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Milchmarkt und Corona-Folgen

Corona-Krise: Milchbauern werden drei Schockwellen erleben

Milchkühe
am Freitag, 17.04.2020 - 14:00 (1 Kommentar)

Der Milchmarkt durchlebt eine schlimme Krise. Er muss drei Schockwellen aushalten, sagt die Rabobank in einer Studie. Mit schweren wirtschaftlichen Folgen für die Bauern und die Milchindustrie.

"Der Milchsektor befindet sich auf unbekanntem Gebiet und wird in den nächsten 12 Monaten voraussichtlich drei Wellen von Marktveränderungen erleben.Das sind zunächst Panikkäufe, dann eine schrumpfende Einzelhandelsnachfrage und größere logistische Herausforderungen und zuletzt spürbare Kaufkraftverluste der Verbraucher", sagen die Analysten der Rabobank in einer aktuellen Prognose.

"Die Rabobank hat ihre Prognose für den Milchmarkt auf der Grundlage der sich rasend schnell ändernden Angebots- und Nachfragebedingungen während der COVID-19-Pandemie noch einmal überarbeitet", sagte Mary Ledman, globale Milch-Analystin von RaboResearch.

Drei Wellen rollen über den Markt

Milchbauer

Der Milchsektor wird in den nächsten 12 Monaten drei Marktbewegungswellen durchleben, bevor er zu einer „neuen“ Normalität zurückkehrt, ist die Kernaussage der Rabobank-Analysten. Die erste Welle ist gekennzeichnet durch einen Anstieg der Milchnachfrage im Einzelhandel, der durch Panikkäufe der Verbraucher ausgelöst wird, heißt es in der Studie. Die dadurch kräftig steigende Einzelhandelsnachfrage kann zeitweise einen Teil der wegbrechenden Gastronomie- und Foodservice-Nachfrage ausgleichen.

Die zweite Welle ist nach Einschätzung der Rabobank-Analysten gekennzeichnet durch eine rückläufige Einzelhandelsnachfrage und verstärkte logistische und finanzielle Herausforderungen. Die Verbraucher werden dann deutlich gezielter als bei den Panikkäufen einkaufen und nur noch mögliche Lücken in ihren Vorratskammern und Kühlschränken schließen, anstatt große Hamster-Einkäufe zu tätigen.

Die Auswirkungen anhaltend niedriger Gastronomie- und Foodservice-Verkäufe, in Verbindung mit dem saisonalen Höhepunkt der Milchproduktion auf der Nordhalbkugel und einer deutlichen Verlangsamung des Welthandels, werden zudem die Lagerbestände bei fast allen Milchprodukten deutlich erhöhen, heißt weiter.

Diese Entwicklung wird die Preise für Milchprodukte kräftig drücken und in der Folge auch die Milchpreise für die Milchbauern massiv unter Druck setzen.

Kaufkraft sinkt und Milchpreise fallen

Milchtanks fluten Felder

Langfristig gesehen umfasst die dritte Welle unter anderem eine globale Rezession und erhebliche Einkommens- und Ersparnisverluste bei den Verbrauchern. Dies wird die Preise für Milchprodukte und Milch bis 2021 unter Druck halten, glauben die Analysten. Weiter heißt es: Wegen der sich schnell ändernden Angebots- und Nachfragebedingungen wurde die jüngste globale Prognose für Milchprodukte angepasst. Angesichts des Ausmaßes der Marktstörung sind alle Prognosen jedoch schnell veraltet.

Wie erwartet, kommt es derzeit weltweit zu erheblichen Störungen bei der Abnahme und Verarbeitung von Milch, zumal die Milchproduktion auf der Nordhalbkugel derzeit saisonal steigt, beobachten die Analysten. In Teilen Europas und den USA wird derzeit über das Wegschütten von Milch und über Betriebs- bzw. Molkereischließungen berichtet. Milchverarbeiter in Frankreich, Italien und den USA haben die Erzeuger aufgefordert, ihre Milchlieferungen deutlich zu reduzieren.

In den USA versuchen Milchverarbeiter zudem mit so gennannten Basisprogrammen die Milchbauern zur Reduzierung der Ablieferungsmengen zu bewegen. Das heißt, dass jede Produktion, die über eine bestimmte Basismenge hinausgeht, einen deutlich niedrigeren Preis erhält.

Die Rabobank hat ihre Preis-Prognosen für Milch und Milchprodukte deshalb deutlich nach unten angepasst, damit diese die vollen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise widerspiegeln. Die Preisprognosen einiger Milchprodukte liegen jetzt rund 30 Prozent unter dem Preisniveau von vor der Covid-19-Pandemie.

Welthandel mit Milchprodukten bricht ein

Containerschiff

Die globale Logistik wird derzeit außerdem durch den Wettbewerb um Container und die erhöhten Anfordeurngen an die ´ Biosicherheit in den Häfen herausgefordert. Darüber hinaus verzögern sich Importzertifikate aufgrund von Problemen mit den Arbeitskräften. Die EU steht außerdem aufgrund von ereheblichen Verzögerungen beim Grenzübertritt und beim Warenverkehr innerhalb der EU, vor großen Herausforderungen im Handel mit Milchprodukten.

Die Basisprognose der Rabobank geht davon aus, dass der globale Handel mit wichtigen Milchprodukten wie Magermilchpulver (SMP), Vollmilchpulver (WMP) und Käse im Jahr 2020 gegenüber 2019 um 11 Prozent,13 Prozent und 5 Prozent sinken wird. Aufgrund eines starken Import-Rückgangs Chinas, werden die Export ins Reich der Mitte von SMP und WMP bis 2020 voraussichtlich um 28 Prozent zurückgehen.

Nach China werden der Nahe Osten und Nordafrika die nächstgrößten Rückgänge bei den Milchimporten verzeichnen. Die stark gefallenen Ölpreise werden die Kaufkraft importabhängiger Länder erheblich verringern. So prognostizieren die Rabobank-Experten, dass die WMP- und SMP-Importe von Algerien (vor allem aus Europa) um fast 20 Prozent sinken werden, was einem Defizit von 45.000 Tonnen bzw. 24.000 Tonnen entspricht.

Ein Fünftel der Milch geht in den Gastro-Bereich

Milchkühe

In Europa hat sich die Nachfrage aus dem Gastronomie- und dem Foodservice dramatisch abgeschwächt. Rund 20 Prozent der gesamten Milchmenge werden in Europa über den Foodservice verkauft. Bestimmte Produkte wie Käse – insbesondere Schmelzkäse und Mozzarella – sind durch das Wegbrechen dieses Markt-Segments stärker gefährdet als andere.

Einige große Milchunternehmen können die "überschüssige" Milch anderen Produkten und damit auch dem Einzelhandel und Erzeugnissen mit einer längeren Haltbarkeit neu zuordnen. Vielen kleineren Molkereien mit begrenzten Produktportfolios sowie Händlern und Großhändlern, die sich auf das Foodservice-Segment spezialisiert haben, ist dass nicht möglich und sie und ihre Lieferanten geraten deshalb stärker unter Druck.

In der Europäischen Union haben bereits mehrere Länder und Molkereiorganisationen die Kommission aufgefordert, die private Lagerhaltung (PLH) für Magermilchpulver, Butter und Käse zu eröffnen. Das Programm sieht den Kauf von Milchpulver und Butter zu 1.698 Euro je Tonne bzw. 2.217 Euro je Tonne vor, um die Märkte in Krisensituationen zu stützen. Die Magermilch- und Butterkäufe sind allerdings auf 109.000 Tonnen bzw. 60.000 Tonnen begrenzt.

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