Politik national Glyphosat: Streitgespräch im Agrarausschuss

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Wie gefährlich ist Glyphosat? Soll es wieder zugelassen werden oder nicht? Um diese Frage zu klären gab es gestern im Agrarausschuss eine Expertenanhörung. Die Meinungen gingen weit auseinander.

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Eine Expertenanhörung zum Thema Glyphosat im Agrarausschuss soll für Aufklärung sorgen.
Glyphosat ist wieder Thema. Um sich in der aktuellen Debatte kurz vor der Entscheidung über die europäische Wiederzulassung ein möglichst umfassendes Bild von Sach- und Wissensstand zu machen, lud der Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft am Montag Experten zur öffentlichen Sitzung samt Expertenanhörung ein.

Die Meinungen prallen aufeinander

Die Anhörung begann mit einem kurzen Statement aller Sachverständigen, in dem schnell klar wurde, dass deren Meinungen extrem weit auseinandergehen. Einige Beispiele: Während sich für Prof. Karen Friedrich (Fundação Oswaldo Cruz, Sergio Arouca National School of Public Health, Rio de Janeiro) Glyphosat in der Praxis als wirkungslos erwiesen hätte, stellt der Genralsekretär Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband fest: "Es gibt keine Alternative für die Landwirte".
"Glyphosat ist genotoxisch", erklärte wiederum Prof. Christopher J. Portier, Thun aus der Schweiz. Der Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR), Prof. Andreas Hensel betonte: "Man kann sagen, dass Glyphosat das bestuntersuchte Pflanzenschutzmittel der Welt ist".  Für Zündstoff war also gesorgt.

Fragerunde rund ums Glyphosat

Die anschließende Befragung durch die Ausschussmitglieder diente der Vertiefung wichtiger Fragen. So stand Hensel Rede und Antwort zur Zulassungsgeschichte und Untersuchungspraxis des Wirkstoffes. Der seit über vierzig Jahren zugelassene Stoff habe mehrere Wiederzulassungsprozesse erfolgreich durchlaufen. Bei sachgemäßer Anwendung habe das BfR den Wirkstoff als nicht krebserregend bewertet. Er schränkte jedoch ein, dass Beistoffe wie Netzmittel hier unter Umständen negative Einflüsse ausüben.
 
DBV-Generalsekretär Krüsken wurde von CDU- und SPD-Ausschussmitgliedern zur Anwendung, möglichen Alternativen und wirtschaftlichen Folgen eines Verbotes befragt. Er äußerte sein Vertrauen in die EU-Zulassungsverfahren, die im internationalen Vergleich von hohem Standard seien. Aus Sicht der Landwirte unterstrich er, dass Glyphosat in der Praxis eine Schlüsselrolle zufalle.
 
Kritisch äußerte sich Friedrich: "Glyphosat hat das Potenzial, Schaden zu verursachen." Studien an Zellkulturen und Labortieren hätten Schädigungen aufgezeigt.
 
Der Toxikologe Prof. Dr. Helmut Greim von der Technische Universität München stellte klar, dass das Risiko, aufgrund von Pflanzenschutzmitteln zu erkranken, viel geringer ist als die Gefahr, die von pflanzeneigenen Toxinen z.B. bei Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ausgehen kann.

Kritik an der BfR-Bewertung

Die Professoren Eberhard Greiser ( Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen), Christopher Portier(Thun (Schweiz) und Ivan Rusyn (MD Texas A&M University College of Veterinary Medicine and Biomedical Sciences, College Station, Texas (USA) äußerten Kritik am methodischen Vorgehen des Bundesinstitut für Risikobewertung bei der Bewertung von Glyphosat.
 
Prof. Ivan Rusyn,  hat an der Veröffentlichung der IARC-Monographie mitgearbeitet und Glyphosat im Frühjahr dieses Jahres als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft.
Auf die Frage von MdB Harald Ebner (Bündnis 90/Grüne), ob auch eine andere Einstufung denkbar gewesen wäre, beispielsweise: "möglicherweise krebserregend" antwortete Rusyn, dass die vorhandene Datenlage tatsächlich eine andere Einstufung als möglich erscheinen ließ und zwar die höchstmögliche. Es gab Studien, die auf eine Einstufung in Gruppe 1: "krebserregende Wirkung" hingewiesen hätten.

BfR fordert wissenschaftliche Diskussion

BfR-Präsident Hensel nutzte die Gelegenheit, sich vor unberechtigter Kritik der Parteilichkeit zu verwahren. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sei 2003 nach der BSE-Krise unter Federführung der Grünen-Ministerin Renate Künast gegründet worden, um unabhängig, wissenschaftlich korrekt und überparteilich solche Risikoeinschätzungen vornehmen zu können. "Unsere Unparteilichkeit ist gesetzlich verankert. Ich empfehle dringend, wissenschaftliche Fragestellungen auch wissenschaftlich zu diskutieren", erklärte Hensel.

Diese Experten waren zur Ausschusssitzung geladen

  • Prof. Dr. Andreas Hensel, Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Berlin
  • Bernhard Krüsken, Deutscher Bauernverband e.V. (DBV), Berlin
  • Prof. Dr. Karen Friedrich, Fundação Oswaldo Cruz, Sergio Arouca National School of Public Health, Rio de Janeiro (Brasilien)
  • Prof. Dr. Helmut Greim, Technische Universität München
  • Prof. Dr. Eberhard Greiser, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen
  • Prof. Dr. Christopher J. Portier, Thun (Schweiz)
  • Prof. Ivan Rusyn, MD Texas A&M University College of Veterinary Medicine and Biomedical Sciences, College Station, Texas (USA)