die Folge: Ein Überangebot sn Roggen und abstürzende Preise. Dieses Szenario könnte sich angesichts der aktuell sehr hohen Preise und starken Nachfrage durchaus auch bei Dinkel (und Hafer) wiederholen. Bio-Roggen musste deshalb zuletzt immer häufiger zu konventionellen Preisen verkauft werden. Ohnehin haben sich bei den meisten Kulturen die Preise für Umstellungsware – die grundsätzlich als Futter verwendet wird - den konventionellen Preisen angenähert.

Das gleiche gilt offenbar auch für die frei gehandelte und vertraglich nicht langfristig gebundene EU-Ware. Neben der Umstellwaren drängt allerdings auch Biogetreide aus dem benachbarten EU-Ausland auf den deutschen Markt. Auch dort wurde der Anbau zum Teil kräftig ausgeweitet – während die Nachfrage nach ausländischem Biogetreide, wegen des eigenen Produktionswachstums – kontinuierlich gesunken ist.Das sorgt natürlich für zusätzlichen Preisdruck.

Nach Einschätzung der AMI wurden im Jahr 2015/16 immerhin 25 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Bio-Getreides importiert. Im Jahr 2018/19 kamen nur noch 17 Prozent aus dem Ausland und aktuell dürfte der Bedarf noch weitaus kleiner sein – während das Angebot EU-weit gewachsen ist.

Die Großen Händler mischen sich ein - das hat Folgen

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Mit dem Wachstum der heimischen Biogetreide-Produktion ist auch der Bedarf an Lager- und Verarbeitungskapazitäten immens gewachsen. Immer mehr Händler und Verarbeiter versuchen deshalb in das Geschäft mit Biogetreide – zumindest mit EU-Ware – einzusteigen. Das führt nicht nur zu mehr Wettbewerb, sondern auch zu veränderten Vertragsbedingungen – und zu mehr Markt.

Die lange Zeit üblichen sehr langfristigen Verträge werden zumindest bei den Standardkulturen und bei EU-Ware weniger, berichtet die AMI. Auf der anderen Seite wird der Preisunterschied zwischen der langfristig gebundenen Verbandsware und frei gehandelten EU-Bio-Ware immer größer.

Mittlerweile spielen auch die ganz großen Firmen am Biogetreidemarkt mit. So hat etwa die Agrarvis 2018 die nach dem EU-Bio-Siegel zertifiziert biovis agrar GmbH für die die ökologische Landwirtschaft gegründet und bietet Landwirten auch zertifizierte Erfassungs- und Lagerstätten an.

Speziell in Niedersachsen sieht Frank Deckert von biovis großes Potenzial für Bio-Getreide, denn es ist das Bundesland mit der bislang geringsten Ökodichte. „Dort gibt es auch eine geringe Dichte an Getreidelagerstätten mit Dienstleistungen, die auch Bio-Getreide annehmen können“, sagt er. 

"Wir haben aufgrund unseres Potenzials aber die Möglichkeit, in der Ernte die Ware zu erfassen und zu bezahlen, was in der Ökobranche nicht so weit verbreitet ist“, sagt Deckert. Dieses "Eindringen" der großen Player in einen bislang relativ abgeschotteten Markt, zeigt sicher auch den Bioverbänden, woher der Wind künftig weht, könnte man ergänzen.

Kommentar

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