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Absatzeinbruch gefährdet mittelständische Pflanzenzüchtung

von , am
29.05.2010

Bonn - Der Einbruch des Absatzes von zertifiziertem Saatgut (Z-Saatgut) bei Getreide sowie die anhaltend unbefriedigende Situation bei der Erhebung der Nachbaugebühren gefährden langfristig die mittelständische Pflanzenzüchtung in Deutschland und so die Sortenvielfalt.

© agrarfoto.com

Das ist auf dem diesjährigen Saatguthandelstag deutlich geworden, der vom Bundesverband der VO-Firmen (BVO) auf Burg Warberg ausgerichtet wurde.

Dort waren sich die Teilnehmer darin einig, dass die Branche an einem Strang ziehen müsse, um den Absatz von Z-Saatgut wieder zu steigern. Außerdem sei eine gerechte und unbürokratische Lösung bei der Erhebung der Nachbaugebühren auf den Weg zu bringen, die die ehrlichen Landwirte schütze, so der Tenor auf dem Saatguthandelstag.

I.G. Pflanzenzucht spricht von 'dramatischer Lage'

Dieses "klare Bekenntnis" ist anschließend vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) nachdrücklich begrüßt worden. Dr. Reinhard  Kendlbacher  von der I.G. Pflanzenzucht sprach laut BDP von einer dramatischen Lage. Angesichts der derzeitigen Situation müsse mit einem massiven Strukturwandel gerechnet werden. Nach seiner Einschätzung dürften im Jahr 2020 im Bereich Getreide 50 Prozent weniger Züchter aktiv sein als heute. Auch bei den VO-Firmen habe diese Entwicklung massive Auswirkungen, sagte Kendlbacher.

Ruckwied: Z-Saatgut zu attraktiven Konditionen anbieten

Der Präsident des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg (LBV), Joachim  Rukwied, betonte laut Angaben des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Ziel müsse es sein, Z-Saatgut zu attraktiven Konditionen anbieten zu können. Dann würden die Landwirte auch wieder vermehrt Z-Saatgut einsetzen. Mit einer Wiederbelebung dieses Marktes, einhergehend mit hohen Qualitäten und sich erholenden Agrarmärkten, werde sich der Nachbau von ganz allein rückläufig entwickeln. Seien nach Auffassung der Züchter dennoch neue Systeme zur Erfassung der Nachbaugebühr zu entwickeln, müsse der Berufsstand frühzeitig in die Planungen einbezogen werden, so Rukwied. Bisher hätten gemeinsame Gespräche dazu noch nicht stattgefunden.

DBV: Ursachen ehrlich analysieren

Der Deutsche Bauernverband stellte im Nachgang zum Saatguthandelstag fest, dass der Saatgutsektor seit Jahren rückläufige Absatzmengen von Z-Saatgut im Getreidebereich beklage und aufgrund der rückläufigen Lizenzeinnahmen die mittelständisch geprägte Pflanzenzüchtung in ihrer Substanz gefährdet sehe. Doch anstatt nach den Ursachen für diese Entwicklung zu suchen, diese zu benennen und ehrlich zu analysieren, verbeiße sich die Branche in das Problemfeld der Nachbaugebühr, so der Bauernverband. Diese werde jedoch die Einbußen bei den Lizenzeinnahmen niemals kompensieren können.

Die deutsche Landwirtschaft stehe zu ihrer mittelständisch geprägten Züchterschaft: Sie leiste einen enormen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Agrarsektors und liefere eine große regionale Sortenvielfalt, die für jeden Standort eine Sorte im Portfolio habe, erklärte der DBV, der darauf verwies, dass er in der Vergangenheit in Gesprächen immer wieder gefordert habe, die Ursachen für den rückläufigen Absatz von Z-Saatgut zu analysieren.

Aus Kostengründen für den Nachbau

Aus Sicht des Berufsstandes sei diese Entwicklung auch eine Reaktion der Landwirte auf die katastrophale Situation auf den Getreidemärkten, führte der Bauernverband weiter aus. Das Verhältnis der Preise von Konsumware, also vom Bauern geerntete Ware, und dem Saatgut stehe in einem so ungünstigen Verhältnis, dass die Praxis sich schon allein aus Kostengründen für den Nachbau entscheide. Dabei sei nicht die Höhe der Züchterlizenz von herausragender Bedeutung für den Saatgutpreis; das wüssten viele Landwirte.

Kritik an Qualität des Z-Saatgutes

Allerdings führten Landwirte noch weitere Argumente ins Feld, warum sie Nachbau betrieben. Vielfach werde in diesem Zusammenhang die aus Sicht der Praxis nicht den Wünschen und Anforderungen entsprechende Qualität des Z-Saatgutes genannt, sei es die Keimfähigkeit, der Fremdbesatz oder auch die Beizqualität. Hohe Qualitäten des Saatgutes, auf die die Landwirte vertrauen könnten, seien notwendige Voraussetzung für den Einsatz von Z-Saatgut, betonte der DBV. Nur mit erstklassiger Saatgutqualität ließen sich die heute erforderlichen Qualitäten pflanzlicher Erzeugnisse produzieren. Hier gebe es aus Sicht der Praxis für die Saatgutwirtschaft noch enormes Verbesserungspotential. Qualität habe ihren Preis, das wüssten auch die Bauern; schließlich forderten sie diesen auch für ihre Erzeugnisse.

Sortenvielfalt für den Ökolandbau elementar

Hans-Joachim  von  Klitzing  von der Erzeugergemeinschaft Öko-Korn Nord warnte auf dem Saatguthandelstag die Landwirte davor, keine Nachbaugebühren zu zahlen. Gerade der Ökolandbau habe ein vitales Interesse, dass Züchter ihre Lizenzen bekämen. Ein breites Sortenspektrum sei für den Ökolandbau elementar, betonte von Klitzing. Wenn Nachbaugebühren nicht gezahlt würden, bedeute dies eine Einschränkung der Sortenvielfalt. Zudem sei zu befürchten, dass das Nichtzahlen von Nachbaugebühren zu einer stärkeren Entwicklung von Hybriden und der Gentechnik sowie zur Monopolisierung führe, erklärte der Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft.

Züchtungsfortschritt in Gefahr

Dr. Stefan  Streng  von der Saatzucht Streng-Engelen stellte dazu fest, dass aufgrund der gesicherten Investitionen schon heute ein Technologievorsprung bei den Hybridkulturen bestehe. Wenn es nicht gelinge, im Bereich der Selbstbefruchterarten eine Lösung zur Finanzierung der Züchtungsleistung zu erzielen, sei die Verringerung der Züchtungsaktivitäten mit erheblichen Konsequenzen für den Züchtungsfortschritt die logische Folge. Wichtige Getreidearten und Leguminosen könnten im Vergleich zu anderen Kulturen wie Mais, Raps und Rüben an Konkurrenzfähigkeit verlieren. Zudem würde die mittelständische Züchtung verschwinden und letztendlich die Sortenvielfalt beschränkt, warnte auch Streng. Die Beispiele Hafer und Erbse seien erste Warnzeichen einer solchen Entwicklung.

IG Nachbau für staatlichen Fonds

Klaus  Buschmeier, Landwirt und Vertreter der Interessengemeinschaft gegen Nachbaugesetze und Nachbaugebühren (IG Nachbau), sieht in der Pflanzenzüchtung eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn Nachbaugebühren, dann sollten diese über einen staatlich organisierten Fonds geregelt werden, der die Verteilung pauschal erhobener Gebühren vornehmen und entsprechende Zuchtziele festlegen solle. Kritiker dieses Vorschlags gaben laut BDP jedoch zu bedenken, dass eine Vermischung von privatem und öffentlichem Recht unzulässig sei, wie dies auch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Absatzfonds deutlich geworden sei. Zudem wäre bei einer solchen "Quasi-Verstaatlichung" der Züchtung unklar, wer die Gelder aus dem Fonds in welcher Höhe den Zuchtunternehmen zuweise. Auch würde der Wettbewerb um die besten Sorten am Markt komplett entfallen und dadurch der Ansporn, Züchtungsfortschritt zu erzielen. (AgE)

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