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Landwirtschaft und Corona-Krise

Erzeugerpreise stürzen ab – Verbraucherpreise steigen – was ist los?

Milchbauer.
am Freitag, 13.11.2020 - 13:10 (2 Kommentare)

Während die Erzeugerpreise für viele landwirtschaftliche Produkte während der Corona-Krise regelrecht abstürzen – steigen die Verbraucherpreise für die gleichen Erzeugnisse an.

Also eine genau entgegengesetzte Entwicklung der Preise. Wie kann das gehen? Und wer steckt sich die Differenz in die Tasche? Ähnliche Entwicklungen hatte es während des ersten Lockdowns auch in den USA gegeben: Während die US-Farmer für ihre Rinder kaum noch Geld bekamen, verlangten die Einzelhändler für Rindfleisch Rekordpreise.

Begründet wurde dies mit einer deutlichen Verknappung der Ware im Einzelhandel und in den Kühlhäusern aufgrund der coronabedingten Schließung vieler Schlachthöfe bzw. der stark reduzierten Schlachtung. Das könnte auch in Deutschland zumindest eine Erklärung für die steigenden Verbraucherpreise für Fleisch sein.

In den USA hatte die Regierung allerdings das Justizministerium beauftragt, eine Untersuchung einzuleiten und zu prüfen, ob bei dieser gegensätzlichen Preisentwicklung alles mit rechten Dingen zugeht. Das wird wohl in Deutschland nicht geschehen.

Erzeugerpreise stürzten auf 4-Jahrestief

preisentwicklung.

Fakt ist: Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte waren im September 6 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Gleichzeitig war dies das niedrigste Preisniveau seit 4 Jahren. Besonders schlimm nach unten ging es für die tierischen Erzeugnisse – nämlich um fast 10 Prozent, während die Preise für die meisten pflanzlichen Produkte – insbesondere für Getreide – sogar höher waren als vor einem Jahr.  

Auf der anderen Seite sind die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel im Oktober zum Vormonat kräftig gestiegen und waren 1,4 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Dabei sind die Verbraucherpreise – ähnlich wie in den USA – vor allem auch in den Bereichen nach oben gegangen, in denen die Erzeugerpreise nach unten rauschten.

Das heißt konkret: Fleisch und Fleischwaren waren für Verbraucher 4,1 Prozent teurer ein Jahr zuvor – während die Erzeugerpreise für Schlachtschweine um 25,6 Prozent niedriger waren als im vorigen Jahr. Für Rinder bekamen die Bauern 1,3 Prozent weniger, bei Schlachtkühen lag das Minus 4,3 Prozent und für Geflügel haben die Landwirte 6,8 Prozent weniger erlöst.

Verteuert haben sich für die Verbraucher auch Obst und Gemüse – nämlich um 3,8 Prozent und um 1,5 Prozent. Hier gingen aber auch die Preise auf Erzeugerebene kräftig nach oben – für Obst um 18,1 Prozent und für Gemüse um 3,9 Prozent.

Einen dramatischen Erlöseinbruch mussten indessen die Kartoffel-Bauern verkraften – hier lagen die Erzeugerpreise, sage und schreibe, 40,8 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Der Grund hierfür ist vor allem das cornabedingte wegbrechen der Gastronomie und damit des Absatzes von Verarbeitungskartoffeln und Pommes Frites gewesen.

Lesen sie dazu auch: Einkommen: Bauern müssen den Gürtel noch enger schnallen

Getreidebauern stehen etwas besser da – außer bei Braugerste

Erzeugerpreise.

Bei Milchprodukten waren die Erzeugerpreise im September 1,7 Prozent niedriger als im vorigen Jahr – im Vergleich zum Vormonat sind Preise jedoch leicht gestiegen. Hier passt die Entwicklung der Erzeugerpreise ebenfalls nicht ganz mit dem Trend auf der Verbrauchebene zusammen – denn dort waren Milchprodukte moderat um 0,4 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Allerdings waren Milchprodukte im Oktober für Konsumenten etwas billiger als noch im Vormonat (September) und vor allem deutlich biliger als noch im Mai oder im Juni.

Mehr Geld als im vorigen Jahr bekamen vor allem die Getreidebauern für die meisten ihrer Produkte. So wurden für Brotweizen etwa 10,1 Prozent mehr gezahlt als im vorigen Jahr. Auch für Körnermais lagen die Erlöse der Landwirte 10,6 Prozent höher als vor Jahresfrist.

Erheblich weniger Geld gab es wegen des fehlenden Gastroabsatzes jedoch für Braugerste – nämlich Minus 6,5 Prozent.

Schaut man einmal auf die Verbraucherpreise für Brot, so waren diese zuletzt jedoch relativ stabil und im Vorjahresgleich sogar 0,3 Prozent niedriger. Allerdings liegt der Anteil der Rohstoffkosten (Getreide) an den Gesamtkosten für Brot und Brötchen bei weniger als 5 Prozent und ist etwa im Vergleich zu Fleisch und Milch verschwindend gering.  

Zweiter Lockdown macht alles noch schlimmer

schweinebauer.

Der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), Walter Heidl, hat darauf hingewiesen, dass die landwirtschaftlichen Märkte durch den erneuten Corona-Lockdown in Deutschland und in anderen Ländern der Europäischen Union erneut massiv unter Druck geraten. Auch die Absage von absatzstarken Events wie den Weihnachtsmärkten sei marktbelastend.

Davon seien verschieden Segmente betroffen, beispielsweise Rindfleisch, Milch und Pommes-Kartoffeln, sagte Heidl. Bei Schweinefleisch käme erschwerend der fehlende Export in Drittländer wegen des Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest (ASP) hinzu. „Die Bauernfamilien erwarten von der Politik nicht nur lobende Worte für die Erfüllung der systemrelevanten Aufgabe der Lebensmittelerzeugung. Was wir jetzt brauchen, sind direkte finanzielle Hilfen, um die erneuten deutlichen Erlösrückgänge bewältigen zu können“, betonte Heidl.

Ein großes Problem sei zudem bei Schweinen, zuletzt aber auch bei Rindern, dass die coronabedingten Einschränkungen der Schlacht- und Zerlegekapazitäten zu einem Rückstau von schlachtreifen Tieren führten. Der BBV-Präsident fordert deshalb ein entschlossenes Handeln und Unterstützung für die Erzeuger, beispielsweise durch eine Allgemeinverfügung zu vorübergehenden Flexibilisierungen bei den Arbeitszeiten.

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