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Ökologische Schweinehaltung

Bio-Schweine halten: Sehr hohe Preise – aber extrem kleiner Markt

bioschweine.
am Mittwoch, 23.12.2020 - 10:25 (1 Kommentar)

Von solchen Preisen können konventionelle Schweinebauern nur träumen – vor allem in der aktuellen Krisensituation: Knapp 3,80 Euro je kg Mastschwein und rund 145 Euro für ein Bioferkel.

bioschweine.

Doch der Markt für Bioschweine ist extrem klein – nicht einmal ein Prozent aller Schweine werden in Deutschland nach ökologischen Regeln erzeugt. Und daran hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert.

Offenbar scheint es sogar ein Vorteil für die Stabilität der Preise zu sein, dass Produktion und Absatz fast ausschließlich zu vertraglich vereinbarten festen Lieferkonditionen erfolgen. Die Preise reagieren deshalb sehr robuster als am als konventionellen Schweinemarkt. Dort hat man die starken angebots- und nachfragebedingten Preisschwankungen – den so genannten Schweinezyklus – quasi erfunden.

Einen gewissen Schub hatte der Markt für Bioschweine im Jahr 2018 erhalten. Damals sind in einer „Umstellungswelle“ die Schweinebestände und die erzeugte Menge Schweinefleisch stärker als zuvor gewachsen – um etwa 16 Prozent auf etwa 30.000 Tonnen. Danach hat sich das Wachstum jedoch wieder deutlich abgeschwächt – trotz des zwischenzeitlichen corona-bedingten Nachfragebooms in diesem Jahr im LEH.

Die Marktanalystin Diana Schaack von Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) gibt den deutschen Bioschweinebestand derzeit mit etwa 162.0000 Tieren an. Insgesamt werden in Deutschland knapp 26 Millionen Schweine gehalten, sagt die aktuelle Viehzählung vom November.

Die Produktion von Bioschweinefleisch wird 2020 etwa 31.200 Tonnen erreichen – ein Zuwachs von 1.200 Tonnen bzw. 4 Prozent in zwei Jahren. Wichtig für die Einordnung: Diese Produktionsmenge entspricht gerade einmal 0,7 Prozent der gesamt deutschen Schweinefleisch-Produktion.

Eine sehr kleine Nische – mit vielen Besonderheiten

bioferkel.

„Der Markt für Bio-Schweinefleisch ist eine sehr kleine Nische und das wird sich auch nicht so schnell ändern. Und weil der Markt so klein ist, ist er auch relativ empfindlich für Störungen“, sagt der Marktkenner Christian Wucherpfennig, von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Und er ergänzt: „Und es gibt keine gute Marktübersicht, es sind viele Verarbeiter auf dem Markt. Ein unkoordiniertes Umstellen, womöglich noch von größeren Schweineerzeugern, ist daher überhaupt nicht gewünscht.“ Wucherpfennig sagt außerdem: „Eine Umstellung macht nur Sinn, wenn auch die Vermarktung gesichert ist."

Und Uwe Balliet, Geschäftsführer der Bio-Handel Nordwest ergänzt: "Bio-Schweine werden nicht händeringend gesucht, aber die Nachfrage ist weiter gegeben. Ziel müsse es sein, kein Überangebot zu erzeugen“.

Ein weiteres Problem ist: Die Haltung von Bio-Schweinen erfordert für den umstellungswilligen Landwirt den kompletten Umbau seiner Ställe. Und außerdem braucht man genug Fläche, erklärt der Kammerexperte Wucherpfennig: Bei der Sauenhaltung ist das nicht ganz so kritisch, beispielsweise sind für 100 Tiere etwa 15 Hektar nötig.

Bei Mastschweinen kann die Fläche jedoch schnell der begrenzende Faktor werden. Allein nach EU-Bioverordnung sind es pro Hektar nur 14 Mastschweine, bei einigen Bioverbänden aber auch nur 10.“ Das heißt: Für 1 000 Schweine brächte man schon über 100 Hektar.

Hohe Preise - aber auch sehr hohe Kosten

preise für bioschweine.

Biobauern bekamen dieses Jahr 3,77 Euro je kg Schlachtgewicht für ihre Schweine, zeigen die Daten der AMI. Damit sind die Bioschwein-Preise seit fünf Jahren nahezu stabil. Auch für pauschal abgerechnete Schweine, bei denen es sich überwiegend um Bio-Schweine ohne Verbandsstandard handelt, waren die Erlöse nach eine kurzen Schwäche zum Jahresbeginn ähnlich gut.

„Zu den stabilen Preisen trage bei, dass die meisten Tiere in mehrjährigen Lieferverträgen fest gebunden sind. Ein gewisser Preisdruck ensteht vor allem durch Importe aus Dänemark und den Niederlanden“, sagt die AMI-Expertin Schaack. Die dort erzeugten Bio-Schweine werden nämlich meist günstiger angeboten als deutsche Herkünfte und können den Markt erheblich stören.

Allerdings sind für die Biobauern nicht nur die Erlöse hoch - sondern auch die Kosten. Ein Bioschweine-Mäster musste nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer NRW, bei Erlösen von etwa 390 Euro je Schwein, mit Direktkosten von mindestens 350 Euro je Tier rechnen. Allein das Ferkel schlägt mit 145 Euro zu Buche. Dazu kommen noch deutlich höhere Futterkosten.

Dennoch: Für den Mäster bei der Kalkulation der Kammer rund 40 Euro pro Schwein übrig. Für die Sauenhalter liegt das Plus je nach Ferkelpreis und Futterkosten sogar noch etwas höher.

Bioschweine werden ganz überwiegend zu Hackfleisch

Fleisch abpacken.

Der Absatz von Biofleisch im Einzelhandel ist komplizierter als man denkt. Bei Aldi, Lidl und Netto beschränkt sich das Angebot von Bioschweinefleisch bisher im Wesentlichen auf Wurst und Hackfleisch. Mit rund 61 Prozent der größte Teil des Bio-Fleisches Hackfleisch, sagt Diana Schaack von der AMI. Deshalb werden teilweise auch wertvolle Teilstücke verarbeitet, weiß Christian Wucherpfennig.

Das ist am konventionellen  Schweinemarkt – im Normalfall – völlig anders: Hier lässt sich jedes Teilstück verkaufen. Nasen, Ohren, Pfoten werden nach Asien exportiert. Dieser Absatzkanal fehlt für Bio-Schweine völlig, sodass relativ viele, nicht extra vermarktungsfähige Teilstücke übrig bleiben. Das alles schlägt sich natürlich in der Kalkulation nieder, sagt Wucherpfennig.

Hinzu kommt, dass hochwertiges Fleisch im Supermarkt meist an der Bedientheke verkauft wird. Aber das Biofrischfleisch wird ganz überwiegend über die Kühlregale vermarktetet. Und die Kundschaft in diesen Märkten ißt ohnehin relativ wenig Fleisch. Anders als im konventionellen Markt, wo doppelt soviel Schweine- wie Geflügelfleisch konsumiert wird, wird in Naturkost- und Biolädenläden vergleichsweise wenig Bio-Schweinefleisch verkauft.

Biofutter kommt nicht selten aus dem Ausland

schweine füttern.

Biobetriebe dürfen bisher auch Futtermittel aus der Umstellungszeit einsetzen. Stammen sie vom eigenen Betrieb, besteht keine Einschränkung, beim Zukauf dürfen es aber nur 30 Prozent sein. Der Umstellungsstatus ist erreicht, wenn vor der Ernte mindestens ein Jahr nach der EU-Bio-Verordnung gewirtschaftet wurde. Als anerkannte Bio-Ware gelten Futtermittel erst, wenn deren Aussaat mindestens 24 Monate vor Beginn der Umstellung erfolgte.

Die neue EU-Öko-Verordnung schränkt den Einsatz von Umstellerware allerings ein. Sie tritt nun jedoch erst am 01.01.2022 in Kraft. Für Mitglieder der Ökoverbände sind viele Regelungen aber ohnehin strenger. Judith Minderman ist beim Futtermittelhersteller Reudink für den Einkauf der Rohwaren für Biofutter zuständig.

Die Bio-Futterexpertin sagt, dass beträchtlicher Teil der Bio-Eiweißfuttermittel weiterhin nicht in Deutschland und mitunter nicht einmal in Europa produziert werden. Nach ihrer Einschätzung kommen bis zu 50 % des Bio-Sojas aus Indien und China.

Und trotz des Umstellungsboom im Ackerbau wird auch vom Bio-Futtergetreide bis zu 20 Prozent importiert. Beim Einkauf der Rohwaren muss man auch auf die unterschiedliche Qualität achten.

Indisches Bio-Soja enthalte beispielsweise 20 Prozent mehr Rohprotein als chinesische Ware und europäisches Soja liegt nicht selten noch darunter. Auch der Eiweißgehalt beim Getreide entscheide mit über den Einkaufspreis. Über die Zusammensetzung der Futtermittel entscheide zunächst die Qualität, danach aber der Preis, sagt Minderman.

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