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Schweinemarkt in der Krise

Schweinemarkt: ASP und Corona – Supergau für Schweinehalter

Mehrere Schweine aneinander gedrängt
am Freitag, 23.10.2020 - 11:45 (Jetzt kommentieren)

Der Rückstau bei den Schlachtungen ist für Schweinehalter eine schlimme Katastrophe. Finanziell und auch vom Tierwohl.

Ferkel.

Erst stürzen die Schweinepreise wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ins Bodenlose. Nun werden die Bauern die Schweine und Ferkel nicht los – wegen Corona. Schlimmer kann es kaum noch kommen. Die wirtschaftlichen Verluste sind gewaltig und die Aussichten sind düster, denn die Zahl der Covid-Fälle und der damit verbundenen Restriktionen nimmt landesweit wieder zu. „Wir sind am Ende unserer Weisheit; die Nerven liegen blank“, sagt Hubertus Berges, Vorsitzender des Veredlungsausschusses beim Landvolk Niedersachsen.

„Viele Schweine rutschen aus der Norm, wir erzielen trotz des höheren Gewichts keinen besseren Erlös und werden als Mäster und Halter preislich erheblich abgestraft. Das können wir nicht länger hinnehmen.“ Ein Grund: Die von Corona-Infektionen bei Mitarbeitern betroffenen Schlachthöfe in Sögel und Emstek arbeiten nur mit 50 Prozent der normalen Kapazitäten. Und auch der Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück schlachtet längst nicht mit voller Auslastung.  

Schweinestau: wöchentlich fehlen 80.000 Schlachtungen

Wöchentlich fehlen mindestens 80.000 Schlachtungen in Deutschland, damit der bestehende Überhang von aktuell 480.000 Schlachtschweinen nicht noch größer wird. Für den dringend nötigen Abbau des entstandenen Überhangs fehlen aber Schlachtungen. Diese wären erreichbar, wenn die stark eingeschränkten großen Schlachtbetriebe ihre vollen Kapazitäten nutzen könnten – dann wären nämlich deutlich mehr als 100.000 Schlachtungen mehr als jetzt pro Woche möglich. Der Angebotsüberhang kann in der bisherigen Konstellation also nicht weggeschlachtet werden.

"Der Schweinestau wächst weiter" sagt der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft deutscher Schweinehalter (ISN), Torsten Staack. Eine Lösung wäre die Verlängerung der Schichten und zusätzliche Schlachtungen an Sonn- und Feiertagen bei den Schlachtunternehmen. Doch hier hakt es offenbar noch immer bei den behördlichen Genehmigungen. Außerdem fehlen durch das Verbot der von Schlachtern mit Werkverträgen zusätzliche Arbeitskräfte. 

Absatz-Probleme: alles steuert auf eine Katastrophe zu

Tierarzt und Schweinebauer in einem SChweinestall

Die massiven Absatz-Probleme thematisiert auch der Landwirt Jochen Schmedt aus Stemwede in Ostwestfalen. Er sagt „Wir befinden uns in einer Lieferkette. Das ist ähnlich wie beim Fließband in der Autoindustrie“. Der Unterscheid ist jedoch: Das Fließband in der Industrie lasse sich von heute auf morgen stoppen. „Das ist in der Landwirtschaft anders: Wenn wir die Lieferkette anhalten wollen, dauert das vier bis fünf Monate“, sagt Schmedt vor einer Woche gegenüber der Westfälischen Zeitung. „Das artet in eine Katastrophe aus“, befürchtet Schmedt.

Und die Sauenhalter sind ebenso betroffen, denn sie werden ihre Ferkel nicht mehr los. „Wenn aber die Tiere der Mäster nicht abgenommen werden, haben diese auch nicht den Platz in ihren Ställen, um die neuen Jungschweine aufzunehmen“, berichtet der Sauenhalter Carsten Mattelmeyer. Zwischen Ferkelerzeugern und Mästern gibt es einen 16-Wochen-Rhythmus: dann müssen die großen schlachtreifen Tiere raus sein, um die Ferkel wieder zu nehmen. Sonst hat der Ferkelerzeuger ein Problem.

„Wenn die Schlachthöfe jetzt keine Tiere abnehmen, die Mäster sie also nicht absetzen können, stehen die Ferkelerzeuger in wenigen Wochen massiv Druck. Wir bleiben dann auf den Jungtieren sitzen“, beschreibt der Landwirt die aktuelle Lage. Die Alternative, die sicher keiner will, wäre: Die Ferkel müssten nach der Geburt getötet werden. Die Corona-Krise überschattet jetzt sogar die Auswirkungen der Afrikanischen Schweinepest (ASP), meint dazu Joachim Schmedt, der Sprecher der Stemweder Landwirte.

Rückstau: die Bauern können nicht so schnell umsteuern

Mann streichelt ein Schwein im Stall

Die Landwirte können aber nicht so schnell umsteuern, sagte der Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks, Jörn Ehlers. Die Zyklen von der Besamung der Sau bis zur Mast im Stall seien lang - „wir haben einen langen Bremsweg“. Auch er berichtet: Inzwischen reiche der Rückstau bis zu den Ferkelerzeugern, die ihre Tiere nicht mehr an die Mäster loswerden.

Bis man die Produktion an neue Bedingungen angepasst hat, dauert das mindestens ein halbes Jahr und wenn es um schlachtreife Tiere geht, sogar ein Dreivierteljahr. Das ist das Grundproblem und hat nichts damit zu tun, dass die Bauern ihre Ställe zu voll hätten sagt ein norddeutscher Schweinmäster.

Der Super-GAU ist für die Landwirte das Aufeinandertreffen von ASP und Corona, denn unser größtes Problem derzeit sind die behördlichen Pandemie-Auswirkungen auf den Schlachthöfen", sagt der Schweinmäster Stefan Isermann aus Toppenstedt gegenüber der Kreiszeitung Salzhausen. „Einmal die Woche und öfter finden in den Schlachthöfen Corona-Tests statt und bringen die Schlachtung für einen halben Tag zum Stillstand. Zudem wird penibel darauf geachtet, dass die Mitarbeiter keine Überstunden machen.

Veterinäramt und Gesundheitsamt geben also den Arbeitstakt vor. Auch Isermann wird seine Schweine wegen dieses Produktionsstaus nicht los. Hinzu kommt: Tierschutz und Arbeitsschutz passen da nicht mehr zusammen. Und auch ökonomisch knirscht es ganz gewaltig:  Etwa 150 Euro Kosten hat Isermann bei jedem Schwein. Beim Verkauf bekomme er aber lediglich rund 125 Euro. Ein Verlust von rund 25 Euro je Tier.

Behörden reagieren zu langsam – Knoten endlich durchhauen

Luftaufnahme der Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück

In Deutschland gibt es etwa 4.000 zugelassene Schlachtbetriebe. Die meisten davon schlachten Schweine: Rund 80 Prozent der Tiere werden von den zehn größten Schlachtunternehmen geschlachtet. Allein auf die Schlachthöfe der Firma Tönnies entfallen 30 Prozent der Gesamtschlachtung. Das macht deutlich, dass die corona-bedingten Einschränkungen der großen Schlachtunternehmen wie Tönnies, Westfleisch oder Vion in keiner Weise durch die übrigen Schlachtunternehmen aufgefangen werden können.

Die Haupt-Standorte der großen Schlachter sind dort, wo auch die meisten Schweine gehalten werden – nämlich in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die ISN berichtet, dass die meisten Schlachtunternehmen derzeit versuchen ihre Schlachtung trotz der Corona-Auflagen und der eingeschränkten Verfügbarkeit von Personal hochzufahren. Das reicht aber ganz offensichtlich nicht aus.

Sondergenehmigungen zur Schlachtung reichen nicht aus

Ein Sprecher der Westfleisch in Münster merkte allerdings an, dass die möglichen Sondergenehmigungen für die Arbeit an Wochenenden oder Feiertage wegen der geltenden Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbedingungen lediglich aufschiebende Wirkung haben, da sich der Freizeitausgleich nur in die kommende Woche verlagert.

„Um die Lage endlich zu entspannen, braucht es noch weit mehr Engagement der Landesregierungen in Niedersachsen und NRW", sagt deshalb der ISN-Geschäftsführer Staack. „Unser Eindruck ist, dass man vonseiten der jeweiligen Landwirtschaftsministerien alles tut, um den Schweinehaltern aus der Notlage zu helfen. Bei den außerdem zuständigen Arbeits- und Sozialressorts sieht das aber nach unserer Wahrnehmung deutlich anders aus." beschreibt der ISN-Experte die derzeitigen Probleme."

Staack ergänzt: „Es ist den Schweinehaltern doch vollkommen egal, ob da jetzt der Kreis, die Bezirksregierung oder das Land zuständig ist. Die Landesregierungen müssen den Knoten nur endlich durchhauen."

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