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Getreideernte in Europa vertrocknet: Ernteprognosen noch viel zu hoch

Getreideernte.
am Freitag, 15.07.2022 - 12:21 (1 Kommentar)

Europas Getreideernte schrumpft in atemberaubendem Tempo zusammen. Immer mehr Analysten kürzen ihre Prognosen. Nachdem die EU-Kommission ihre Ernteerwartungen zum Monatswechsel deutlich gekürzt hat, nahm am Donnerstag das Analystenhaus Strategie Grains seine Ernteprognosen zurück. Wie schon die Kommission, sind die Analyten aber nicht sicher, ob dies die letzte Korrektur war.

Weizenernte 2022.

Die Analysten von Strategie Grains haben am Donnerstag ihre Prognosen für die Getreideernte in der Europäischen Union weiter gesenkt. Dabei ging es wegen des extrem heißen und trockenen Wetters in weiten Teilen Europas sowohl für die Weizenernte als auch für Gerste und Mais nach unten.

Die EU-Weizenernte 2022 wurde jetzt auf 123,3 Millionen Tonnen veranschlagt, verglichen mit 124,4 Millionen, die im Juni prognostiziert wurden. Das sind deutlich weniger als die 129,9 Millionen Tonnen, die letztes Jahr geerntet wurden, hieß es in dem monatlichen Getreidebericht. Die EU-Kommission hatte die Weizenernte zum Monatswechsel von zuvor 130,4 Millionen Tonnen auf 125 Millionen Tonnen nach unten korrigiert – und damit noch etwas moderater als Strategie Grains.

Die Gerstenernte (Sommer- und Wintergerste) erwarten die Analysten bei 49,6 Millionen Tonnen, gegenüber 50,3 Millionen im vorigen Monat und 51,9 Millionen im Jahr 2021. Die Kommission erwartet die Produktion von Gerste bei 52,2 Millionen Tonnen - noch deutlich höher.

Strategie Grains hatte seine Ernteschätzungen für Weizen und Gerste bereits im vergangenen Monat gesenkt und sich dabei auf die außergewöhnlich trockenen Bedingungen in der ersten Hälfte der Vegetationsperiode in vielen Ländern bezogen. Nun kommt auch noch die große Hitzewelle mit teilweise deutlich über 40 Grad in Spanien und Italien hinzu.

Mais leidet sehr unter Trockenheit und Hitze

Maisnernte.

Auch bei Mais senkten die Analysten ihre Ernteprognose auf 65,4 Millionen Tonnen, verglichen mit 66,8 Millionen Tonnen im letzten Monat und 69,7 Millionen im letzten Jahr. „Wiederkehrende Wasserknappheit und heißes Wetter in vielen Produktionszonen wirken sich nachteilig auf die Ertragspotenziale aus“, sagte Strategie Grains in seinem Monatsbericht.

Die Europäische Kommission hatte die Maisernte zwar auch nach unten korrigiert – von 72,5 Millionen Tonnen auf 71,7 Millionen Tonnen – blieb damit jedoch noch deutlich über den Strategie Grains-Schätzungen.

Allerdings ist auch das USDA deutlich skeptischer als die Kommission. Die Amerikaner hatten die europäische Maisernte zuletzt bei 68 Millionen Tonnen gesehen – und die Importe entsprechend hoch bei 16 Millionen Tonnen. Die Kommission sieht Importe von 15 Millionen Tonnen (Futter-)Mais als nötig an, gegenüber 16,5 Millionen Tonnen in der zurückliegenden Saison.

Allerdings dürfte die Ukraine als bislang wichtigster europäischer Mais-Lieferant in der kommenden Saison weitgehend ausfallen (auch wegen einer deutlich kleineren  Ernte) - und der Mais müsste deshalb aus Südamerika kommen.

Getreideexporte - sehr unterschiedliche Meinungen

Die EU-Exporte bei Weich-Weizen schätzt Strategie Grains nahezu unverändert auf 30,4 Millionen Tonnen, ausgehend von einer starken Wettbewerbsfähigkeit gegenüber konkurrierenden Herkünften und sehr dynamischen (auch deutschen) Verkäufen in den ersten Wochen der neuen Saison.

Die Kommission hält wegen der großen Nachfrage am Weltmarkt und wegen des (bis dahin angenommenen) weitgehenden Ausfalls der Ukraine als Exporteur, sogar Weichweizenexporte von 38 Millionen Tonnen für möglich – und damit deutlich mehr als die Analysten.

Welche Zahl sich am Ende bestätigt, hätte auch erheblichen Einfluss auf die Getreidepreise am europäischen Binnenmarkt bzw. bei den Top-Exporteuren Frankreich und Deutschland. Denn: Je höher die Exportnachfrage und die der Bedarf der Exporteuer je besser Getreidepreise für die Landwirte.  

Strategie Grains verweist bei seiner Prognose indessen darauf, dass Verhandlungen im Gange seien, um einen Exportschifffahrtskorridor für ukrainische Getreideexporte zu sichern. Die Ukraine ist in „normalen Jahre“ einer der weltweit größten Exporteure von Mais, Weizen und Ölsaaten, wobei Russland und die Europäische Union die Hauptwettbewerber für die Ukraine auf den Exportmärkten sind.

Das USDA erwartet die russischen Weizen-Exporte, wegen einer sehr, sehr großen Ernte, bei 40 Millionen Tonnen. Strategie Grains sagt jedoch, die russischen Ausfuhren könnten aber noch mindestens 5 Millionen Tonnen größer sein, wenn Russland 89 Millionen Tonnen oder mehr Weizen erntet, was russische Analysten derzeit erwarten.

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