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Kälbermarkt und Corona-Krise

Drama am Kälbermarkt – Preise am Tiefpunkt

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am Dienstag, 23.06.2020 - 15:30 (11 Kommentare)

Für männliche schwarzbunte Bullenkälber haben die Bauern im Mai nur noch 36 Euro bekommen.

Das war in Zeiten ohnehin katastrophaler Kälberpreise der absolute Tiefpunkt – und gerade einmal Drittel des Vorjahreserlöses. Im Juni gingen die Preise nach Beobachtung der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) zwar leicht nach oben – das Preisniveau ist jedoch noch immer meilenweit von einigermaßen kostendeckenden Preisen entfernt.

Und das dürfte sich die nächsten Wochen und Monate wohl kaum ändern. Iris Fuchs, Vizepräsidentin der Bayerischen Landestierärztekammer, hatte vor einiger Zeit gesagt: „Wenn ein Kalb nicht einmal 30 Euro bringt, allein der Tierarzt aber 50 Euro kostet, ist der Bauer in einem Dilemma.“ 

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Corona hat die Nachfrage zerstört

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Eine Ursache für die extrem niedrigen Kälberpreise im Mai ist der dramatische Absturz der Schlachtrinder-Preise infolge der corona-bedingten Schließung von Restaurants – und damit auch die wegbrechende Nachfrage nach Mastkälbern. Viele Bullenmäster haben deshalb zuletzt keine Kälber mehr gekauft und ihre Ställe lieber erst mal leer gelassen. So machen sie immer noch weniger Verlust, als wenn sie die Kälber mästen würden.

„Es herrscht große Unsicherheit, wann sich die Preise für Mastvieh wieder erholen“, sagt Albert Hortmann-Scholten, Marktexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Doch in den Milchviehbetrieben werden weiter Kälber geboren. Und die Hälfte davon ist männlich. Das heißt auch: Das Überangebot wächst und viele Milchbauern wissen nicht wohin mit den Bullenkälbern.

Gleichzeitig übersteigen die Kosten für den Tierarzt und Futter bei Weitem die mickrigen Erlöse. Der Kreisbauernverband Kassel hat vor kurzem ausgerechnet: Ein Kalb, das mit drei Wochen verkauft wird, kostet an Futter, Arbeitszeit, Stallkosten und Besamung der Kuh etwa 150 bis 200 Euro.

Aber es geht noch schlimmer: Noch niedriger als für Bullenkälber sind die Preise für die weiblichen Tiere, die nicht für Aufzucht benötig werden. Für diese Tiere werden im Nordwesten nur noch 1 bis 15 Euro je Tier gezahlt. Bereits im November hatte Ottmar Ilchmann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft gegenüber dem Spiegel kritisiert: „Ein Kanarienvogel würde mehr kosten als ein Kalb“.

Geändert hat sich daran offenbar nichts. Manche Händler fordern für weibliche Kälber von den Bauern angeblich sogar Abholgebühren.

Fast kein Verkauf ins Ausland möglich

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Und noch ein anderer extrem wichtiger Vermarktungsweg war durch Corona und den Preissturz bei Schlachtrindern nahezu verbaut: Der Verkauf von Kälbern in spezialisierte Kälbermast-Betriebe. Die meisten dieser Betriebe befinden sich im europäischen Ausland.

"Viele Milchviehbetriebe verkaufen ihre Kälber über Händler in die Niederlande," sagt Matthias Kohlmüller von der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI). Dort säßen Betriebe, die auf Kälbermast spezialisiert seien. „Im Mittel der letzten Jahre waren das 9.000 bis 10.000 Kälber, die pro Woche aus Deutschland in die Niederlande gingen“, sagt Dr. Frank Greshake von der Landwirtschaftskammer NRW. Wenn dieser Absatz ausfällt oder auch nur spürbar schrumpft, dann drückt das natürlich mächtig auf die Preise.

Doch der Export ist nicht nur wegen Corona und abstürzenden Rinderpreisen ins Stocken geraten. Der Bauernverband hatte vor einiger Zeit kritisiert, dass einige Veterinärämter keine Genehmigungen mehr für Kälbertransporte in andere EU-Länder erteilten. Bernhard Krüsken, Generalsekretär des DBV, sagte dazu: „Das führt direkt und unmittelbar zu einem starken regionalen Angebotsüberhang und zu diesem Preisverfall.“

Hinzu kamen in der letzten Zeit in manchen Regionen Deutschlands auch Vermarktungsprobleme infolge der Blauzungenkrankheit. Und Marktexperte Greshake nennt noch einen weiteren Grund für den Preisdruck: Nämlich die wachsende Zahl an Kreuzungskälbern, die auf den Preis für schwarzbunte Kälber drücken. Doch die Preise für diese Kreuzungskälber leiden unter der gegenwärtigen Marktsituation ebenfalls.

Futtermangel und düstere Prognosen

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Hinzu kommt noch ein drittes Problem: Der Futtermangel der viele Milchvieh- und Mastbetriebe vor allem im Nordwesten und im Osten trifft. Drei Jahre Trockenheit hintereinander haben die Futtervorräte nahezu aufgebraucht – auch wenn es zuletzt über all etwas geregnet hat. In einigen Regionen ist Futter schon jetzt wieder knapp und ausf den Weiden wächst kaum etwas. Das zeigen auch die wieder steigenden Heupreise.

Und dass Futter was da ist braucht man für die Milchkühe und Bullen. Viele Bauern müssen also Futter zukaufen um die Tiere durchzubringen. Und nicht zuletzt: Neben dem Futter fehlt vielen Höfen nach mehreren Krisenjahren genau eines: Nämlich ausreichend Geld um die Krise zu überstehen. Wichtig wäre deshalb eine Erholung der Milch- und Rindfleischpreise – und auch mehr Geld für die Kälber.

Zwar hat sich die Nachfrage nach Kälbern zuletzt stabilisiert, berichtet die AMI, dennoch ist das Preisniveau auch weiterhin sehr niedrig. Ab Ende Juni kommt bei Kälbern zudem üblicherweise Preisdruck auf, nachdem die umfangreichen Einstallungen für die Weihnachtssaison (Kälbermast) erfolgt sind. Das bereits extrem niedrige Preisniveau dürfte den üblichen Preisrückgang aber ausbremsen, höhere Preise sind nach Einschätzung der AMI jedoch ebenfalls nicht wahrscheinlich.

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