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Milchmarkt

Wie Molkereien und Bauern für stabilere Preise sorgen können

Milchkühe-am-Futtertisch
am Donnerstag, 04.04.2019 - 05:00

Wissenschaftler des Thünen-Institutes schlagen Maßnahmen vor, wie Molkereien Milchpreise stabiler halten können. Fazit: Es gibt noch viel zu tun.

Fischgrätenmelkstand

Gerade in Milchmarktkrisen wäre es wichtig, dass Molkereien das Rohmilchangebot an die Marktbedürfnisse anpassen. Thünen-Wissenschaftler schlagen in ihrem Arbeitspapier 118 mehrere Varianten vor, wie Molkereien vorgehen können.

Zunächst müssen die Molkereien die Marktsignale schneller weitergeben. Nur wenn dies aus strukturellen Gründen nicht möglich ist, sollten sie das Rohmilchangebot steuern.

Der Staat sei für die Mengensteuerung die denkbar ungeeignetste Institution, denn er könne der Heterogenität der Marktakteure und ihren jeweiligen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Jede Marktkrise wirkt sich unterschiedlich auf die Teilsegmente des Milchmarktes (Butter, Magermilchpulver, Käse, etc.) aus.

Aus diesem Grund sind die Milchverarbeiter auch unterschiedlich stark von einer Marktkrise betroffen. So sollten beispielsweise genossenschaftliche Milchverarbeiter überdenken, ob das bisherige Genossenschaftsmodell noch zukunftsfähig ist oder ob sie Anpassungen vornehmen sollten. Auch für Genossenschaftsmitglieder stellt sich diese Frage. Sie sind Anteilseigner an dem Unternehmen und könnten in den entsprechenden Gremien die Unternehmenspolitik mitbestimmen. Bisher scheinen sie nicht von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

So können Molkereien Milchmengen besser steuern

Eine der großen Herausforderungen ist vor allem das zeitgemäße Anpassen der Abnahmegarantie an die individuellen Bedürfnisse der Marktpartner. Mit den folgenden Maßnahmen könnte der Herausforderung laut Thünen-Institut begegnet werden:

  1. Angebotssteuerung über Preise: Es wird ein Garantiepreis für eine definierte Rohmilchmenge vereinbart. Den Garantiepreis könnten Molkereien pro-aktiv in Erwartung der zukünftigen Marktentwicklung setzen und somit das Angebot stimulieren oder hemmen. Damit könnte der Preis  seine Funktion als Marktsignal ausüben. Für Rohmilchlieferungen, die darüber hinausgehen, könnte beispielsweise der Spotmarktpreis maßgebend sein. Damit wäre gewährleistet, dass betriebsindividuelle Entscheidungen einzelner Milcherzeuger nicht zu Lasten der Gesamtheit aller Genossenschaftsmitglieder gingen.
  2. Lieferverträge mit fixierter Anlieferungsmenge: Die Molkerei vereinbart mit dem Milcherzeuger eine Anlieferungsmenge. Für darüber hinausgehende Anlieferungen müssten die Vertragspartner gesonderte, neue Absprachen, insbesondere für den Preis, treffen.
  3. Unternehmensquote: Basierend auf einer Vergleichsperiode erhält jedes Genossenschaftsmitglied eine historische Lieferquote. Eine Überlieferung würde mit einem Abzug geahndet. Mögliche Unterlieferungen könnte die Molkerei mit einem Zuschlag belohnen. Um ein einzelbetriebliches Wachstum der Genossenschaftsmitglieder zu ermöglichen, sollte die Quote unter den Mitgliedern handelbar sein und einen Wachstumskoeffizienten beinhalten.

Mehrere Instrumente für Risikomanagement

Bisher zeigt sich, dass das Preisrisiko in der Wertschöpfungskette Milch nicht gleich verteilt ist. So verbleibt es bei den meisten genossenschaftlichen Milchverarbeitern allein bei Genossenschaftsmitgliedern. Schon heute existieren unterschiedliche Ansätze, dem Preisrisiko wirksam zu begegnen. Jedoch gibt es laut Thünen-Wissenschaftler kein Patentrezept. Der Umgang mit Preisrisiken stellt eine betriebsindividuelle Herausforderung dar, für die auch einzelbetriebliche Lösungsansätze nötig sind.

Folgende Risikomanagementinstrumente sind denkbar:

  1. Warenterminbörse: Kontrakte für Butter, Magermilchpulver,  Molkepulver und Flüssigmilch an der EEX in Leipzig.
  2. Garantiepreis-Zertifikate: Beispiel DTO-Zertifikat, um Differenz zwischen dem Marktpreis und dem abgeschlossenen Garantiepreis abzusichern.
  3. Garantiepreise: Angeboten vom Milchverarbeiter. Durchschnittspreis über einen längeren Zeitraum, der temporäre Spitzen und Tiefen glättet.
  4. Versicherungen: Indexversicherung zur Preisabsicherung eines durchschnittlichen nationalen Milchpreises. Dies eventuell mit staatlicher Förderung.
  5. Intervention: Temporäre Einlagerung von Butter und Magermilchpulver durch öffentliche Stellen.
  6. Diversifikation von Betriebszweigen, auf Ebene der Erzeuger und Molkereien.
  7. Rücklagen: Privatwirtschaftliche Maßnahme, um bestimmte Erlösüberschüsse zurückzulegen und um diese im Krisenfall zur Aufrechterhaltung der Liquidität zu nutzen.

Weltmarktpreise sind nicht dauerhaft hochzuhalten

Ebenso stellen die Experten klar, dass auf EU-Ebene massive Milchmengenkürzungen nötig wären, um überhaupt die Weltmarktpreise beeinflussen zu können. Der Effekt wäre bestenfalls von kurzer Dauer.

Schließlich werden andere großen milcherzeugende Länder wie die USA oder Neuseeland die Mindermengen in der EU schnell ausgleichen, so die Expertenmeinung.