Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Schweinestau

Das Branchengespräch Fleisch wird zum Krisentreffen

Schlachtschweine hängen im Kühlraum einer Schlachterei
am Donnerstag, 08.10.2020 - 14:22 (Jetzt kommentieren)

Hohe Erwartungen an das „Branchengespräch Fleisch“: Die extreme Krise am Schweinemarkt verlangt schnelles Handeln.

Morgen findet das zweite „Branchengespräch Fleisch“ statt. Bei dem Treffen per Videokonferenz wollten Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und ihre Kolleginnen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Ursula Heinen-Esser und Barbara Otte-Kinast, ursprünglich mit der gesamten Wertschöpfungskette über Wege zu mehr Tierwohl und fairen Preisen sprechen.

Doch die Dialogveranstaltung muss angesichts der dramatischen Engpässe in der Schweineschlachtung zum Krisentreffen werden. Denn das gleichzeitige Auftreten der Corona-Pandemie und der Afrikanischen Schweinepest (ASP) hat sich als toxische Mischung für die Fleischwirtschaft erwiesen. Bis Weihnachten könnten in Deutschland 1 bis 1,5 Millionen Schweine zu viel in den Ställen stehen, fürchtet die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN).

Schließung von Schlachthöfen vermeiden

Holzenkamp-Franz Josef-DRV

„Ich erwarte, dass neben langfristigen Herausforderungen auch die Lösung akut drängender Schwierigkeiten angegangen wird“, sagte der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp, im Vorfeld des virtuellen Treffens.

Holzenkamp warnte vor Mängeln beim Tierschutz als Folge der fehlenden Schlachtkapazitäten. Es müsse möglich sein, unter Einhaltung angemessener Corona-Schutzmaßnahmen, mindestens die vorhandenen Kapazitäten zu erhalten. Die Schließung von Schlachthöfen müsse durch eine fundierte Teststrategie vermieden werden, forderte Holzenkamp.

Zusätzlich sei ein abgestimmtes Maßnahmenpaket zur Flexibilisierung der Arbeit in den Schlachthöfen notwendig. Die Bundespolitik sei gefordert, den Schlachtunternehmen wieder die Anwerbung von Arbeitskräften aus Drittstaaten zu ermöglichen. 

ISN fordert Einrichtung eines Krisenstabes

Zusammen mit der Einschränkung der Schlacht- und Zerlegekapazitäten am Vion-Schlachthof in Emstek, dem Produktionsstopp in Bochum und den weiterhin reduzierten Schlachtkapazitäten an anderen Standorten ergibt sich nach ISN-Schätzungen eine Reduzierung der Kapazitäten von deutlich über 200.000 Schweineschlachtungen je Woche. Dabei besteht schon jetzt ein Überhang von rund 400.000 Tieren.

Die Schweinehalter stecken in einer absoluten Notsituation, für die sie nichts können, betont ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. Um aus der verzwickten Situation zu kommen, brauche es eine koordinierende Stelle mit Beteiligten aus den Behörden und der Wirtschaft.

Sauenhalter steigen aus, Einfuhren werden reduziert

Laufende Schweine in einem Schweinestall

Nach Angaben der ISN sind zwar deutliche Anpassungsreaktionen auf der Angebotsseite zu erkennen. So seien die Schlachttierimporte um rund 30.000 Tiere pro Woche zurückgeführt worden. Außerdem werden aus Dänemark und den Niederlanden wöchentlich jeweils rund 20.000 Ferkel weniger importiert.

Auch ein deutlicher Anstieg bei den Schlachtungen von Altsauen um 2.000 auf 17.000 Tiere pro Woche zeige, dass bereits eine Reihe von Sauenhaltern den Betriebszweig aufgebe, berichtet die ISN.

Weniger Besamungen von Sauen zum jetzigen Zeitpunkt können sich am Markt aber erst im kommenden Jahr auswirken. Die ISN rechnet ab März mit einem geringeren Ferkelangebot aus deutschen Ställen und ab Juni mit einem spürbar kleineren Schweineangebot. Um eine weitere Eskalation der Lage bis Weihnachten zu verhindern, müsse aber sofort eingegriffen werden. Die Schlachtkapazitäten müssten dringend hochgefahren werden.

Gestern (7.10.) hatte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, bereits Bund, Länder und Fleischwirtschaft aufgefordert, alle Möglichkeiten zur Bereitstellung zusätzlicher Schlachtkapazitäten zu nutzen.

Klöckner: Lagerhaltung nur sinnvoll, wenn das Angebot gedrosselt wird

Bundesministerin Klöckner deutete heute an, Sonn- und Feiertagsarbeit in den Schlachtbetrieben könnte eine kurzfristige Entlastung für den Schweinemarkt bringen. Dazu müssten die Länder allerdings Ausnahmegenehmigungen erteilen.

Klöckner forderte aber auch, es müsse alles getan werden, um einen weiteren Zuwachs in den Ställen zu verlangsamen. Der vereinzelt geäußerte Wunsch nach privater Lagerhaltung sei nur eine Ultima Ratio. Eine solche Lagerhaltung mache keinen Sinn, wenn die Kapazitäten in den Ställen nicht konsequent zurückgefahren würden.

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast forderte heute in einer emotionalen Rede im niedersächsischen Landtag Hilfe für die Schweinehalter.

agrarheute wird Ergebnis-Pressekonferenz live übertragen

Zum morgigen Branchengespräch eingeladen sind Tierhalter, Schlachtereien, Ernährungswirtschaft, Lebensmittelhandel, Verbraucher und Tierschützer.

Im Anschluss an die Runde wird Bundesministerin Klöckner über die Ergebnisse berichten. Auch die Landesministerinnen Heinen-Esser und Otte-Kinast werden an der Pressekonferenz teilnehmen. Sie soll ab 15:30 Uhr stattfinden. agrarheute wird die Vorstellung der Ergebnisse auf dieser Seite live übertragen. 

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Oktober 2020
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin.jpg

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...