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Biomilchmarkt 2020

Boom bei Biomilch: Hohe Preise und mehr Milch

Ein Mann mit rotem Cap steht inmitten einer Kuhherde auf einer Wiese
am Freitag, 18.09.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Als würde es die Coronakrise nicht geben: Bei Biomilch zahlen die Molkereien unverändert hohe Preise, obwohl die angelieferten Milchmengen steigen.

Grafischer Verlauf der ansteigenden Produktion von Biomilch in Deutschland von 2000 bis 2020

Erstmals seit langen suchen die Biomolkereien sogar wieder neue Lieferanten – nachdem es in den letzten Jahren lange Wartelisten bei den Molkereien und lange Gesichter bei den umstellungswilligen Milchbauern gab.

Verantwortlich für das im Vergleich zum konventionalen Markt sehr robuste Wachstum und den sehr aufnahmefähigen Markt dürften zwei Gründe sein: Zum einen das veränderte Verbraucher- und Einkaufsverhalten während der Corona-Krise und zum anderen das starke Absatzwachstum durch die großflächige Übernahme von zahlreichen Biomilchprodukten durch die großen Discounter und Einzelhändler in ihr Sortiment.

Insbesondere letzteres dürfte zumindest für den enormen Schub beim Umsatzwachstum in den Jahren 2017 bis 2019 verantwortlich gewesen sein. Aber auch 2020 wächst die erzeugte und als Biomilch vermarktete Milchmenge weiter.

Und: Der von vielen Beobachtern angesichts der hohen Wachstumsraten befürchtete Preiscrash blieb zumindest bisher aus. Im Gegenteil: Die Preise blieben auch während der Corona-Krise – als es für die konventionellen Milchpreise nach unten ging – auf einem sehr hohen Niveau von etwa 47 Cent je Kilo stabil.

Biomolkereien suchen wieder Lieferenaten

Grafischer Verlauf der Anlieferung von Öko-Milch in Duetschalnd mit einem Anstieg im Jahr 2020

„Wir verzeichnen über die letzten Jahre einen sehr stabilen Bio-Milchpreis“, sagt Gerald Wehde, Bioland-Pressesprecher. „Uns ist es gelungen, die Öko-Preise von den konventionellen zu entkoppeln“, sagt er. Dazu tragen aus seiner Sicht die gut aufgestellten Wertschöpfungsketten und die flexible Mengensteuerungen bei. Außerdem ist der Absatz von Bio-Milch 2018 sogar um satte 19 Prozent gewachsen - und 2019 immerhin noch um 6 Prozent. Für 2020 liegt der bisherige Zuwachs bei reichlich 4 Prozent.

„Der konventionelle Markt ist deutlich volatiler“, sagt Wehde. Das liegt nach seiner Einschätzung unter anderem am Exportanteil von bis zu 50 Prozent. Für die Biomilchbauern erwartet Bioland auch in Zukunft eine relativ stabile Preisentwicklung. Hinzu kommt: Seit einiger Zeit suchen einige Bio-Molkereien wieder neue Lieferanten. Dazu gehören unter anderem Andechser, Berchtesgadener Land, Allgäuer Milch.

Fast alle Bio-Molkereien hatten bis Anfang dieses Jahres noch einen Aufnahme-Stopp für neue Lieferanten und lange Wartelisten. Seit dem Frühjahr ist es damit aber vorbei. Im Einzelhandel hat Konsum von Biomilchprodukten zugelegt. Auslöser war die Corona-Krise. Gastronomie und Kantinen waren zwar geschlossen, die Nachfrage der privaten Haushalte stieg jedoch kräftig an.

Der Grund: Im Einzelhandel hat Bio einen deutlich höheren Anteil als bei der Außer-Haus-Verpflegung bzw. in Kantinen der Gastronomie. Nach den Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft stieg der Absatz Biokäse deshalb in den ersten 7 Monaten des Jahres um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, bei Biotrinkmilch lag das Plus bei 12 Prozent und bei Biobutter immerhin noch bei 2 Prozent.

Die Biomilchpreise sind hoch – die Kosten aber auch

Grafischer Verlauf der Preise für Biomilch und Konventionellen Milch am deutschen Markt

Bei der Aufnahme neuer Lieferanten blieben die Bio-Molkereien trotz der hohen Zuwachsraten jedoch weiterhin vorsichtig. Angebot und Nachfrage sollen im Gleichgewicht bleiben, damit der Milchpreis stabil bleibt, heißt es seitens des größten Bioverbandes Bioland – der auch einen in Biokreisen durchaus umstrittenen Deal mit dem Discounter Lid eingefädelt hatte, um den Absatz anzukurbeln.

Und auch am Biomilchmarkt ist nicht alles eitel Sonnenschein: Im Süden wird nach wie vor auch Biomilch zu günstigeren Preisen in Österreich eingekauft. Doch die Aussichten bleiben positiv. „In den Jahren 2017 und 2018 gab es bereits große Mengenzuwächse. Die mussten 2019 erstmal verdaut werden. Wir haben aber erwartet, dass das Wachstum 2020 weitergeht", sagt der Milchexperte Rüdiger Brügmann von Bioland.

Mit gut 47 Cent je Kilo bringt ökologisch erzeugte Milch im Juli 16 Cent mehr pro Liter als konventionell erzeugte – mit nur 31 Cent. Hier ging es während der Coronakrise um gut 2 Cent nach unten. Allerdings haben sich die konventionellen Milchpreise im Juli ebenfalls wieder gefangen.

Im gesamten Jahr 2019 zahlten die Biomolkereien ihren Bauern im Durchschnitt 47 Cent pro Kilo – für konventionelle Milch gab es gut 33 Cent je Kilo. Allerdings sind auch die Kosten bei den Biobauern meist erheblich höher – sodass nicht unbedingt mehr Geld im Portemonnaie bleiben muss. So geht der Bundesverband deutscher Milchviehhalter in einer Untersuchung von knapp 300 Biomilch-Bauern (BDM) von Produktionskosten von bis zu 60 Cent je Kilo aus.

Lidl und die großen Händler treiben das Wachstum

Frau steht vor einem Kühlregal im Supermarkt und schaut auf eine Milchflasche

Für das organische Wachstum, das die Biomilcherzeuger anstreben, brauchen sie allerdings die großen Einzelhändler und Discounter – sonst könnte der Boom schnell ins Stocken geraten. So hat die Kooperation von Bioland mit dem Discounter Lidl dem Absatz offenbar kräftige Impulse beschert. Seit rund einem Jahr stehen auch Molkereiprodukte mit "Bioland"-Standard in den Kühlregalen.

Einige Mitglieder des Bioland-Verbandes sahen die Kooperation durchaus kritisch. Sie hatten Sorgen, der Discounter könnte die Preise drücken und sie fanden die Zusammenarbeit mit jemanden, der Lebensmittel zu Billigpreisen anbietet, auch sonst bedenklich.

Doch Bioland-Sprecher Jan Plagge sagt: Das gemeinsame Ziel "mehr Bio für alle" geht auf. "Wenn jetzt Lidl innerhalb eines Jahres über 44 Prozent Umsatzwachstum hatte mit dem Bioland-Sortiment, dann kommt es offensichtlich sehr gut an. Was uns besonders freut, ist, dass es wirklich Verbraucher sind, die sich bewusst für den Einkauf von 'Bioland'-Lebensmittel zusätzlich entscheiden."

Aber bei den meisten anderen Einzelhändlern gehören Bio-Lebensmittel mittlerweile zum guten Ton. Von daher haben die Verbraucher die Möglichkeit, zum Bio-Produkt zu greifen. Und das tun sie eben in verstärktem Maße", sagt Rüdiger Brügmann von Bioland. Der Milchexperte von Bioland geht davon aus, dass der Trend anhält. Der Biomilchmarkt wachse seit vielen Jahren organisch, sagt er.

"Und diese Zuwächse sind schrittweise wieder gekommen und wurden durch die Corona-Krise noch mal stärker befeuert", ist Brügmann überzeugt. Im Moment sieht es jedenfalls so aus, als wenn sich diese Prognose bewahrheitet.

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