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Getreidemärkte und Preisentwicklung

Getreidebauern: Gewinner der Einkommenskrise?

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am Montag, 16.11.2020 - 12:50 (2 Kommentare)

Die Getreidepreise sind hoch wie lange nicht mehr. Gut für die Einkommen der Ackerbauern! Doch wie geht es in den nächsten Jahren weiter? Das Thünen-Institut gibt einen Ausblick.

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Ackerbauern können sich derzeit über hohe Getreidepreise freuen. Und dass trotz der Coronakrise und schwieriger agrarpolitischer Rahmenbedingungen. Der Grund: Der Getreidemarkt ist so sehr wie kaum ein anderer landwirtschaftlicher Teilmarkt mit dem Weltmarkt verbunden. Und da ging es mit den Preisen zuletzt steil nach oben.

Die Entwicklung zeigt auch: Der deutsche Markt folgt zumindest kurz- und mittelfristig der Entwicklung der globalen Getreidepreise – und damit den Terminmärkten in Paris und in Chicago. Dennoch gibt es auch sehr spezifische Rahmen-Bedingungen in Deutschland und Europa. Diese beeinflussen sowohl die Produktion als auch Kosten und Preise der deutschen Getreidebauern. Dazu zählen unter anderem die Düngerverordnung aber auch weitere Auflagen, die den Pflanzenschutz, die Fruchtfolge oder Fragen der Bewirtschaftung der Getreideflächen betreffen.

Hinzu kommt: Deutschland ist (noch) ein großer Nettoexporteuer von Getreide – der bei Weizen in guten Jahren die Hälfte seiner Ernte exportiert. Bei Gerste ist ein Drittel der Produktion für den Export bestimmt. Lediglich bei Mais sind umfangreiche Importe nötig. Dieses Verhältnis von Produktion zu Verbrauch beeinflusst auch massiv die Getreidepreise.

Allerdings können sich die Versorgungslage und die Preisen von Jahr zu Jahr erheblich unterscheiden – je nach Wetter und Erntemenge in Deutschland, in Europa und weltweit. Und damit auch die Einkommen der Ackerbauern.

Deutschland hängt sehr eng am Weltmarkt

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Wie sich die Getreidemärkte und auch die Situation bei Raps in den nächsten 10 Jahren entwickeln könnten – damit hat sich das Thünen-Institut in seiner Baseline-Projektion bis 2030 befasst. Natürlich können die Wissenschaftler nicht das Wetter vorhersagen, so dass die Projektion nur die unter den gegebenen ökomischen Rahmenbedingungen erwarteten grundsätzlichen Entwicklungen in Deutschland und am Weltmarkt berücksichtigt.

Ausgangspunkt für die Projektion ist die Versorgungslange in Deutschland. Die Thünen-Wissenschaftler stellen deshalb fest: Aufgrund der Netto-Exportposition von Deutschland, hängt die Entwicklung des deutschen Weizenpreises stark von den weltweiten Entwicklungen auf dem Weizenmarkt ab. Die Wissenschaftler erwarteten jedoch, dass die Weizenpreise in Deutschland bis 2030 ansteigen werden. Allerdings nicht so stark wie die Weltmarktpreise. Dies hängt nach Einschätzung der Thünen-Experten hauptsächlich mit der stagnierenden inländischen Nachfrage nach Getreide zusammen – und natürlich mit der deutlich über dem Inlandsbedarf liegenden Produktion.

Gleichzeitig sind jedoch die Wechselwirkungen mit dem europäischen Markt hoch. In Europa ­– insbesondere beim TOP-Exporteur Frankreich – schrumpfte die Produktion aufgrund mehrerer sehr schlechter Ernten etwa in 2016/17 und 2018/19, heißt es in der Baseline-Projektion. – Und das trifft ganz offensichtlich auch für dieses Jahr zu.

Weizenpreise steigen aktuell – deutlich stärker als erwartet

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Der europäische Verbrauch von Weizen und anderen Getreidearten bleibt auch in den nächsten Jahren auf einem relativ stabilen Niveau. Das wirkt nach Meinung der Thünen-Wissenschaftler auch einen möglichen (stärkeren) Rückgang der Getreidepreise entgegen.

Für den Referenzzeitraum (Durchschnitt 2017 bis 2019) lag der durchschnittliche Erzeugerpreis für Weizen in Deutschland bei 162 Euro je Tonne. Nach Meinung der Thünen-Experten steigt der Preis in den nächsten Jahren jedoch an und erreicht zum Ende der Projektionsperiode ein Niveau von 171 Euro je Tonne.

Unberücksichtigt ist bei dieser Projektion allerdings die diesjährige Preisrallye geblieben, die sich auf mindestens drei Dinge begründet: (1) Der erneuten schlechte Ernte in Europa (vor allem in Frankreich und Rumänien). (2) Der gewaltige Importboom aufgrund witterungsbedingter Produktionsausfälle in China bei allen Getreidearten und Sojabohnen und (3) Die vor allem La Nina bedingten oder erwarteten Produktionsausfälle und sehr trockenen Bedingungen in Südamerika, den USA und am Schwarzen Meer für die nächsten Ernte.

Gerstenpreise haben mehr Luft nach oben als der Weizen

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Der Gerstenmarkt ist nach Meinung der Thühnen-Wissenschaftler langfristig und global betrachtet durch eine annähernd stagnierende Produktion und Nachfrage geprägt. Auch in der EU und Deutschland stagniert bzw. sinkt die Nachfrage, wohingegen für die Produktion leichte Zuwächse projiziert werden.  

Nicht berücksichtigt ist bei dieser Einschätzung der Thünen-Experten offenbar der anhaltend hohe Importbedarf Chinas – und die bislang für Deutschland komplett fehlenden phytosanitären Import-Genehmigungen für das Reich der Mitte. Sollten diese Genehmigungen irgenwann vorhanden sein, könnte das dem deutschen Gersten-Export und den Preisen einen kräftigen Schub verleihen - wie man es in den letzen Jahren bei den Franzosen beobachten konnte.

Die schwachen Gerstenernten der letzten Jahre in der EU und in Deutschland haben die Gerstenpreise jedenfalls auch hierzulande ansteigen lassen, schreiben die Thünen-Experten.

Der Erzeugerpreis von Gerste klettert in der Thünen-Projektion bis 2030 auf 170 Euro je Tonne. Dies entspricht einer Steigerung von fast 14 Prozent im Vergleich zum Referenzzeitraum. Dieser Anstieg ist nach Meinung der Thünen-Experten stärker als der Preisanstieg beim Weizen.

Hoher Importbedarf bei Mais und steigende Preise

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Im Unterschied zu Weizen und Gerste ist Deutschland Nettoimporteur von Körnermais. Die mengenmäßig wichtigsten Herkunftsländer sind die EU-Mitgliedsstaaten, insbesondere Polen sowie die Ukraine, aber auch Frankreich, Rumänien und Ungarn. Der Maiserzeugerpreis in Deutschland lag im längerfristigen Vergleich auf einem annähernd ähnlichen Niveau wie der Erzeugerpreis für Weizen, heißt es in der Projektion. Für Deutschland wird bis 2030 ein Anstieg der Erzeugerpreise von Mais um 9 Prozent auf 178 Euro je Tonne erwartet.

In der Projektion der Thünen-Experten liegt der deutsche Erzeugerpreis für Mais also über dem von Weizen. Diese Entwicklung wird unterstützt durch die weiter steigende europäische Nachfrage nach Mais sowie durch die seit 2015 unterdurchschnittlichen Maisernten in der EU. Diese werden wohl auch bis 2030 das Rekordniveau von 2014 nicht mehr erreichen, sind die Thünen-Wissenschafter überzeugt.

Sowohl die EU-Kommission als auch das USDA gehen in ihren aktuellen Prognosen vorn rekordhohen Maisimporten der EU von 20 bis 24 Millionen Tonnen aus – bei einer Ernte von 64 bis 66 Millionen Tonnen. Die deutsche Maisernte liegt in diesem Jahr bei etwa 4 Millionen Tonnen – und die Importmenge dürfte reichlich 5 Millionen Tonnen betragen.

Raps: Weltmarkt zieht die Preise deutlich nach oben

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Die Ölsaatenmärkte sind international eng miteinander verbunden und werden insbesondere durch die Entwicklungen auf den Märkten für Ölschrote und Pflanzenöle beeinflusst, stellen die Thünen-Wissenschaftler fest. In Deutschland ist Raps mit Abstand die wichtigste Ölsaat.

Der Anbau von Raps gewinnt nach Meinung der Wissenschaftler bis zum Jahr 2030 an Wettbewerbsfähigkeit und wird deutlich ausgedehnt. Der Grund sind die Im Vergleich zu Getreide deutlich stärker steigenden Preise am Weltmarkt.

Der steigende Weltmarktpreis für Raps und Ölsaaten lässt nach Einschätzung der Thünen-Wissenschaftler auch den deutschen Erzeugerpreis nach oben kletterten – allerdings nicht so kräftig wie am Weltmarkt. Bis 2030 erwarten die Thünen-Experten einen durchschnittlichen Rapspreis von 418 Euro je Tonne.

Die höhere Rapsproduktion sowie die Nachfrage und Preisentwicklung bei Rapsöl in Deutschland wirken dabei einem stärkeren Preisanstieg entgegen, glauben die Wissenschaftler. Die deutschen Großhandelspreise für Soja- und Rapsschrot steigen im Projektionszeitraum bedingt durch die ansteigenden Weltmarktpreise um knapp 30 Prozent für Sojaschrot bzw. 25 Prozent für Rapsschrot.

Die Großhandelspreise für Pflanzenöle steigen bis 2030 ebenfalls. Das Resultat sind nach Meinung der Wissenschaftler: Preissteigerungen von 37 Prozent für Rapsöl, 41 Prozent für Sojaöl und 21 Prozent für Sonnenblumenöl. Dabei sind die inländischen Preissteigerungen im Vergleich zu den Steigerungen der Weltmarktpreise geringer.

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