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Hafermilch und Milchpreise

Warum ist vegane Hafermilch eigentlich dreimal so teuer wie Kuhmilch?

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am Freitag, 10.09.2021 - 09:47 (8 Kommentare)

Hafermilch, oder besser Haferdrinks, sind dreimal so teuer wie Kuhmilch. Warum ist das so?

Diese Frage haben sich viele Milchbauern sicher selbst schon gestellt und keine richtige Erklärung gefunden. Also nichts gegen Hafer – aber mit den Inhaltsstoffen lassen sich die hohen Preise sicherlich nicht erklären: denn 90 bis 95 Prozent der so genannten Haferdrinks bestehen aus Wasser.

Der Einsatz von höchstens 10 Prozent Hafer im Haferdrink ist im Vergleich auch nicht besonders teuer – auch wenn die Haferpreise vielleicht einmal etwas höher sein sollten. Im Schnitt kostet ein Liter Kuhmilch bei 1,5 Prozent Fett etwa 65 Cent und für Vollmilch muss man 75 Cent (3,5 Fett) ausgeben. Markenprodukte sind auch schon einmal etwas teurer. Für Biomilch muss man rund einen Euro zahlen und für Weidemilch auch schon mal 1,30 Euro pro Liter. Der an die Milchbauern ausgezahlte Milchpreis pro Liter Rohmilch lag in diesem Jahr zuletzt nur bei rund 35 Cent und für Biomlich bei 49 Cent.

Zum Vergleich: Haferdrinks kosten im Supermarkt im Schnitt zwischen knapp 2,0 Euro und 2,40 Euro pro Liter. Marktführer Oatly verlangt für seine Produkte – wie etwa für die Barista-Edition – etwa 2,20 Euro je Liter. Für Biohafermilch oder bestimmte Geschmacksvarianten, muss man auch schon mal 2,50 Euro je Liter auf den Tisch blättern.

Die Inhaltsstoffe rechtfertigen den Preis nicht

Hafermilch.

Fakt ist außerdem: Der Gehalt an Eiweiß, Kalzium, Vitaminen und anderen wertvollen Inhaltsstoffen ist bei Kuhmilch erheblich höher. In 100 ml Kuhmilch (Vollmilch) stecken durchschnittlich 3,5 g Fett, 3 g Eiweiß, 5 g Kohlenhydrate und 120 mg Calcium. Die pflanzlichen Alternativen können da nicht mithalten. Hafer liefert zwar eigentlich viele Ballaststoffe und andere Inhaltstoffe. Diese werden bei der Verarbeitung jedoch zum größten Teil zerstört. So haben 100 ml Haferdrink von Qatlys Barista-Edition nur wenig Eiweiß: nämlich 1,0 g. Dafür sind aber 3 g Fett drin sowie 6,6 g Kohlenhydrate – davon 4 g Zucker und nur noch 0,8 g Ballaststoffe.

Was den Energiehalt angeht, sieht es folgendermaßen aus: Vollmilch hat 64 Kilokalorien und fettarme Milch 49 Kilokalorien. Der Milchersatz von Oatlys Barista-Edition liefert 59 Kilokalorien, andere Haferdrinks kommen auf knapp 40 Kilokalorien. Also hier gibt es keine großen Unterschiede. Haferdrinks enthalten jedoch kein Calcium und kaum Vitamine und müssen damit angereichert werden. Außerdem kommen Süßungsmittel, Verdickungsmittel, Aromen und pflanzliche Öle in die Ersatzmilch.

Legt man also die Inhaltstoffe zu Grunde, dann lässt sich mit Sicherheit kein höherer Preis für Haferdrinks rechtfertigen. Erst recht nicht, wenn man den aufwendigeren und teureren Prozess der Milcherzeugung auf dem Bauernhof bis hin zu Verarbeitung in den Molkereien vergleicht. Die Produktionskosten der Milchbauern sind jedenfalls höher als der gegenwärtige Auszahlungspreis – das gilt für die konventionelle Milch ebenso wie für die Biomlich.

Das man aber nicht den Preis für ein Produkt verlangen kann, den haben möchte oder der Kosten deckt, ist eine Binsenwahrheit der Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage bestimmen in aller Regel den Preis. Nachfrage heißt in diesem Fall: Den Preis, den der Verbraucher bereit ist, für ein bestimmtes Produkt zu zahlen. Bei Hafermilch zeigt sich, dass dieser Preis deutlich über den wirklichen Rohstoff- und wohl auch Herstellungskosten liegt.  

Das hipe Zeitgeistgetränk ist vegan

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Eigentlich wissen auch die Verbraucher, was in der Hafermilch drin ist. Das zeigt eine Diskussion, die die Teilnehmer eines Forums im Internet über den Preis für Hafermilch gesagt haben. Dort heißt über die höheren Haferdrinkpreise unter anderem: „Warum weniger verlangen, wenn der Konsument die höheren Preise akzeptiert? Nicht die Herstellkosten bestimmen den Preis sondern der Markt. Lernt man im BWL Studium im ersten Semester.“

Eine andere Teilnehmerin formuliert es noch drastischer: „Haferdrink ist nichts weiter als sehr viel Wasser mit sehr wenig Hafer, welcher dann ausgepresst wird. Dann kommen noch ein paar Zusätze rein wie Zucker, Emulsifier, Aromen, Vitamine und Mineralstoffe. Insgesamt sind die Zutaten allerdings erheblich billiger als Milch. Warum der Haferdrink trotzdem teurer ist: Schau mal auf die Verpackung! Da prangt ein großes Vegan-Symbol. Der Haferdrink ist als „Vegan zertifiziert, und weil das hip ist, kann der Händler das dreifache des Preises verlangen“.

Und es gibt noch eine Begründung für die hohen Preise: „Pflanzliche Alternativen sind auch deshalb teurer als Kuhmilch, weil Kuhmilch mit nur 7 Prozent und Pflanzenmilch mit 19 Prozent besteuert wird", sagt Anja Schwengel-Exner, von der Verbraucherzentrale Bayern. In Deutschland gilt Pflanzenmilch nämlich als „verarbeitetes Lebensmittel“ und wird deshalb anders besteuert als Kuhmilch, welche als Grundnahrungsmittel gilt. In Ländern wie Frankreich, Dänemark oder den Niederlanden ist der Steuersatz auf Kuh- und Pflanzenmilch gleich.

Das interessante daran ist jedoch: Auch in diesen Ländern sind Preisunterschiede nicht viel kleiner – was offenbar für die Hip-Vegan-Theorie spricht.

Das perfekte Antiklimawandel-Getränk

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Es kommt aber noch ein Aspekt hinzu, der den Herstellern von veganen Ersatzprodukten in die Karten spielt und eine andere Preispolitik erlaubt. Sie argumentieren nämlich mit dem Klimaschutz, weil ihre Produkte in der Herstellung weniger Treibhausgase verursachen. Hier hat Oatly, der börsennotierte Marktführer in Deutschland und Europa, schon viele gute Beispiele geliefert. Das Unternehmen wirbt sogar mit einem eigens vom Klimainstitut in Potsdam für Oatly angefertigten Gutachten, dass die Emissionen beider Erzeugnisse vergleicht.

Fazit: Wer etwas für den Klimaschutz tun will, muss einfach Hafermilch trinken – auch wenn sie dreimal so viel kostet. Der Haferdrink ist eben das einzig wahre „Anti-Klimawandel-Getränk“. Ein bisschen Ablasshandel darf schon sein. Da fällt es der Milchwirtschaft schon schwerer bei den auf Klimaschutz und vegan orientierten Kunden zu punkten und höhere Preise zu verlangen. Schließlich gilt die Tierhaltung unter Klimaschützern als eine der Hauptemissionsquellen. Zwar speichern Weiden und Grünland mehr CO2 als Ackerland. Doch Weidemilch hat bisher lediglich einen Anteil von zwei bis drei Prozent an der Milchproduktion.

Viele Verbraucher folgen dem Klimatrend, auch wenn der Marktanteil gegenüber Kuhmilch immer noch klein ist. Im Jahr 2020 lag der Umsatz von pflanzlichen Drinks, Joghurtalternativen, pflanzlichen Desserts und pflanzlichen Kochcremes in Deutschland bei 535 Millionen Euro. Zwei Jahre zuvor waren es noch 315 Millionen Euro – ein Zuwachs von immerhin 70 Prozent. Doch im Vergleich zu Produkten aus Kuhmilch ist das immer noch verschwindend weniger. Der Umsatz mit Kuhmilchprodukten lag in Deutschland im Jahr 2019 bei mehr als 27 Milliarden Euro. Das ist rund fünfzig (!) mal so viel wie der der Umsatz von Ersatzprodukten.

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