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Getreideernte und Marktprognosen

Warum die Ernte-Prognosen nie stimmen – und die Bauern sauer sind

Landwirt prüft die Getreideähren
am Freitag, 10.07.2020 - 14:05 (3 Kommentare)

Viele Ackerbauern sind sauer. Erst hieß es, die Getreideernte wird riesig, nun auf einmal bricht die Produktion ein.

Getreide kurz vor der Ernte

Die Getreidepreise reagieren entsprechend: Erst ging es steil nach unten – jetzt steigen die Kurse. Viele Landwirte fragen sich nun: Was kann man als Landwirt von solchen Prognosen halten und kann das überhaupt sein, dass das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) in Washington die Getreidepreise in Europa bestimmt.

Nicht wenige Bauern befürchten zudem, dass die Daten manipuliert werden – zu ihrem Nachteil. Wenn man einmal auf die Nitratmessung in Deutschland schaut – Schlagwort Messstellennetz - kann man das sicher auch verstehen. Doch bei den Ernteprognosen liegt die Sache anders. Hier bildet ein sehr komplexes System von Befragungen, Schätzungen, Beobachtungen und Hochrechnungen die Basis – bei dem sehr viel Personen und Institutionen beteiligt sind.

Gleichzeitig spielen solch große Unsicherheitsfaktoren wie das Wetter eine entscheidende Rolle sowohl bei der Entwicklung der Anbaudaten – vor allem aber bei den erwarteten und ständig angepassten Erträgen. Ohnehin darf man die Erntemenge und vor allem die Ertragsprognosen nicht als statische Größe verstehen, sondern als einen sehr dynamischen Prozess, der regelmäßig an die Realität – also an die Auswirkungen des Wetters – angepasst werden muss.

Können Prognosen die Preise manipulieren?

vertrags-landwirtschaft

Im Übrigen kritisieren nicht nur die Landwirte in Europa und Deutschland die Ernteprognosen – sondern auch in den USA stehen die Ernte- und Anbauschätzungen oft massiv in der Kritik. Immer wieder äußern Bauern die Überzeugung, dass das USDA eine "versteckte Agenda" für die Erstellung der Schätzungen und Prognosen hat. Diese „Agenda“ konzentriert nach dieser Lesart auf Manipulationen für eine Vielzahl von Zwecken, einschließlich Beeinflussung der Getreidepreise. Doch ist das langfristig überhaupt möglich?

Die Frage lautete deshalb: Wie entstehen die Prognosen, wie werden sie erhoben, wie sicher sind sie und wie beeinflussen sie die Getreidepreise – und am Ende auch das Verhalten der Bauern und der übrigen Marktakteure. Fakt ist jedenfalls: Im Prinzip ist die Basis für die Ernteschätzungen in allen Ländern und Regionen ähnlich. Den Ausgangspunkt bilden die Schätzungen für die Aussaatflächen im Herbst oder im Frühjahr, ganz überwiegend auf der Grundlage von Befragungen von Landwirten über ihre Anbauabsichten – durch verschiedene Institutionen.

Hinzu kommen mittlerweile Satelliten-Beobachtungen – und neuerdings auch die Erfassung und Bewertung der Flächen durch Drohnen. Wichtig ist auch:  Diese Anbaudaten werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert – durch weitere Befragungen und soweit dies möglich ist, durch Messungen und den Abgleich mit anderen Daten.

In Europa war zum Beispiel schon sehr früh zu erkennen, dass die Anbauflächen für Winterweizen in diesem Jahr deutlich kleiner sind – weil die Aussaat infolge der massiven Regenfälle im vorigen Herbst nur sehr eingeschränkt möglich war. Die Erhebungen aus den wichtigsten Anbauländern zeigten unter andere: Für Frankreich einen Anbaurückgang um 350.000 Hektar auf den kleinsten Wert seit zwei Jahrzehnten, in Deutschland betrug das Minus 200.000 Hektar bzw. fast 7 Prozent und Polen immerhin noch 100.000 Hektar.

Warum werden die Erträge ständig angepasst?

getreide-ernte-frankreich

Die zweite wichtige Grundlage für die Ernteschätzungen bilden die erwarteten Erträge – und diese hängen in ganz besonderer Weise vom Wetter im Verlauf der Wachstumsperiode ab – man denke an die Trockenheit der letzten drei Jahre oder an die Überflutungen in den USA im vorigen Jahr. Die erste sehr frühe Schätzung der Getreideernte basierte auf der bis dahin unterstellten Anbaufläche und den längerfristigen Durchschnittserträgen – bei Weizen liegen diese in Europa etwa bei 5,76 dt je Hektar.

Entsprechend schlecht – wegen der kleinen Anbaufläche – waren auch schon die frühen Ernteprognosen für Europa, Frankreich und Deutschland. In anderen Weltregionen sah es jedoch anders aus: Hier waren die Anbauflächen oft deutlich größer als im vorigen Jahr – das traf unter anderem für die Topexporteure Russland, Australien und Kanada zu – und auch für die sehr großen Produzenten Indien und China. So kommt es am Ende dazu, dass die globale Weizenernte – zunächst auf dem Paper – riesig ist, obwohl sie in Europa offenbar ziemlich klein wird.

Fakt ist auch: Der Weizenmarkt ist ein global sehr stark vernetzter Markt. Die Preise bilden sich deshalb an den wichtigsten Exporthandelsplätzen. Immerhin müssen die Europäer fast ein Viertel ihrer Ernte am Weltmarkt verkaufen und die Russen sogar mehr als die Hälfte. Auch Deutschland exportiert (je nach Ernte) bis zur Hälfte seiner Weizenernte (einen Großteil in andere EU-Länder). Das hat enormen Einfluss auf die Preisbildung am jeweiligen Binnenmarkt. Ebenso wichtig ist der Wechselkurs des in US-Dollar gehandelten Getreides zum Euro.

Hinzu kommt: Der Terminmarkt bildet die kleinste Änderung in den gloaben und regionalen Daten sofort ab. Im Idealfall stecken alle verfügbaren Informationen in den Terminpreisen und jeder Landwirt und Marktakteur kann sich daran orientieren und seine Vermarktungsstrategie an die angezeigten Bedingungen anpassen. Ändern sich die Daten - ändern sich also auch die Preise und niemand kann dies wirklich beeinflussen.

Wie groß ist die Einwirkung des Wetters auf die Getreidepreise?

Unwetter Oklahoma

Eigentlich ist bis dahin alles klar – und bei "normalen Bedingungen" ändern sich die angezeigten Preise und Prognosen nur wenig. Doch nun kommt erneut das Wetter ins Spiel: Das Wetter steckt hinter den meisten Marktbewegungen, sagt der US-Analyst Jerry Gulke. "Es ist wahrscheinlich für 75 Prozent der Preisveränderungen verantwortlich", sagt Gulke – wenn die Anbauflächen feststehen.

Wetteränderungen können und müssen regelmäßige Anpassungsreaktionen der Ertragsprognosen auslösen – und damit auch der Erntemengen. Das ist zuletzt in Frankreich und Europa geschehen. Hier hat das sehr trockene Frühjahr für erhebliche nach unten korrigierte Ertragserwartungen bei Wintergetreide gesorgt. Die EU-Kommission senkte ihre Ertragsschätzung für Weizen und Gerste deutlich. Auch in Russland könnte die anhaltende Trockenheit im Süden des Landes – trotz bereits laufender Ernte – noch zu Korrekturen der Erntemenge nach unten führen, obwohl die Produktion wegen der großen Anbaufläche weiterhin relativ groß ausfallen wird.

Auch in den USA kann das Wetter in den nächsten Wochen die globalen Preise bei Getreide und Ölsaaten noch heftig bewegen – denn die derzeitigen Wetterprognosen im Mittelwesten sind heiß und trocken. Hinzu kommen allerdings noch ein paar andere Faktoren, die sich eben so wenig wie das Wetter vorhersagen lassen. Das sind die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen wie etwa die Coronafolgen, Handelskriege, Zölle, Wirtschaftskrisen, Wechselkurse, aber auch Bestands- und Handelsdaten.

Auf welche Prognosen reagieren die Märkte?

Getreidelager

Was die Institutionen betrifft, die die Ernte-Schätzungen vornehmen – steht vor allem das USDA im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Kritik. Der Grund ist einfach: Kein Erntebericht der Welt beeinflusst Märkte und Preise so sehr wie der USDA-Report. Das liegt auch daran, dass der USDA-Report von den Marktakteuren – trotz aller Kritik – als verbindliche Arbeitsgrundlage akzeptiert wird.

Andere Berichte werden zwar auch beachtet – etwa vom Internationalen Getreiderat (IGC) oder von der FAO – ihr Einfluss auf Märkte und Preise ist jedoch gering. Das heißt auch ihre Bedeutung wird von den Markakteuren als gering beurteilt. Korrekturen des USDA können jedoch immer wieder zu sehr großen Preissprüngen und zu Anpassungen der globalen Bilanzen führen. Hintergrund sind dann meist größere Veränderungen der Daten in den USA oder in anderen für den Markt wichtigen Regionen – wie etwa in Russland oder Europa.

In Europa bilden die monatlichen Erhebungen der EU-Kommission die wichtigste Quelle für den Markt, die sowohl die Schätzungen aus den EU-Ländern einbeziehen als auch die Satelliten-gestützte Ertragsbeobachtung der europäischen Crop-Monitoring-Agentur (MARS). Wichtige private Analystenhäuser in Europa sind außerdem die französischen Unternehmen Strategie Grains (Tallage) und auch Agritel.

In Deutschland kommen die wichtigsten monatlichen Ernteschätzungen vom Raiffeisenverband (DRV) und in unregelmäßigen Abständen auch vom Deutschen Bauerverband (DBV). Beide Prognosen basieren auf den offiziell erfassten Anbaudaten und den monatlich angepassten regionalen Ertragsschätzungen der regionalen Mitglieder der Verbände. Die endgültigen Daten für Deutschland liefern das Statistische Bundesamt und das BMEL – ebenfalls auf der Basis regionaler Meldungen von Landwirten.

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