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Getreideernte und Marktprognosen

Warum Ernte-Prognosen notwendig sind – und den Bauern helfen

Ernteprognosen beeinflussen die Märkte.
am Mittwoch, 22.07.2020 - 12:50 (1 Kommentar)

Über Ernteprognosen wird heftig gestritten. Bauern befürchten, dass auf diese Weise Märkte und Preise manipuliert werden.

Ein Grund für die Skepsis ist, dass die individuelle Situation vor Ort nicht unbedingt mit der Grundtendenz der Prognose übereinstimmt. Diese sind meist großflächiger und überregional angelegt. Und auch, dass die Prognosen regelmäßig – meist monatlich – geändert werden, wird kritisiert. Doch gerade diese Änderungen sind ja die Anpassung an die Wirklichkeit: In diesem Fall an die Wachstumsbedingungen der Pflanzen und das davon abgeleitete Ertragspotential. Das zeigt:

  1. Ernteprognosen unterliegen einem dynamischen Anpassungsprozess.
  2. Ihre Hauptaussagen basieren auf den zu verschiedenen Zeitpunkten ermittelten Anbauflächen und auf den erwarteten Erträgen.

Vor allem letztere werden infolge der Witterung aber immer wieder angepasst. Die größte Wirkung auf die Märkte haben:

Die Folge dieser Berichte sind oft heftigen Reaktionen der Getreidepreise auf die neuen Daten. Dabei geht es jedoch beileibe nicht nur immer nur in eine Richtung. Das zeigte die Preisrallye im Dürrejahr 2018.

Lesen sie dazu auch: Warum die Ernte-Prognosen nie stimmen – und die Bauern sauer sind

Ohne Ernte-Prognosen stehen die Bauer im Dunkeln

Der Getreide-Ertrag hängt wesentlich von der Witterungs ab.

Fakt ist aber auch: Ohne Ernteprognosen stünden sowohl die Landwirte als auch die übrigen Marktakteure ziemlich im Dunkeln. Vor allem was einen fairen – also marktgerechten – Getreidepreis betrifft. Auch hier geht es jedoch nicht unbedingt um die ganz konkrete Situation vor Ort – sondern um eine großflächige überregionale Einordnung von Angebot (Ernte) und Nachfrage.

Dazu kommt: Die internationalen Getreidemärkte sind eng vernetzt, ein Viertel der globale Weizenproduktion wird nämlich am Weltmarkt gehandelt. Und die Getreidepreise bilden sich einem sehr engen Wechselspiel zwischen der Situation in Europa, am Schwarzen Meer und in den USA. Anders gesagt: Die Getreidepreise in Paris, in Chicago und an den Handelsplätzen am Schwarzen Meer bilden die Erntesituation in den jeweiligen Regionen und auch weltweit ab. Größere Änderungen bewirken unmittelbar auch Änderungen in den Preisen.

Dazu kommen dann auch noch die Wechselkurse. Diese können erheblichen Einfluss auf die Getreidepreise haben. So verteuert etwa der derzeitige hohe Eurokurs von fast 1,15 USD den europäischen Weizen am Weltmarkt und drückt dadurch auch auf die Preise am Binnenmarkt. Gleichzeitig macht der schwache Rubel den russischen Weizen noch wettbewerbsfähiger.

Wichtig ist das Zusammenspiel von Ernteprognosen und Terminmarktpreisen noch in einem anderen Zusammenhang. Nämlich: Der Ackerbauer müssen im Hinblick auf die Preisaussichten entscheiden, wie viel er wann von seiner Ernte verkauft, eingelagert und am Terminmarkt absichert. Ohne eine solche Prognose und Terminmarkpreise, müsste er bei seinem Händler anrufen und fragen, welchen Preis er denn bekommt. Das ist sicherlich nicht unbedingt das, was sich die Bauern wünschen.

Mythen und Verschwörungstheorien

Das Wetter und die Anbaufläche haben den größten Einfluss auf die Erntemenge.

Ein großes Thema in der Diskussion ist die mögliche Manipulation der Preise. Hier gibt es viele Mythen – und wohl auch „Verschwörungstheorien“. Schaut man einmal auf den europäischen Terminmarkt MATIF, ist zu sehen, dass dort täglich – je nach Marktlage – zwischen 10.000 und 30.000 Weizen-Kontrakte gehandelt werden. Zu jeweils 50 Tonnen je Kontrakt, entspricht das einem möglichen Tagesumsatz von 1,5 Millionen Tonnen! In Chicago sind es sogar 50.000 bis 130.000 Kontrakte täglich – zu jeweils etwa 136 Tonnen je Kontrakt, also bis zu 18 Millionen Tonnen täglich. Da sind Marktmanipulationen nur schwer vorstellbar.

Neben Getreidehändlern und Landwirten sind dort aber auch andere Akteure (Hedgefonds) aktiv, die zum einen Liquidität liefern, sich dabei jedoch vor allem an technischen Indikatoren orientieren. Alle bisherigen Untersuchungen haben jedenfalls gezeigt, dass die Terminbörsen ab einer bestimmten Umsatzmenge (Liquidität) sehr gut funktionieren und nicht wirklich zu manipulieren sind.

Im Prinzip folgen die Preise also den fundamentalen und von vielen Analysten ständig hinterfragten Daten. Und diese Daten sind das Ergebnis der Ernteprognosen – insbesondere der des USDA. Diese im Monatsrhythmus gelieferten Eckdaten von allen wichtigen globalen Märkten bilden dann die Grundlage für den globalen Getreidehandel.

Die Methodik verstehen und danach handeln!

Die Erntschätzungen können sich deutlich verändern.

In den USA haben sich die Agrarökonomen Darrel Good und Scott Irwin mehrfach mit der Belastbarkeit der USDA-Prognosen befasst. Sie stellen fest: Abgesehen von inhaltlichen Missverständnissen äußern einige Marktteilnehmer die Überzeugung, dass das USDA eine versteckte Agenda für die Erstellung der Schätzungen und Prognosen hat. Diese „Agenda“ konzentriert sich danach „auf Preismanipulationen für eine Vielzahl von Zwecken“.

Godd und Irwin sagen jedoch: Ein mangelndes Verständnis der USDA-Methodik und der Glaube an eine versteckte Agenda hindert die Farmer daran, die Anbauflächen- und Ertragsprognosen richtig zu interpretieren und zu nutzen. Die Ökonomen glauben, dass Nutzer dieser Prognosen besser profitieren können, wenn sie die Stärken und die Grenzen der Methodik verstehen.

Um die historische Genauigkeit der USDA-Maisertragsprognosen zu bewerten, hatte sie die Prognosen für August, September, Oktober und November mit der im Januar veröffentlichten „endgültigen“ Ertragsschätzung verglichen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die mit den USDA-Ertragsprognosen verbundenen Fehler gelegentlich durchaus groß sein können, wie etwa 1993 und 1995. Diese Fehler waren aufgrund der ungewöhnlichen Wetterereignisse in diesen Jahren aber nicht überraschend.

Gleichzeitig stellen die beiden Ökonomen jedoch fest: Alle Daten deuten auf einen deutlichen Abwärtstrend bei den Prognosefehlern im Zeitverlauf hin. Seit 2011 hat sich die Prognoseleistung (Genauigkeit) des USDA danach nochmals erheblich verbessert.

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