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Getreideernte und Getreidepreise

UK: Kleinste Weizenernte seit 30 Jahren – aber viel zu viel Gerste

Reifer Weizen auf dem Feld vor der Weizenernte
am Mittwoch, 19.08.2020 - 12:02 (Jetzt kommentieren)

Die britischen Farmer befürchten die kleinste Weizenernte seit mehr als 30 Jahren. Ursachen sind ein witterungsbedingter drastischer Anbaurückgang – und außerdem sehr schwache Erträge.

Der Importbedarf der Briten – vor allem von Qualitätsweizen – dürfte deshalb sehr hoch ausfallen. Zu den wichtigsten Lieferanten gehören – neben Kanada – traditionell auch Deutschland und die baltischen Länder.

Die Weizenpreise sind am britischen Terminmarkt in London – nach einer kräftigen Abwärts-Korrektur im Juli – zuletzt wieder gestiegen. Der Novembertermin notiert bei 165 GPB je Tonne (183 Euro je Tonne). Die Preiserwartungen für die nächste Weizenernte (2021) sind fast 20 GPB je Tonne niedriger. Anfang Juni lagen die Weizenpreise am britischen Terminmarkt allerdings noch bei 175 GBP je Tonne (194 Euro) und damit deutlich höher.

Mit der sehr groß erwarteten Weizenernte bei so wichtigen Lieferanten wie Kanada sind die Kurse aber auch auf den britischen Inseln im Juni deutlich gefallen – trotz der sehr klein erwarteten eigenen Ernte.

Weizen: Minifläche und schlechte Erträge

River Severn überflutet Felder in Shropshire.

Nach Einschätzung des Britischen Bauernverbandes NFU wird die Weizenernte in Großbritannien in diesem Jahr drastisch einbrechen. Die Erträge von Weizen könnten um etwa ein Drittel sinken, wobei die schlechteste Ernte seit 30 Jahren erwartet wird, teilte die Bauernorganisation mit.

"Wir haben im ganzen Land sehr schwierige Bedingungen gehabt", sagte Tom Bradshaw, Vizepräsident der NFU und selber Ackerbauer in Essex, gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian. „Die Erträge sind eingebrochen und dies scheint die schlechteste Weizenernte seit etwa 30 Jahren zu werden. Die Qualität scheint variabel zu sein, aber wir werden nicht wissen, was wir sehen, bis alles vom Feld ist."

Die relativ guten Wachstumsbedingungen im Sommer beim Weizen endeten in den vergangenen Wochen in vielen Regionen mit heftigen Gewittern nach einer extremen Hitzewelle, bei der Rekord-Temperaturen von über 34 Grad Celsius erreicht wurden.

Nasser Herbst, trockenes Frühjahr, heißer Sommer

Im vorigen Jahr hat ein nasser Herbst den Boden extrem durchnässt und in vielen Regionen Überflutungen verursacht. Die Aussaat von Wintergetreide wurde deshalb in vielen Regionen verhindert oder verzögert. Die Probleme für die britischen Farmers setzten sich aber fort. Nach einem nassen Winter war der Boden in vielen Gebieten sehr feucht und die weiteren Regengüsse im Februar ließen vielen Landwirte die Möglichkeit, Getreide zu pflanzen. Und für viele Farmer war damit auch der Start in die neue Vegetationsperiode sehr schlecht.

Während der Februar der feuchteste war, der jemals aufgezeichnet wurde, folgte dann das sonnigste Frühjahr seit Beginn vergleichbarer Messungen im Jahr 1929. Außerdem war der Frühling in Britannien wesentlich trockener als gewöhnlich.

Das Ergebnis könnte laut Bradshaw die schlechteste Weizenernte seit gut 30 Jahren sein. Der Ackerbauer und NFU-Vize schätzt, dass die Erträge von Weizen im ganzen Land um etwa 30 bis 35 Prozent einbrechen und in einigen Regionen möglicherweise noch erheblich niedriger sein können.

Kleinste Weizenfläche seit Ewigkeiten

Mähdrescher auf einem Weizenfeld bei der Ernte

Nach Erhebungen des britischen Landwirtschaftsamtes AHDB gingen die Weizenpflanzungen im Vereinigten Königreich um 25 Prozent bzw. 453.000 Hektar auf 1,363 Mio. Hektar zurück. Ein Großteil der nicht mit Weizen bestellten Flächen wurden durch Sommergerste oder Hafer ersetzt.  In der Vergangenheit war das Vereinigte Königreich – je nach Größe der eigenen Weizenernte – einer der wichtigsten europäischen Importeure von deutschem Qualitätsweizen.

Gleichzeitig exportieren die Briten regelmäßig große Mengen Braugerste auf den Kontinent. Die aktuellen Anbauverschiebungen könnten die Preise für Weizen und Braugerste auch auf dem europäischen Festland beeinflussen. Die gesamte Gerstenfläche im Vereinigten Königreich beträgt 1,358 Mio. Hektar. Das ist ein Zuwachs von 19 Prozent bzw. knapp 200.000 Hektar Gersten gegenüber dem Vorjahr.

Nach der sehr großen Gerstenernte im Jahr 2019 hätte sich die Anbaufläche für Gerste aus Marktsicht eigentlich verringern müssen, schrieb der AHDBin einer Analyse. Während des gesamten Wirtschaftsjahres 2019/20 wurde Gerste nämlich mit einem sehr großen Preisabschlag auf Weizen gehandelt, was sie wirtschaftlich wenig attraktiv machte. Trotzdem führten die extremen Witterungsbedingungen dazu, dass viele britische Farmer ihre Anbau-Absichten auf den Anbau von Sommergerste - oder Hafer - verlagerten.

Viel zu viel Braugerste/Sommergerste

Gerste wird in einem großen Container für den Export gesammelt

Bradshaw glaubt jedoch, dass es unwahrscheinlich ist, dass es Probleme beim Import von Getreide geben wird, da die Ernten in anderen Teilen der Welt groß sind. Einige britische Getreidebauern stehen jedoch unter zusätzlichem Druck: Wenn das Vereinigte Königreich die EU zum Jahresende ohne ein Abkommen verlässt, könnte ein Zollregime eine Katastrophe für die landwirtschaftlichen Exporte bedeuten, befürchtet der NFU.

Betroffen wäre insbesondere Braugerste. Aus diesem Grund werden viele Bauern ihre Gerstenernte vor Ende Dezember verkaufen wollen, was bedeuten kann, dass sie niedrigere Preise bei der Gerste akzeptieren müssen und möglicherweise Druck auf den europäischen Markt ausüben.

"Wir haben derzeit einen bekannten und einschätzbaren Exportmarkt, aber es gibt viele Unbekannte ab Januar", sagte Bradshaw. Insgesamt sind 74 Prozent der gesamten Gerstenfläche 2020 im Vereinigten Königreich nach Angaben der AHDB Braugerstensorten mit vollständiger Genehmigung des Institute of Brewing & Distilling. Das ist ein deutlicher Anstieg von 56 Prozent Gerste gegenüber dem Jahr 2019.

Bald Soja und Mais in Großbritannien?

In Zukunft müssten die britischen Landwirte möglicherweise andere Kulturen anbauen, sagte Bradshaw. Mais und sogar Sojabohnen könnten eine Option werden, obwohl sie zuvor in Großbritannien selten gesehen wurden. Die Farmer wollten auch ihre eigene Landbewirtschaftung verbessern, um einem variableren Klima Rechnung zu tragen, fügte er hinzu.

"Es wird mehr Wert auf Böden gelegt, damit sie mehr Wasser speichern können, um widerstandsfähiger gegenüber Trockenperioden zu sein", sagte der Bauernvertreter von der NFU. "Und wir suchen nach mehr Sommerkulturen, um das Risiko über das Jahr zu verteilen."

"Während Folgen von Corona eher eine vorübergehende Maßnahme war, sind die Landwirte längerfristig gezwungen, sich mit den Auswirkungen der Klimaveränderung auseinanderzusetzen", sagte Bradshaw. "Was wir sehen, sind extremere Wetterbedingungen". Er wies auf die lange Dürre von 2018 hin, die vielen Landwirten auch einen starken Mangel an Viehfutter bescherte.

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