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Vegetarier und Landwirtschaft: Chance oder Risiko?

grüner vegetarischer Avocado Burger
am Samstag, 19.06.2021 - 07:00 (2 Kommentare)

Wohin würde die Reise für Landwirte gehen, wenn die nächste Generation immer weniger Fleisch ist oder sich vegetarisch ernährt?

Vor ein paar Jahren war es geradezu exotisch, ein Milchersatzprodukt auf Hafer- oder Kokos-Basis im Supermarkt um die Ecke zu bekommen. „Milch ohne Kuh? Ham wa nich“, wurde da der Kunde noch vertröstet. Höchstens standen solche Produkte verschämt in irgendeiner staubigen Ecke.

Heute hat selbst jede Kaffeetheke wenigstens einen Ersatz für Milch oder Sahne am Start. Beim Grillen landen immer mehr Tofu-Taler und Bulgur-Burger auf dem Rost. Und der Käse auf der Pizza muss längst nicht mehr von der Kuh kommen.

Landwirte stehen vor der Frage: Ist das der Untergang? Muss ich mich von Huhn, Schwein oder Rind trennen, weil das Zeug niemand mehr kaufen will?

Die Antwort ist nicht leicht. Sicher ist, dass Landwirte und ihre Tierhaltung vor neuen Herausforderungen stehen. Vegetarier und Veganer, die Klimakrise, kritische Verbraucher … die Gemengelage macht es schwierig, für den eigenen Hof einen Weg zu finden.

Schaut man sich den Markt bei Ersatzprodukten an, zeichnet sich ein Trend ab. Von 2018 bis 2020 ist beispielsweise der Umsatz mit pflanzlichen Drinks, Joghurtalternativen, pflanzlichen Desserts und pflanzlichen Kochcremes von 316 auf 536 Millionen Euro gestiegen. Bereits heute kommt jeder zehnte Liter nicht mehr von der Kuh. Das Unternehmen Danone will etwa, dass bis 2025 jedes fünfte seiner Produkte auf pflanzlicher Basis steht.

Hersteller setzen immer mehr auf vegetarische Produkte

Gerade meldete Rügenwalder Mühle, dass die Firma die Anbaufläche für eigenes Soja verdoppelt. Die Wurstfabrik ist erst 2015 ins Geschäft mit fleischfreier Mortadella und Schnitzel eingestiegen. Seit 2020 ist der Umsatz größer als mit klassischen Fleischprodukten.

So viel ist klar: Tierlos ist ein gutes Geschäft. Und klar ist auch: Irgendwer muss die Produkte kaufen.

Junge Generation trendet zu fleischlos

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach vom letzten Jahr sind 6,5 Millionen Deutsche Vegetarier. Gerade unter jungen Menschen, also Konsumenten zwischen 14 und 29 Jahren, ist es angesagt, auf tierische Produkte zu verzichten. Rund 30 Prozent folgen demnach fleischloser Ernährung.

Und die strengen Verfechter fleischloser Kost sind nicht allein. 85 Prozent der Käufer veganer Molkereiprodukte sind nicht unbedingt Vegetarier. Sie naschen trotzdem weiter von Milch, Joghurt und Käse auf Kuh-Basis, so die Marktforscher von Mafowerk. Dazu passt, dass in Deutschland von 2000 bis 2019 der Konsum von echter Milch von gut 54 auf 49,5 Kilo pro Kopf gesunken ist, meldet das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft. Keine Frage: Der Gegenwind für eine klassische Küche ist da. Und er wird stärker.

Wenn die jungen Leute bei ihrer Einstellung bleiben und die an ihren Nachwuchs weitergeben, verändert das auf lange Sicht den Markt. Ohne Sonntagsbraten braucht es auch keine Schweine mehr. Und damit keine Schweinehalter.

Folgen für Landwirte

Veganer und Vegetarier haben deutliche Argumente: Sie würden auf diese Weise besser das Klima schützen, Tierwohl fördern und gesünder leben. Wer heute noch Fleisch ist, ist in dieser Logik wenigstens verantwortungslos. Und wer gar Rinder, Schweine oder Hühner hält, geht auch mit dem Teufel grillen. Könnte man meinen.

Im Prinzip hört sich die Argumentation der Veganer und Vegetarier schlüssig an. Doch der Teufel steckt im Detail. Beziehungsweise sind die Probleme erst zu erkennen, wenn man den Fokus aufzieht. Das Gesamtbild ist kompliziert, denn wer vegane Ernährung in aller Konsequenz fordert, vergisst, dass Landwirtschaft ohne Tiere gar nicht wünschenswert ist.

Da ist zum einen die Geschichte mit den Standorten; viele magere Flächen sind geradezu ausschließlich für die Produktion tierischen Eiweißes gemacht. Die steinige, trockene Wiese am Hang ist für Mais, Weizen oder Grünkohl nicht unbedingt geeignet.

Geht eine Einkommensquelle für Landwirte verloren?

Und mit ihrer Nutzung geht eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft einher. In den Alpen beispielsweise führt der Rückgang der Almbewirtschaftung zur Verwaldung ganzer Höhenzüge. Leider verschwinden damit viele Lebensräume seltener Tiere und über kurz oder lang auch seltenere Rassen. Ein spezialisiertes Rind ist das Ergebnis vieler Generationen. Wenn seine Linie erlischt, ist das der Verlust eines Kulturgutes. Ähnlich als würde eine Partitur von Mozart einfach nie mehr zu hören sein, weil jemand alle Notenblätter verbrannt hat.

Und nicht zuletzt versiegt mit dem Verzicht auf Tierhaltung die Einkommensquelle vieler Betriebe.

Eine leistungsfähige und vielfältige Landwirtschaft ist ein Segen für eine Gesellschaft. Selbst für unseren Hightech-Standort. Und dazu gehören Rind, Schwein und Huhn einfach dazu.
Trotzdem: Weniger kann auch besser bedeuten. Und besser muss sich dann einfach in höheren Preisen für den Tierhalter niederschlagen. Der Trend zu tierfreier Ernährung ist auch eine Chance für Tierhalter.
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