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Naturschutz

Biodiversität im Ackerbau: So funktioniert das produktionsintegriert

Ackerbegleitflora an Dinkelfeld
am Dienstag, 16.02.2021 - 12:30 (Jetzt kommentieren)

Wie lässt sich künftig mehr Naturschutz auf dem Betrieb umsetzen? Das diskutierten Wissenschaftler, Berater und Landwirte auf der diesjährigen DLG-Wintertagung.

Biodiversität im Ackerbau sichern und entwickeln, unter diesem Motto stand das Ackerbauforum der diesjährigen DLG-Wintertagung. Der konventionelle Landwirt Jörg Claus und der Biolandwirt Andreas Schröder, eine Beraterin und eine Forscherin diskutierten darüber, wie die Landwirtschaft künftig mit dem Thema umgehen sollte.

Rund 330 wilde Kräuter auf dem Acker

Die Bedeutung der Biodiversität stellte zunächst Dr. Karin Stein-Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) vor. Sie erklärte, dass in Deutschland rund 330 Wildkräuter auf Äckern vorkommen können. 90 Arten davon sind komplett auf Ackerstandorte angepasst. Viele dieser Kräuter sind selten geworden, da sie mit den modernen, intensiven Bewirtschaftungssystemen nicht mehr zurechtkommen.

Das ZALF führt derzeit das Projekt zum Artenschutz durch, in das Betriebe in den Größenordnungen zwischen 30 und 4.000 ha integriert sind. In dem Projekt werden viele Möglichkeiten untersucht, etwa

  • Blühstreifen,
  • Extensivierung oder
  • Stoppelbrache.

Im Fokus steht auch, wie sich Naturschutzleistungen am besten vergüten lassen. Hier sei auch die richtige Vermarktung gefragt. Die Produkte aus dem Projekt werden daher mit Trackingcodes gekennzeichnet, um Transparenz gegenüber dem Verbraucher sicherzustellen.

Punkte für individuelle Möglichkeiten statt Verbote

Mehr Biodiversität in der Breite hat sich auch der Bioland-Verband auf die Fahnen geschrieben. Die verbandseigene Naturschutzberaterin Katharina Schertler stellte vor, wie Bioland mit seiner Biodiversitätsrichtlinie Mindeststandards für Naturschutz in die Produktion integrieren will.

Statt Verboten setzt der Verband auf ein Punktesystem. Für jeden Flächentyp gibt es einen Katalog an Möglichkeiten, für jede Maßnahme Punkte. Auch Fortbildungen im Bereich Naturschutz oder Ideen auf dem Betriebsgelände, etwa Nisthilfen, werden gewertet. Das Ziel ist, mit individuell auf den Betrieb abgestimmten Naturschutz-Elementen 100 Punkte zu erreichen. Verbandseigene Naturschutzberater sollen dabei helfen.

Zunächst gilt es aber, die konkreten Werkzeuge für alle Flächen- und Betriebstypen zu veröffentlichen und die Betriebsleiter in dem Thema fortzubilden. Bis 2023 sollen dann alle Bioland-Betriebe möglichst die 100 Punkte erreichen.

Fehler im Umgang zwischen Landwirten und Naturschützern

Die Naturschutzberaterin erklärte, dass sich finanzielle Mittel für den Naturschutz effizienter einsetzen ließen, wenn die Landwirte besser in dem Thema geschult wären. Denn nicht jede Maßnahme eignet sich für jede Fläche oder jeden Betrieb. So seien teure Blühstreifen nicht sinnvoll, wenn es auf einer Fläche ohnehin schon seltene Arten gebe.

Sie betonte aber auch, dass es in der Vergangenheit Fehler und Missverständnisse im Umgang zwischen Naturschützern und Landwirte gegeben habe. Auch habe es an Anreizen gefehlt, da sich nur wenige Naturschutzprojekte sich mit dem Blickwinkel der Praxis beschäftigt hätten.

Best Practice auf dem Betrieb

Auch der konventionelle Landwirt Jörg Claus aus Sülzetal in Sachsen-Anhalt bemüht sich um mehr Artenschutz auf seinem Betrieb. Er erklärt, dass es etwas Fantasie brauche, solche Naturschutzelemente in den Betrieb zu integrieren. Zum Beispiel lassen sich die großen Schläge seiner Heimat etwas kleinteiliger gestalten: Claus hat etwa Lerenchenfenster in den Flächen angelegt. Ein Monitoring hat ergeben, dass die Lerchen die Einflugschneisen sehr gut annehmen. 

Bio-Landwirt Andreas Schröder aus Burgwedel in Niedersachsen hat das Punktesystem des Bioland-Verbands auf seinem Betrieb erpobt. Er berichtet, dass schon allein durch die natürlichen Gegebenheiten, auf denen der Betrieb im Trinkwasserschutzgebiet wirtschaftet, einige Punkte sammeln konnte; statt Extensivierung können auch Feldgehölze sehr vorteilhaft sein.

Fazit: Längst nicht immer ist Extensivierung nötig

Die Diskutierenden waren sich einig, dass Biodiversität auf dem Acker nicht zwangsläufig mit einer Extensivierung der Produktion einhergehen muss. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Möglichkeiten richtig gewählt sein sollten und individuell zum Betrieb und zur Fläche passen müssen. Die Landwirte benötigen mehr Wissen dazu, wie sich Biodiversität besser umsetzen lässt.

Moderator Klaus Erdle von der DLG ergänzte, dass es gerade die Negativbeispiele in der Kooperation mit dem Naturschutz waren, die bei den Landwirten hängen geblieben sind. Das sei in Zukunft zu vermeiden.

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