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Schweinepreise stecken im Keller fest – Brüssel verweigert Hilfe

Schweinepreise Schweinemarkt
am Mittwoch, 13.10.2021 - 15:15 (Jetzt kommentieren)

Die Schweinepreise verharren trotz steigender Kosten auf niedrigstem Niveau. Die Hilferufe werden lauter. Doch die EU-Kommission lehnt Stützmaßnahmen weiter ab.

1,20 Euro je kg Schlachtgewicht – so lautet die unveränderte Preisempfehlung der Vereinigung der Erzeugermeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) auch für die neue Schlachtwoche bis zum 20. Oktober. Damit verharrt die Notierung auf extrem niedrigem Niveau, während zugleich die Produktionskosten der Schweinehaltung weiter steigen. Energie und Futter werden von Woche zu Woche teurer. Die Schweinehalter rutschen immer tiefer in die roten Zahlen.

Das verfügbare Angebot an Schlachtschweinen reicht nach Darstellung der VEZG dennoch weiterhin gut aus, um die nach wie vor verhaltene Nachfrage der Schlachtunternehmen zu bedienen. Nicht besser ist die Situation bei den Schlachtsauen. Das Angebot übertrifft die Nachfrage, so dass die äußerst niedrigen Erlöse wohl anhalten werden. Die Ferkelpreise könnten in der laufenden Woche sogar noch weiter nachgeben, fürchtet die VEZG.

EU-Kommission lehnt Stützmaßnahmen ab

Wojciechowski-EU-Agrarkommissar

Aus Brüssel ist für die geplagten Schweinehalter keine Hilfe in Sicht, trotz nachdrücklicher Forderungen aus den Mitgliedstaaten. EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski lehnt Stützmaßnahmen für den Schweinefleischmarkt weiterhin ab.

Gegenüber den EU-Agrarministern wies Wojciechowski Anfang der Woche in Luxemburg erneut auf die unerwünschten Nebenwirkungen von Markteingriffen wie etwa Zuschüssen zur privaten Lagerhaltung (PLH) hin: Die Krise werde verlängert, die Erzeuger erhielten ein falsches Signal und die Kosten für die EU wären sehr hoch.

19 Mitgliedstaaten fordern Sonderhilfen – vergeblich

Belgien hatte die Krise am Schweinemarkt auf die Tagesordnung des Ministerrates gebracht. Insgesamt 19 Mitgliedstaaten, darunter Deutschland und Österreich, unterstützten das belgische Papier. Darin wird die Kommission aufgefordert, marktstützende Sondermaßnahmen zu prüfen.

Belgien zufolge sind die Margen in der Schweinemast schon 2020 auf den niedrigsten Stand der vergangenen zehn Jahre gesunken. In diesem Jahr seien die EU-Schlachtschweinepreise nochmals um mehr als 7 Prozent gefallen. Gleichzeitig seien die Produktionskosten auf ein Acht-Jahres-Hoch gestiegen, vor allem aufgrund hoher Futterkosten, so der Weckruf der belgischen Delegation.

Flandern beschließt eigenes Hilfsprogramm

Die Kommission ließ sich von den Forderungen der Mehrheit der Mitgliedstaaten dennoch nicht beeindrucken. Daher hat die Regierung des flämischen Teils von Belgien gestern beschlossen, 16 Mio. Euro für die wirtschaftlich gebeutelten Schweinehalter bereitzustellen.

Wie Flanderns Landwirtschaftsministerin Hilde Crevits erklärte, befindet sich der Sektor in einer tiefen Krise. Die Erzeugerpreise für Schlachtschweine in Belgien seien die niedrigsten in der Europäischen Union. Den durchschnittlichen Erzeugerpreis in Flandern bezifferte die Ministerin auf etwa 1 Euro/kg Schlachtgewicht (SG); die Produktionskosten seien 30 Cent höher.

"Peanuts" decken die Futterkosten nur eine Woche

Laut Crevits soll das Hilfsprogramm die Kosten der rund 3 800 flämischen Familienbetriebe in der Schweinehaltung abfedern und den Übergang zu einer nachhaltigen Produktion ermöglichen. Darüber hinaus sollen Anreize geschaffen werden, bei der Vermarktung von Schweinefleisch stärker auf Qualitätssiegel mit Nachhaltigkeits- und Tierwohlanforderungen zu setzen. Zu diesem Zweck soll die Inlandswerbung durch das flämische Absatzförderungszentrum für Agrar- und Fischereiprodukte (VLAM) intensiviert werden.

Die flämischen Schweinehalter sind allerdings unzufrieden mit dem Hilfsprogramm. Das Algemeen Boerensynidcaat (ABS) bezeichnete den Etat als „Peanuts“; damit könnten die Futterkosten lediglich eine Woche lang finanziert werden.

Bauernverband setzt auf Herkunftskennzeichnung "5 mal D"

Der Deutsche Bauernverband (DBV) fordert ebenfalls Sofortmaßnahmen zur Unterstützung der in ihrer Existenz bedrohten Schweinehalter. Um die Verwerfungen auf dem Schweinemarkt in den Griff zu bekommen, sollte die Initiative Tierwohl (ITW) auf Fleisch- und Wurstwaren ausgedehnt werden. Darüber hinaus bekräftigte der DBV seine langjährige Forderung nach einer verpflichtenden Haltungs- und Herkunftskennzeichnung im Sinne von „5 mal D“.

Um notwendige Investitionen in mehr Tierwohl zu ermöglichen und den Betrieben Planungssicherheit zu geben, solle die Politik zudem das Bau- und Umweltrecht anpassen und die Finanzierung des Umbaus sicherstellen, so DBV-Präsident Joachim Rukwied.

Mit Material von VEZG, AgE, DBV
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