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Tierschutz

Immunokastration: Sind die Einwände unbegründet?

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Josef Koch, agrarheute
am
25.09.2018

Wissenschaftler halten die Immunokastration von Schweinen für einen gute Alternative. Die Schlachtbranche sieht jedoch kein Marktpotential für das Fleisch.

Landwirt bei Immuokastration im Stall

Für unbegründet hält das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) die Einwände gegen die Immunokastration. „Aus Sicht des wissenschaftliches Tierschutzes stellt dieses Verfahren die mit Abstand beste Alternative zur betäubungslosen Kastration dar“, heißt es in einem Beitrag von Institutspräsident Prof. Thomas Mettenleiter sowie den FLI-Wissenschaftlern Prof. Lars Schrader, Dr. Inga Schwarzlose und Dr. Tobias Krause.

Nach deren Einschätzung sind mögliche Gründe für eine Ablehnung von geimpften Tieren im Markt wissenschaftlich nicht haltbar. Der Impfstoff sei im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit unbedenklich.

Beim Fleisch geimpfter Tiere handele es sich auch nicht um „Hormonfleisch“. Zwar werde mit der Impfung gegen Ebergeruch in den Hormonhaushalt der Tiere eingegriffen; dies passiere jedoch bei jeglicher Form der Kastration. Unter Kostengesichtspunkten weise die Immunokastration Vorteile gegenüber anderen Alternativen auf, weil geimpfte Tiere eine bessere Zunahme und Futterverwertung zeigten als chirurgisch kastrierte Tiere.

Wissenschaftler sehen kein Skandalpotential

Den Wissenschaftlern zufolge wird derzeit das viel zitierte „Skandal-Potential“ von Fleisch geimpfter Schweine überwiegend aus der Landwirtschaft und den Schlachtunternehmen in den Vordergrund gestellt.

„Angesichts der Vorteile dieses Verfahrens aus tierschutzfachlicher Sicht und angesichts der bei den anderen Alternativen ebenfalls vorhandenen Nachteile ist dies nicht nachzuvollziehen“, betonen die FLI-Experten.

Lebensmittelhandel ist in Verantwortung

Sie sehen nicht nur die Landwirtschaft und Schlachtunternehmen, sondern auch den Lebensmitteleinzelhandel in der Verantwortung, der sich deutlicher als bisher und umfassend zur Abnahme des Fleisches von immunokastrierten Tieren verpflichten sollte.

Die Politik habe die Aufgabe, die Aufklärung der Verbraucherinnen und Verbraucher nachhaltig unterstützen.

Schlachtindustrie: Fleisch nicht zu vermarkten

Dr. Heinz Schweer

Die deutschen Schlachtunternehmen sehen die Vermarktbarkeit von männlichen Schweinen, die immunokastriert sind, jedoch kritischer als die Wissenschaftler. So werden das Fleisch von diesen Tieren im Schlachtbetrieb und im Lebensmittelhandel wie Eberfleisch behandelt. Auch bei der Immunokastration seien beispielsweise wie bei der Ebermast Riechproben bei der Schlachtung unerlässlich, argumentieren Unternehmen.

Das Absatzpotential von Eberfleisch sei auf maximal 10 Prozent begrenzt, gab jüngst Tönnies bekannt. Das Unternehmen hat zudem seit Mitte September seine Ebermaske deutlich veschlechtert. Mäster verlieren so rund 3 Euro je Schwein.

Auf den DBV-Veredelungstag 2018 in Röthenbach betonte Dr. Heinz Schweer, Vion Food Group, dass es zur Zeit keine Kunden für Fleisch von immunokastrierten Schweinen gebe.

Konrad Ammon, Metzgermeister und Vizepräsident des Deutschen Fleischerverbandes, betonte in Röthenbach, dass Metzger auch künftig kein Eberfleisch vermarkten können. Ammon hält daher die Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration (4. Weg) für nötig, damit mittelständische Sauenhalter eine Überlebenschance hätten. "Wir Metzger sind  auf solche Betriebe vor Ort angewiesen". 

Die drei großen Schlachtunternehmen Tönnies, Vion und Westfleisch machten sich vor kurzem ebenfalls für den 4. Weg stark.

 

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