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Getreideernte und Getreidepreise 2021

Getreidepreise vor der Ernte: Jetzt kommt die Wahrheit auf den Tisch

Getreideernte.
am Mittwoch, 30.06.2021 - 16:18 (1 Kommentar)

Es ist wie immer: Vor der Ernte fallen die Getreidepreise. Dabei war bis vor kurzem noch alles extrem knapp.

Weizenpreise.

Große Importeure – wie China - zahlten fast jeden Preis. Nun hat sich das Blatt für die Bauern komplett gewendet. Die Preise fallen und fallen, als ob Weizen, Gerste, Raps oder Mais auf einmal überreichlich vorhanden wären. Das ist aber nicht Fall.

Denn: Alle Zahlen und Daten zur neuen Ernte stehen erst einmal nur auf dem Papier. Sie sind also nur Prognosen. Dennoch lebt der Getreidemarkt natürlich von Prognosen und Spekulationen. Sonst würden auch die Bauern komplett im Dunkeln tappen und ihren Abnehmern ausgeliefert sein – was die Preise betrifft.

Doch warum ziehen die aktuellen Prognosen die Getreidepreise so weit nach unten, fragen sich viele Landwirte. Wird die neue Ernte wirklich so groß oder was steckt dahinter? Will man als Ackerbauer nicht an die gängigen Verschwörungs-Theorien glauben – etwa in der Art, dass das US-Landwirtschaftsministerium die Märkte manipuliert – dann muss es auch noch andere Erklärungen geben. Das ist ein Versuch.

Wie groß ist die Anbaufläche und was macht das Wetter

Maisanbau

Eine Sache ist in den meisten für den Getreidemarkt wichtigen Ländern relativ früh bekannt: Das sind die Anbauflächen für die neue Ernte. Das gilt zunächst einmal für die Wintersaaten wie Weizen, Raps und Wintergerste – etwas später dann auch für Mais und Soja. Denkt man jedenfalls.

Doch in den USA streitet man seit Beginn der Frühjahrsaussaat heftig, über die „wirklichen“ Anbauflächen von Mais, Soja und Sommerweizen. Der Grund: Witterungsbedingt erfolgte die Aussaat sehr spät und zudem bei sehr hohen Preisen. Dabei blieb unklar, ob die Farmer aus wirtschaftlichen Gründen am Ende stärker auf Mais oder auf Sojabohnen setzen. Und es geht es dabei nicht um Peanuts - sondern um Hundertausende Hektar.

Das endgültige Ergebnis über die Aussaatflächen in den USA, dürfte die Getreidepreise jedenfalls nachhaltig beeinflussen und das weltweit. Bis Ende Juni schwelte dieser Streit. Erst der USDA-Anbaureport (Acreage) zum Monatswechsel (30.06) bringt den Farmern und den Börsen vorläufige Klarheit. Denn die Terminmärkte verarbeiten sämtliche Prognosen sofort als Gewissheit und übersetzen sie in Preise.

Noch stärker als die Anbaufläche wirkt seit einiger Zeit jedoch das Wetter auf die Märkte. Sowohl in den USA, als auch in Europa und Russland, hat ein sehr kaltes und nasses Frühjahr die Aussaat stark verzögert und möglicherweise auch das Wintergetreide geschädigt. Im Juni war es in weiten Teilen der USA und Kanadas dann sehr heiß und trocken und es ist noch ziemlich unklar, wie sehr das Getreide darunter gelitten hat.

Fakt ist: Das USDA hat das Crop-Rating für Mais, Soja und Sommerweizen immer weiter nach unten korrigiert. Eine Rekordernte ist deshalb wohl auch bei großer Anbaufläche nicht mehr zu erwarten. Und auch bei Sommerweizen sind die Hitze-Schäden in den USA und in Kanada bereits beträchtlich. Auch das zeigen übrigens die Börsenkurse für Sommerweizen an: Sie haben entgegen den fallenden Preisen bei den anderen Getreidearten – Ende Juni neue Rekordstände erreicht.

Schlechte Nachrichten vom Schwarzen Meer

Weizenernte in Russland

In den USA ist bei Mais und Soja also noch alles offen. Und die Ernte bei Sommerweizen wird ganz offensichtlich schlecht. Gleichzeitig hat die Ernte von Winterweizen Ende Juni in den USA und auch in Russland bereits begonnen. Doch vom Schwarzen Meer kommen für die Preise keine guten Nachrichten.

Die Prognosen für die neue Weizenernte sind – sowohl für Russland als auch für die Ukraine – sehr hoch. Auch wenn Russland nach wie vor Exportzölle erhebt und damit seine Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert, gehen Analysten von einer großen Dominanz der beiden Schwarzmeer-Länder beim Export von Weizen und Gerste im neuen Wirtschaftsjahr aus. Das wird die die Exportpreise für diese Kulturen maßgeblich beeinflussen und damit indirekt auch die Preise am europäischen Binnenmarkt – denn die Russen sind unser wichtigster Wettbewerber.

Fakt ist auch: Die russischen Analysten von Sovceon und IKAR schätzten die russische Ernte mit etwa 83 bis 85 Millionen Tonnen nur wenig kleiner als die Rekordernte aus dem vorigen Jahr. Das USDA rechnet soagr mit einer neuen Rekordernte von 86 Millionen Tonnen – Der Grund: Die Russen haben die Anbaufläche von Winterweizen um etwa 400.000 Hektar ausgedehnt und auch die derzeitigen Ertragsprognosen sind höher als die Erträge im vorigen Jahr.

Nach Meinung der meisten Analysten werden die Russen deshalb auch mehr Weizen exportieren können - trotz der Exportsteuer. Das USDA rechnet mit Ausfuhren von 40 Millionen Tonnen. Das wäre deutlich mehr, als die Europäer mit rund 33 Millionen Tonnen schaffen können. Was die Ukraine betrifft, hält das USDA bei Weizen sogar eine Rekordernte von knapp 30 Millionen Tonnen für möglich – auch hier bildet die Ausweitung der Anbaufläche auf über 7 Millionen Hektar die Grundlage für die hohe Ernteschätzung.

Bei Gerste kommen vom Schwarzen Meer ebenfalls hohe Ernte- und Exportprognosen – die allerdings nur in der Ukraine über dem Vorjahr liegen. In beiden Schwarzmeerländern hat die Ernte von Wintergetreide Ende Juni bereits angefangen. Und auch noch wichtig: Die Maisernte in der Ukraine. Der Schwarzmeer-Anrainer war die letzten Jahre der wichtigste Mais-Lieferant für die EU. Hier gehen die aktuellen ukrainischen Prognosen von einer Anbauausweitung, hohen Erträgen und von einer neuen Rekordernte aus. Auch diese Daten stehen bisher aber nur auf dem Papier und das Wetter muss mitspielen.

Europäer bauen mehr Weizen an – Preisdruck am Binnenmarkt

weizenernte in der EU.

Aber zurück nach Europa. Hier wird die neue Ernte bei Weizen deutlich größer als im vorigen Jahr – sagt die Kommission, aber auch das USDA. Der Hauptgrund sind aber nicht etwa sehr hohe Ertragsprognosen, sondern vielmehr die kräftige Ausweitung der Anbaufläche beim Top-Produzenten Frankreich.

Der Grund dafür: Vor zwei Jahren hatte das widrige Wetter im Herbst die Aussaat von Wintergetreide in Frankreich massiv behindert und am Ende für eine sehr kleine Winterweizenernte in Frankreich und damit auch in Europa gesorgt. In diesem Jahr liegen die Dinge anders: Die Kommission schätzt die Aussaatfläche für Winterweizen Ende Juni auf reichlich 21 Millionen Hektar und damit rund 300.000 Hektar größer als vor einem Jahr. Dabei haben die Franzosen sogar 650.000 Hektar mehr mit Weizen bestellt – was jedoch durch Anbaurückgänge in Polen und Tschechien etwas reduziert wird. Auch in Deutschland haben die Bauern mehr Weizen angebaut.

Ende Juni hat die Kommission die Ernteprognose für Winterweizen – anders als von vielen Analysten erwartet, jedoch etwas zurückgenommen – auf knapp 127 Millionen Tonnen. Der Grund für die Korrektur: Die Hitzewelle im Juni. Temperaturen von deutlich über 30 Grad haben dem Weizen in Frankreich und wohl auch in Deutschland zugesetzt – vor allem in Regionen wo der Regen knapp war – wie etwa im Ostdeutschland.

Trotzdem: Mit dieser Prognose würden die Europäer rund 9 Millionen Tonnen mehr ernten und könnten auch mehr exportierten – nämlich insgesamt rund 30 Millionen Tonnen – glaubt die Kommission. Das wäre 3 Millionen Tonnen mehr als in der zurückliegenden Saison – jedoch 10 Millionen wenig als Russland auf die Waage bringt.

Die Preise am europäischen Terminmarkt haben auf die hohen Ernteprognosen aus Europa bereits reagiert. Noch stärker folgen die Weizenpreise jedoch den stark schwankenden Vorgaben aus den USA. Ende Juni wird der Weizen der neuen Ernte am Terminmarkt noch knapp über der 200-Euro-Marke gehandelt.

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