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Kommentar

Brennpunkt Glyphosat: Gnadenfrist sinnvoll nutzen

Glyphosat buchstabiert auf Boden
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Klaus Strotmann, agrarheute
am
05.01.2018

agrarheute-Redakteur Klaus Strotmann rechnet im Jahr 2022 mit einem endgültigen Aus für den Wirkstoff Glyphosat. Bis dahin gilt es, die Zeit sinnvoll zu nutzen.

In Brüssel ist die Diskussion um Glyphosat beendet. Jetzt verhandeln die Mitgliedsländer um nationale Verbote. Spätestens in fünf Jahren wird das Totalherbizid wohl endgültig die Zulassung verlieren. Wir geben einen Überblick, was bis dahin zu tun ist. 

Gefahr ist nicht gleich Risiko

Tatsächlich widersprechen sich die zahlreichen Studien gar nicht so sehr, wie oft behauptet wird. Sie verfolgen unterschiedliche Bewertungsansätze.Um das zu erklären, ist die Definition von Gefahr und Risiko nötig: Gefahr meint die grundsätzliche Toxizität, die von einem reinen Wirkstoff ausgeht. Kochsalz, Koffein und Nikotin sind hier als gefährlicher eingestuft als Glyphosat. Das Risiko berücksichtigt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Gesundheitsrisiko tatsächlich eintreten kann, und zwar bei sachgemäßem Einsatz. Darum sind Backpulver, Zigaretten, Bier und eben auch Glyphosat nach wie vor zugelassen. Ein ebenso plattes wie einleuchtendes Beispiel: Der Löwe ist immer gefährlich. Aber wenn er im Käfig sitzt, ist das Risiko für den Menschen relativ gering.

Welche Behörde vertritt in der Diskussion welchen Standpunkt?

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bewertet genauso wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und das WHO/FAO-Gremium für Pestizidrückstände (JMPR) nach dem Risiko: Fazit – nicht krebserregend. Eine andere Abteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Krebsagentur IARC sagt: Möglicherweise krebserregend. Sie untersucht die prinzipielle Gefahr des unverdünnten Wirkstoffs.
 

Wie ist der derzeitige Stand zu den Alternativen ohne Glyphosat?

Es scheint gewiss, dass der Wirkstoff ab 2022 endgültig ausgelistet wird. Den Anwendern, der Forschung und der Politik bleiben also fünf Jahre, um sich auf den endgültigen Ausstieg vorzubereiten.

  • Mechanik statt Chemie: Der Ökolandbau macht vor, dass das funktioniert. Allerdings zu höheren Kosten für die nötige Energie, Maschinen und die Zeit. Außerdem steigt das Risiko für Bodenerosion und steigende Kohlenstofffreisetzung aus dem Boden. Direktsaat kommt nach heutigem Stand kaum ohne Totalherbizide aus. Das Ergebnis von Glyphosat und dem Pflug ist am Ende das gleiche: ein blanker Acker. Darum ist der pauschale Vorwurf falsch, Herbizide gingen stärker auf Kosten der Artenvielfalt.
  • Mittelcocktails: Glyphosat ist das meistuntersuchte Pflanzenschutzmittel weltweit und seit über 40 Jahren auf dem Markt. Unter Umweltgesichtspunkten wird der Wirkstoff unkritischer bewertet als andere. Alternative Mischungen sind deutlich heikler in ihrer Abbaubarkeit und Gewässergefährdung, im Anwenderschutz und in ihren Wechselwirkungen.
  • Großflächiger Ökolandbau: Die deutschen Ackerbauern wären in der Lage, einen staatlich verordneten Ökozwang umzusetzen. Fakt ist aber: Die Erntemengen würden sich halbieren und der Importbedarf rasant steigen. Die Produktion würde ins Ausland verlagert. Die Qualität und die Produktionsbedingungen der eingeführten Nahrungsmittel ließen sich kaum kontrollieren.
  • Vielfältigere Fruchtfolgen: Hier besteht unbestritten das größte Potenzial. Enge Fruchtfolgen fördern Krankheiten, Schädlinge und Unkräuter. Sommerungen, Leguminosen und Zwischenfrüchte helfen dem Boden und bei der Unkrautunterdrückung.

Künftig weniger Pflanzenschutz

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird und muss weiter reduziert werden. Der Verbraucher fordert das, und dessen Sorgen muss jeder Landwirt ernst nehmen.
Weitgehend unbemerkt von Glyphosatgegnern hat Minister Schmidt mit seiner Zustimmung in Brüssel zusätzliche Auflagen für den Einsatz des Wirkstoffs durchgesetzt. Beispielsweise zum Schutz der Anwender und der Biodiversität. Der Ball liegt jetzt bei den Mitgliedsländern, diese schwammigen Vorgaben in konkrete Anwendungsbestimmungen zu gießen. Thüringen einen Antrag im Bundesrat gestellt, Glyphosat für den Privatgebrauch, auf öffentlichen Verkehrsflächen und Einrichtungen sowie zur Sikkation zu verbieten.

Und schon werben einige Molkereien und Bäckereien damit, nur glyphosatfreie Produkte anzubieten. Das wirkt zunächst als billige Marketingmaßnahme, kann aber schnell zum breiten Standard werden, siehe Milchlabel „ohne Gentechnik“. Dann schrumpft die Gnadenfrist von fünf Jahren schnell weiter zusammen. So viel steht fest: Ein „Weiter wie bisher“ ist politisch und gesellschaftlich nicht gewollt; es schadet der heimischen Landwirtschaft.

Ausführliche Informationen finden Sie in der agrarheute vom Januar.

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