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Kartoffelmarkt und Corona-Krise

Kartoffel-Bauern: Absatz- und Preiskrise geht weiter

Die Krise am Kartoffelmarkt geht weiter.
am Freitag, 24.07.2020 - 05:00 (3 Kommentare)

Kartoffel-Bauern sind weiter von den Folgen der Corona-Krise betroffen. Und die Preise für Verarbeitungs-Kartoffeln sind im freien Fall. Ursachen sind die großen Angebotsüberhänge und die Aussichten auf eine weitere große Ernte.

Die Bestände an Verarbeitungskartoffeln sind oft noch sehr hoch.

Das größte Problem für die Bauern und die Industrie sind die sehr großen Überhänge an Verarbeitungskartoffeln in allen großen nordwesteuropäischen Anbauländern.

„Aufgrund des katastrophalen Absatzeinbruchs von tiefgekühlten, gekühlten und Kartoffeltrockenprodukten, hauptsächlich in den Bereichen Gastronomie, Kantinenversorgung und im Export, konnten mehrere 100.000 Tonnen Verarbeitungskartoffeln nicht verwertet werden. Die Folgen sind gravierend“, sagt Horst-Peter Karos, Geschäftsführer des Bundesverbandes der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK).

Wohin mit den Vertragskartoffeln aus der alten Ernte?

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen geht davon aus, dass ein erheblicher Teil der reinen Verarbeitungssorten am Ende im Futtertrog und in Biogasanlagen landet. Der niederländische Börsenmakler De Vries & Westermann berichtet: „Die Kartoffeln aus der alten Ernte spielen weiter eine wichtige Rolle in der Marktstimmung. Eine strukturelle Preisverbesserung bei Verarbeitungsware ist nur möglich, wenn es deutliche Anzeichen für eine Erholung der Nachfrage beim Verkauf von Pommes Frites gibt.“

Und das ist bisher nur sehr zaghaft Fall. De Vries & Westermann stellt jedenfalls fest: „Die meisten Verarbeiter haben noch einen ausreichenden Vorrat an Vertragskartoffeln aus der alten Ernte“. Deutlich wird das Dilemma bei der Preisentwicklung für Verarbeitungskartoffeln. Am Terminmarkt haben sich die Kurse seit Juni mehr als halbiert und sie fallen immer weiter.

Mehr Konsum-Kartoffeln angebaut – vor allem in Deutschland

Die deutschen Bauern haben den Anbau von Konsumkartoffeln kräftig ausgweitet.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der Verband der nordwesteuropäischen Kartoffelanbauer (NEPG) meldet, dass die Anbaufläche von Konsumkartoffeln 2020 nochmals um etwa 0,5 Prozent ausgeweitet wurde.

„Der größte Flächenzuwachs ist in Deutschland und Frankreich zu verzeichnen. Dort haben die Landwirte einen Teil der Anbauflächen von Verarbeitungskartoffeln für Speisekartoffeln umgewandelt,“ schreibt der Verband. Allein in Deutschland liegt das Anbauplus bei 2 Prozent.

Das dürfte für die weitere Marktentwicklung Folgen haben. Noch im Mai hatte der Verband auf einen Anbaurückgang von 5 Prozent gehofft. Doch auch dieser erhoffte Flächenrückgang hätte nicht ausgereicht, um den Markt ins Gleichgwicht zu bringen, schreibt der Verband. Nun ist man mit dem Gegenteil konfrontiert: Nämlich einer Ausweitung des Anbaus.

Die NEPG betont jedoch: „Schwerpunktmäßig bestimmt der Ertrag das Volumen der Ernte und nicht die Fläche.“ Die trockenen Bedingungen zu Beginn der Anbausaison haben das vorhandene Potenzial möglicherweise begrenzt, glauben die Marktbeobachter. In Deutschland lagen Knollenansatz und Erträge der Frühkartoffeln jedenfalls unter dem Normalwert, schreibt die NEPG.

„Gerade bei Kartoffeln gleicht kein Jahr dem anderen. Dieses Jahr kommt noch hinzu, dass Corona den Markt gestört hat“, sagt Joachim Hasberg von der Niedersächsischen Frühkartoffel-Erzeugergemeinschaft Burgdorf.

Coronabedingte Absatzstaus der Kartoffeln auf vielen Kanälen

Viele Kartoffelläger sind vor der Ernte noch ziemlich voll.

Viele Absatzwege sind durch Corona weiterhin verstopft, wie beispielsweise der Markt für Schälkartoffeln. Ebenso wurden einige Verträge der verarbeitenden Industrie storniert.

„Hier setzt sich aufgrund der fehlenden Nachfrage von Großküchen und Kantinen der schwache Absatz weiter fort. Und es traf die Frühkartoffeln genauso wie den Pommesbereich“, sagt Thorsten Riggert vom niedersächsischen Landvolk, der die Kartoffelanbauer bei der Union der deutschen Kartoffelwirtschaft UNIKA vertritt.

Und nicht nur in Westeuropa wird das Kartoffelangebot dieses Jahr groß. „Nach zwei trockenen Jahren hat es auch in Polen ordentlich geregnet. Die Polen werden also genügend eigene Kartoffeln haben und weniger bei uns zukaufen“, ist Riggert überzeugt. Auch in den Niederlanden sind die Überhänge aus der vorigen Ernte weiterhin groß. Von März 2020 bis Mai wurden bei unseren Nachbarn rund 30 Prozent weniger Kartoffeln verarbeitet. Dies berichtet der Verband der Kartoffeln verarbeitenden Industrie (Vavi).

Der Makler De Vries & Westermann meldet indessen, dass niederländische Verarbeiter in den letzten Wochen ihre Verarbeitungskapazität langsam wieder hochfahren. Das dürfte in Deutschland ähnlich sein. Der niederländische Börsenmakler schätzt die Auslastung der Fabriken auf 70 bis 80 Prozent. Allerdings wird fast ausschließlich vertraglich gebunden Ware verarbeitet und verkauft. Am freien Markt besteht weiterhin kaum Nachfrage nach Pommes Frites und Verarbeitungskartoffeln, heißt es.

Kartoffelpreis: Terminmarktpreise in vier Wochen mehr als halbiert

Die Terminmarkpreise für Kartoffeln sind abgestürzt.

Gute Witterungsverhältnisse und die unsicheren Absatzaussichten belasten die Kartoffelpreise – zunächst vor allem bei Verarbeitungsware.

Das durchschnittliche Preisniveau für die Kartoffeln der bevorstehenden Ernte bei Lieferung im November und im April 2021 ist seit Juni geradezu dramatisch abgestürzt.

In einer Analyse schreibt der Broker De Vries & Westermann, dass es schwierig ist, den Markt in Bewegung zu bringen, wenn die Wachstumsbedingungen so gut bleiben.

Ende Juli fielen die Kontrakt-Preise für Pommes-Kartoffeln aus der Ernte 2020 auf 5,50 Euro pro 100 Kilo. Mitte Juni lag der Terminmarkt an der EEX in Leipzig noch bei 12,50 Euro pro 100 Kilo und im vorigen Jahr wurden zum gleichen Zeitpunkt knapp 16 Euro notiert.

Preisrückgänge am Kartoffelmarkt

„Die Vorerntezeit ist durch den starken Einfluss der Wachstumsbedingungen auf die Preisbildung gekennzeichnet“, schreibt De Vries & Westerman. Und auch auf anderen Absatzschienen ist bislang nicht viel zu holen: Die niederländische Vermarktungsorganisation PotatoNL berichtet, dass die Preise für Exportkartoffeln seit Wochen zwischen 3 bis 4 Euro pro 100 Kilo vor sich hin dümpeln. Für die reichlich verfügbaren Futterkartoffeln werden nur 2 bis 2,75 Euro geboten.

Die Erzeugerpreise für überwiegend fest kochende Speisefrühkartoffeln lagen in Deutschland Ende Juli bei knapp 31 Euro je 100 kg. Im Vergleich zur Vorwoche ist dies ein Rückgang von knapp 4 Euro.  

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