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Zuckerkrise

Zuckerwirtschaft will Produktionsplanung und Ausstiegsprämien

Zuckerfabrik
am Donnerstag, 30.05.2019 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) ist nach EU-Recht als Branchenverband anerkannt. Mit Genehmigung der EU-Kommission könnte der Branchenverband bei einem schweren Marktungleichgewicht eine Produktionsplanung durchsetzen. WVZ-Geschäftsführer Günter Tissen erläutert im agrarheute-Exklusivinterview, wie eine Erzeugungsplanung mit Ausstiegsprämien kombiniert werden könnten, um die Krise der EU-Zuckerwirtschaft zu überwinden.

Günter Tissen WVZ

Die beiden großen Zuckerhersteller Südzucker und Nordzucker haben 2018 hohe Verluste verbucht. Für dieses Jahr sieht es nicht besser aus. Hat die Industrie die Folgen der Marktliberalisierung unterschätzt?

Dieser Auffassung bin ich nicht. Unsere Prognose lautete, dass die Märkte durch die Abschaffung der Zuckerquoten volatiler werden. Das ist eingetreten. Was für die Zuckerwirtschaft nicht vorhersehbar war, sind das überraschende Verbot der Neonicotinoide zur Beizung von Rübensaatgut und die massiven Subventionen der Zuckererzeugung durch große Exportländer wie zum Beispiel Indien.

Hat die europäische Zuckerindustrie die Marktkrise durch die kräftige Ausweitung der EU-Anbaufläche zur Saison 2017/18 nicht selbst mitverursacht?

Ziel muss es immer sein, die fixen Produktionskosten pro Tonne Zucker durch eine Vollauslastung der Kapazitäten möglichst niedrig zu halten. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 80 bis 85 Prozent und der Zusage der Politik, dass die Exportbegrenzung fallen wird, war die Ausweitung der Anbauflächen ein logischer und maßvoller Schritt.

Aktuell ist EU-weit die Stilllegung der Zuckerproduktion in sieben Werken in Deutschland, Frankreich und Polen angekündigt. Rechnen Sie mit weiteren Schließungen?

Mir sind keine weiteren Standortschließungen bekannt. Aber wir sagen ganz deutlich, wenn die Politik die Verzerrungen im Wettbewerb innerhalb der EU und auf dem Weltmarkt nicht schnell abbaut, wird sich die Krise im Zuckersektor weiter verschärfen.

Politik soll gleich Wettbewerbsverhältnisse herstellen

Gekoppelte Zahlungen für Zuckerrüben

Kann die Industrie die Krise ohne Pleiten durchstehen?

Die Unternehmen tun was sie können, um die Krise zu bewältigen. Das zeigen unter anderem die von einigen Herstellern angekündigten Einsparprogramme. Die Frage ist, wie lange die Aktionäre bereit sind, verlustreiche Geschäftsbereiche zu tragen.

Aber ohne staatliche Hilfe geht es nicht mehr?

Wir sehen die Politik in der Verantwortung, nach der Liberalisierung des EU-Zuckermarktes auch für Wettbewerbsgleichheit zu sorgen. Dafür haben im Frühjahr 10.000 Rübenanbauer und Beschäftigte demonstriert.

Was fordern Sie konkret von der Politik?

Die EU hat die Anwendung von Neonicotinoiden zur Beize von Zuckerrübensaatgut verboten. In 13 Mitgliedstaaten gelten jedoch Notfallzulassungen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium lehnt eine Notfallzulassung ab. Das bedeutet einen erheblichen Wettbewerbsnachteil für die deutschen Rübenbauern.

Eine weitere Benachteiligung entsteht durch die gekoppelten Beihilfen für den Rübenanbau in elf Mitgliedstaaten. Falls sich die nächste EU-Agrarreform bis 2023 verschiebt, was sich derzeit abzeichnet, und die Zuckerrübe dann noch nicht einmal aus dem Katalog der gekoppelten Zahlungen gestrichen werden kann, wird diese Form der Wettbewerbsverzerrung dazu führen, dass der Rübenanbau ausgerechnet in denjenigen Ländern durch die derzeitige Marktkrise bedroht ist, die eigentlich am wettbewerbsfähigsten sind. Dagegen werden die Kapazitäten dort fortbestehen, wo Notfallzulassungen und gekoppelte Beihilfen den Rübenanbauern einen Vorteil verschaffen. Das wäre töricht. Langfristig gefährdet das die gesamte EU-Zuckerwirtschaft. Darum müssen diese Wettbewerbsverzerrungen abgebaut werden.

Ausstiegsprämie für Unternehmen und Landwirte

Neonicotinoide Notfallzulassungen

Die WVZ ist ein anerkannter Branchenverband im Sinne des EU-Rechts. Wie wäre es mit Hilfe zur Selbsthilfe durch einen koordinierten Kapazitätsabbau?

Wir haben der Bundesregierung ein Konzept vorgelegt, wie durch eine Erzeugungsplanung die Marktkrise prinzipiell gelöst werden könnte.

Damit wir als Branchenverband diesen Lösungsansatz konkreter planen dürfen, muss die EU-Kommission das Vorliegen einer Marktkrise feststellen. Nur unter dieser Voraussetzung erlaubt das Wettbewerbsrecht Gespräche über koordinierte Lösungen. Wirkliche Durchschlagskraft hätte ein solches Vorgehen am ehesten auf EU-Ebene.

Wie könnte eine solche Lösung aussehen?

Vorstellbar wären zum Beispiel auch Ausstiegsprämien für Zuckerunternehmen und deren Landwirte, die den Rübenanbau aufgeben. Eine solche Einmalzahlung könnte den notwendigen Abbau der Kapazitäten erleichtern.

Ähnliche Maßnahmen gab es schon einmal 2005 bis 2009 in Form von Strukturhilfen, als die Politik eine Verkleinerung der Produktionskapazitäten in der EU anordnete. Übrigens sind nach Abschluss dieser Maßnahme hohe Millionenbeträge in den EU-Haushalt zurückgeflossen. Darauf könnte jetzt zurückgegriffen werden.

Strukturbereinigung europaweit planen

Im Juni tagt wieder die High Level Group Sugar der EU. Könnte dort eine Entscheidung fallen?

Wir haben an die Bundesregierung appelliert, sich in der High Level Group u.a für die Begleitung des Strukturwandels einzusetzen. Diese Maßnahmen sollten jenen Regionen, die vom Abbau der Produktionskapazitäten betroffen sind, den Ausstieg aus der Zuckerproduktion erleichtern.

Klar ist, dass nur europaweit koordinierte Maßnahmen sinnvoll sind. Eine gesteuerte Konsolidierung allein in Deutschland wäre nicht zielführend und zum Nachteil der hiesigen Rübenanbauer. Wir erwarten von der High Level Group außerdem Einigkeit darüber, gegen die Ausfuhrsubventionen großer Exportländer vorzugehen. Auch darf der Außenschutz im Zuge der Freihandelsgespräche mit den Mercosur-Staaten keinesfalls verringert werden.

Der Rübenanbau zur Ernte 2019 wurde in Deutschland deutlich eingeschränkt. Wie sieht es für das nächste Jahr aus?

Wir gehen für das laufende Jahr von einem Rückgang der Anbaufläche um 12.000 Hektar auf rund 379.000 Hektar aus. Diese Flächen wurden allerdings kontrahiert, als das Anwendungsverbot von Neonicotinoiden noch nicht absehbar war.

Wir sind daher in großer Sorge, wie sich der Rübenanbau weiter entwickeln wird. In diesen Wochen entscheiden viele Landwirte über ihren Rübenanbau für die Ernte 2020. Ein weiterer deutlicher Rückgang ist zu befürchten.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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