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Schwere Krise am Schweinemarkt

Schweinehalter verzweifelt: Jetzt geht es um die nackte Existenz

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am Freitag, 03.09.2021 - 11:05 (5 Kommentare)

Die wirtschaftliche Lage der Schweinehalter ist katastrophal. Extrem niedrige Preise für Schweine und Ferkel, stockender Absatz und explodierende Kosten.

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Die Betriebe machen seit Monaten hohe Verluste und ein Ende der Misere ist nicht in Sicht. Das werden Mäster und Ferkelerzeuger nicht mehr lange durchalten. Bauern-Vertreter, wie die Interessenvertretung der Schweinehalter (ISN), befürchten angesichts der massiven Probleme einen Strukturbruch. Das bedeutet: Viele Betriebsaufgaben in einer ohnehin mit hohen Auflagen und immer neuen poltischen Forderungen konfrontierten Branche.

Doch seitens der Politik kommt bislang wenig Unterstützung für die Bauern – möglicherweise nimmt man die existenzielle Krise gar nicht richtig wahr. Auch der Handel spielt eine fragwürdige Rolle – denn dort wird trotz voller Kühlhäusern und einer massiven Absatzkrise ausländische Ware zu Dumpingpreisen angeboten.

Die ISN sagt dazu: „Auf der einen Seite wird die Unterstützung der heimischen Schweinefleischerzeugung im LEH beworben. Das ist gut so, denn wir brauchen den Absatz. Andererseits wird im Großhandel Ware aus anderen Herkunftsländern in denen gleichwertige Erzeugerstandards mindestens angezweifelt werden können, zu deutlich niedrigeren Preisen verkauft – und hier gehören teilweise Einzel- und Großhandel zu den gleichen Lebensmittelkonzernen“.

Darauf haben Landwirte im Emsland bereits mit Protestaktionen reagiert: Sie hängten Strohpuppen in Arbeitskleidung vor mehreren Märkten auf, auf denen unter anderem stand: "Eure (Preis)Politik – Unser Tod!", berichtet die ISN. Zudem forderten die Landwirte ein Rettungspaket der Politik sowie gleiche Standards und eine ehrliche und nachvollziehbare Herkunftskennzeichnung für das verkaufte Fleisch.

Hohe Verluste lassen Bauern verzweifeln

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Was die aktuellen Verluste der Schweinehalter betrifft, hat die ISN eine Rechnung aufgemacht: Danach wird für jedes Schwein, das zu den aktuellen Konditionen erzeugt und verkauft wird, in Ferkelerzeugung und Mast zusammen, ein Verlust von schätzungsweise 55 Euro gemacht. Zusammengenommen betragen die Verluste aller deutschen Schweinehalter unter diesen Bedingungen 47 Millionen Euro – pro Woche, sagt die ISN.

Die Folge: Viele Schweinehalter – und besonders Ferkelerzeuger – werden die Produktion für immer einstellen müssen. Dadurch ist die gesamte Wertschöpfungskette Schwein auf Dauer gefährdet. Doch das scheinen derzeit viel zu wenige Akteure in der Kette zu erkennen, betont die ISN.

Eine Beispielrechnung macht die Probleme noch einmal deutlich: In der Regel kaufen Mastbetriebe ihre Ferkel mit einem Gewicht von knapp 30 Kilogramm. Die Mast dauert im Schnitt vier Monate, sodass ein Betrieb knapp drei Schweine pro Mastplatz im Stall mästen kann. Bei einem Preis von 1,25 Euro pro Kilogramm Schweinefleisch werden für ein Schweinen mit 120 Kilogramm Lebendgewicht und einem Schlachtgewicht von 95 kg nicht einmal 120 Euro erlöst.

Damit lassen sich höchstens noch die laufenden Kosten decken – die Vollkosten, einschließlich Arbeitslohn und erforderlichen Investitionen, sind mit diesem Preis nicht zu bezahlen. Fast noch schlimmer triff es die Ferkelerzeuger: Bei einem aktuellen Preis von 25 Euro je 25-kg-Ferkel, lassen sich nach verschiedenen Kalkulationen die Vollkosten nicht einmal zur Hälfte decken.

Absatz stockt weiterhin in allen Bereichen

„Um einen Strukturbruch gerade bei den Ferkelerzeugern zu vermeiden, benötigen die Betriebe jetzt jede Unterstützung. Von der Politik verlangen wir die Möglichkeit, weiterhin Corona-Überbrückungshilfen beantragen zu können“, fordert ISN- Geschäftsführer Torsten Staack. Der Grund: Noch immer sind Corona-Auswirkungen am Schweinemarkt deutlich zu spüren: Über lange Zeit kam der Konsum im Außer-Haus-Bereich fast vollständig zum Erliegen und auch die Lockerungen zum Sommer brachten nur teilweise Besserungen.

Auch in vielen Kantinen sind die Umsätze noch immer deutlich geringer als vor der Pandemie, sofern sie überhaupt wieder geöffnet wurden. Die Absatz-Zahlen sprechen ein eindeutige Sprache: Das Statistischen Bundesamt sagt, dass der Umsatz im Bereich Caterer und sonstige Verpflegungsdienstleistungen im Juni 2021 noch um 38 Prozent niedriger war als im Juni 2019. Für das Gastgewerbe wurde für Juni - trotz Lockerungen der Corona-Maßnahmen - ein Umsatzrückgang von 41 Prozent ausgewiesen.

Und das ist deutlich zu spüren: Immerhin machte der Absatz im Außer-Haus-Bereich vor Corona-Zeit knapp ein Drittel des Marktes aus. Diese riesige Absatzlücke – in Verbindung mit dem fehlenden Export nach China – setzt die Fleischpreise massiv unter Druck. Dazu kommt nun noch die preiswerte Ware aus dem Ausland – nicht nur aus Chile – sondern auch aus anderen EU-Ländern. Denn auch dort stockt der Absatz aus ähnlichen Gründen.

Nach den Berechnungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft (BLE)  kamen in im vorigen Jahr immerhin 25 Prozent der deutschen Verbrauchsmenge aus anderen EU-Ländern – gleichzeitig wurde fast die Hälfte des hierzulande erzeugten Schweinefleisch exportiert – davon drei Viertel in andere EU-Länder. Dieses System funktioniert nun offenbar nicht mehr.

Mit Material von Interessenvertretung der Schweinehalter (ISN)

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