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Kälbermarkt

Drama am Kälbermarkt

am Freitag, 06.09.2019 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Kälber sind billiger als Ferkel. Kaum zu glauben, aber wahr. Dr. Franke Greshake nennt die Gründe für die Preismisere. Für die Bauern ist das ein Drama ohne Ende.

Kalb im Stroh

Manchmal sagen Zahlen mehr als Worte: Ein Blick auf die agrarheute-Marktseiten spricht Bände. Der Nordwestpreis für das 25-kg-Ferkel (ohne Qualitätsaufschlag!) beträgt 57 Euro, das schwarzbunte Bullenkalb der guten Qualität in Nordrhein-Westfalen mit 52 Euro. Für Kuhkälber gibt es schon fast gar nichts mehr. Die Preise sind so tief wie seit vier Jahren nicht mehr.

Der Ferkelpreis ist ordentlich und der Marktsituation beim Schwein angemessen – aber beim Kalb können sich selbst altgediente Kälbervermarkter nicht an eine solche Marktsituation erinnern. „Nun lässt sich das schwarzbunte Bullenkalb über 45 kg ja noch vermarkten, aber beim leichten Mutterkalb nehmen die ersten Vermarkter „Abholgebühren“, beklagt Dr. Frank Greshake, Marktexperte der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Kalbfleischmarkt liegt am Boden

Es gibt laut Greshake mehrere Gründe für das derzeitige Desaster:

  • Nach jahrelangem ordentlichen und auch steigenden Kalbfleischabsatz ist der Markt seit Monaten unter Druck: Weißes Kalbfleisch muss für den Mäster etwas 5 Euro pro kg bringen und nicht die aktuellen 3,80 bis 4,20 Euro. Es fehlt schlicht 1 Euro.
  • Die Produktion ist zu hoch. In den Niederlanden wurden bei der April-Zählung erstmals über 1 Million Kälber gezählt. Jetzt werden in etlichen Mastbetrieben 4 bis 5 Wochen Leerstände gefahren, um den Markt zu stabilisieren. Denn auch der Export von Kalbfleisch nach Frankreich und Italien stockt, zum Teil auch wegen fehlender Versicherungsmöglichkeiten im Export. Aus Deutschland gehen rund 10.000 Kälber pro Woche in die Niederlande – das ist der wesentliche Absatzmarkt.
  • Auch mit der Phosphorquote haben die Kälbermäster laut Greshake in den Niederlanden ein Problem. Auf niederländischen Kälbersammelstellen kommen bis zu 50 % blau-weiße Kälber an. Offenbar reduzieren niederländische Milchviehhalter ihre Nachzucht. Das sei sehr verwunderlich, meint der Kammerexperte. Die Niederländer hatten wegen der Phosphorquote im vorletzten Jahr 200.000 Milchkühe herausgekauft. Auch der dortige Überfluss an Kreuzungskälbern habe die hiesige Notierung für die Kreuzungskälber massiv unter Druck gesetzt.
  • Das Thema „Blauzunge“ kommt noch oben drauf und stellt die Kälber- und Fresservermarkter vor gravierende Probleme. Die freien Gebiete dürfen aus Restriktionsgebieten nur mit Impfung beliefert werden. Aber mit Blutprobe ins Ausland verschleudern – das geht!

Bullenpreise sind zu schlecht

Auf der anderen Seite läuft der Absatz an Kälbern oder Fressern in die Bullenmast nur sehr schleppend. „Die Bullenmäster steigen zum Teil aus, andere agieren nach dem Motto: Schaun mir mal, was im Herbst im Silo ist und mit welcher Qualität!“, so der Marktexperte.

 Das Ergebnis der Maisernte werde in vielen Betrieben darüber entscheiden, ob und wieviel nachgestallt wird. Das Fressergeschäft steht jedenfalls stark unter Druck. Und die Fresser aus den ostdeutschen Mutterkuhherden kommen erst noch!

Die Schlachterlöse für die Bullen sind nach wie vor mau, wenn auch leicht verbessert. Nicht nur der Rindfleischabsatz ist schleppend, sondern die Häutepreise sind unverändert schlecht. Das kostet den Bullenmäster bis zu 20 Cent je kg Schlachtgewicht, gleiches gilt für die Altkuh.

Regionale Herkunft zählt nicht

Rindfleisch mit US-Fahne

Beim Rindfleischabsatz sind Rinderschlachter emotional auf 180 Grad. Während hier jedes Tier ohne Ohrmarke oder Rinderpass „in die Tonne“ geht, zeigt sich an den Theken des Lebensmittelhandels zunehmend die Flaggenparade von Irland über die USA und Patagonien bis nach Australien. Unter dem Begriff Regionalität hatte man bislang etwas anderes verstanden, von sicherem „4 x D“ ganz zu schweigen!

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