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Milchwirtschaft

Weckruf an die (Milch-)Branche

Fressgitter-Futtertisch-TMR-Fütterung-Milchvieh-Fangfressgitter
Benjamin Meise, Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH
am
17.12.2018

Auf Krisen vorbereitet sein! Ein Weckruf an die (Milch-)Branche von Milcherzeuger Benjamin Meise, Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz.

Benjamin Meise

Blickt man auf die letzten 10 Jahre der deutschen Landwirtschaft zurück, muss man wohl erschrocken feststellen, dass sich die Branche von einem Skandal zum nächsten, von einer Krise zur nächsten hangelte. Es wurde deutlich mehr reagiert, als agiert.
 
Dabei versuchte jeder im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten Feuerwehr zu spielen, was auch mal mehr oder weniger glücklich gelang. Aber es ist, wie im echten Leben: Rückt die Feuerwehr erstmal zum Brand aus, kann sie vielleicht die Flammen löschen und das Schlimmste verhindern. Den bereits entstandenen Brandschaden vermag sie aber nicht rückgängig zu machen.
 
Bezogen auf die Kassenlage der deutschen Milchviehhalter, übertreibt man wohl nicht, dass die flächendeckenden drei Feuerstürme des letzten Jahrzehntes verheerend waren und „milliardenhoch“ verbrannte Erde hinterlassen haben. Auch wenn wir Milcherzeuger es ungern zeigen, sei es aus fehlplatziertem Stolz oder unbedachtem Trotz: Wir kauen auf dem Zahnfleisch und uns steht das Wasser zum Halse. Die nackten Zahlen lügen nicht.

"Wir sind nicht besser vorbereitet auf neue Preistäler"

Geht man nun davon aus, dass sich Milchpreistäler regelmäßig alle drei Jahre wiederholen, wäre es nach 2009, 2012 und 2015/16 spätestens jetzt wieder an der Zeit, mit wachsamen Augen das Jahr 2019 auf mögliche Risiken zu scannen.

Der naive Optimist mag davon ausgehen, dass die Zukunft wieder rosig wird. Aber ist das unsere Aufgabe? Ist das ein Anzeichen vom oft angemahnten, aber selten realisierten, vorausschauenden Risikomanagements? Ich fürchte, die Antwort lautet NEIN. Und NEIN ist auch die Antwort auf zu stellende Fragen wie: "Haben wir etwas aus den Preiskrisen gelernt? Sind wir besser vorbereitet auf zukünftige Preistäler?"

Lieferbedingungen müssen dringend reformiert werden

Denn Fakt ist, dass wir längst zum "business as usual" übergegangen sind. Seit Jahren mauern Milchverarbeiter und Politiker, wenn es darum geht, die bitter nötigen Reformen wie die Modernisierung der Lieferbedingungen und börsliche Preisabsicherungsmodelle beherzt umzusetzen. Dabei liegen viele denkbare Optionen auf dem Tisch.
 
Die bisherigen eher zarten Reförmchen einiger Molkereien gelangen nur unter massiven Abfluss von Rohstoff. Beim Versteckspiel hinter dem sogenannten "genossenschaftlichen Mehrheitsentscheiden" hat man übersehen, dass missachtete Minderheiten als ultima ratio das Schiff verlassen können. Der Austausch ganzer Managementgenerationen, Standortschließungen und Minderauslastungen teurer Produktionsanlagen waren die Folge.
 
Und so trudeln wir Milchbauern, zuletzt nicht nur durch die diesjährige Jahrhundertdürre aufs Äußerste geschwächt, ins Jahr 2019. Dies erwartet uns womöglich bereits im ersten Quartal mit dem Brexit. Man muss hier kein Volkswirt sein, um zu erkennen, dass dieser den Milchabsatz nicht unbedingt beflügeln wird. Und man muss auch kein Betriebswirt sein, um vorherzusehen, welchen Effekt eine wegbrechende Nachfrage bei einem konstanten Angebot auf die Produktpreise befürchten lässt.

Das große Ganze im Blick behalten

Und so kann man einem Peter Stahl vom Milchindustrie-Verband (MIV) nur zu der Einsicht gratulieren, dass der Brexit "heftige Auswirkungen für das Marktgeschehen auch bei Molkereierzeugnissen haben" wird. Aber welche Konsequenzen ziehen wir aus dieser Einsicht? Bisher lassen sich leider keine Erkennen. Auch die Vorschläge im Rahmen der gut gemeinten Sektor-Strategie 2030 erinnern eher an zahnlose Tiger. Der deutsche Bauer wird’s schon wegstecken. Hat ja früher auch funktioniert.
 
Leider verlieren die Entscheidungsträger in unserer spezialisierten Wirtschaft auch gern den Blick für das große Ganze. Und so möchte ich daran erinnern, dass der sonst gewinnbringende Raps- und Rübenanbau im Marktfruchtbereich nicht mehr ausreichende Erträge bringt, um eine defizitäre Milchproduktion auszugleichen. Steigende Futterkosten aufgrund von explodierenden GVO-freien Rapsschrotpreisen, der stets steigende Mindestlohn, der spürbare Fachkräftemangel, die unsägliche Privatisierungspolitik der BVVG und demnächst auch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sorgen dafür, dass die Erlös-Kosten-Relation immer defizitärer wird. Daran wird leider auch die Dürrehilfe, deren Konzeption gegen Missbrauch hoffentlich nicht allzu arg übers das Ziel hinausschießt, nicht viel ändern.

Appell: Seid vorbereitet!

Jeder kann einmal einen Fehler machen. Ihn einmal zu wiederholen, ist hingegen töricht. Ihn zweimal zu wiederholen, fahrlässig, und jede weitere Wiederholung lässt kurzsichtige Mut- und Böswilligkeit unterstellen. Und da es zu einfach ist, schöne Sonntagsreden zu halten, wenn am Ende wieder alle schlauer sind, verbleibt der Appell im Vorfeld:
 
Bereitet Euch auf die nächste Krise vor!

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