Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Forscher fordern Gentechnik für den Ökolandbau

Pflanzen in einer Petrischale
am Dienstag, 20.04.2021 - 16:48 (3 Kommentare)

Für mehr Nachhaltigkeit muss die Gen-Schere Crispr/CAS in der Europäischen Union für den Ökolandbau zugelassen werden, fordert ein internationales Forscherteam.

Die Nachhaltigkeitsziele der Farm-to-Fork-Strategie und des Green Deals der EU-Kommission werden ohne Nutzung der modernen Biotechnologie nicht zu erreichen sein. Davon ist ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Universitäten Bayreuth und Göttingen überzeugt.

Gemäß der EU-Strategie Farm to Fork soll der Ökolandbau innerhalb der Gemeinschaft bis 2030 auf 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausgedehnt werden. Ohne resistente Nutzpflanzen, die mit Hilfe der Gen-Schere schnell und gezielt gezüchtet werden können, würde eine Ausdehnung des Ökolandbaus nach Überzeugung der Wissenschaftler aber einen Rückschritt in Sachen Nachhaltigkeit bedeuten. Der Grund liegt in den geringeren Erträgen im ökologischen Anbau.

EU-Gesetzgebung sollte angepasst werden

Zurzeit beschränkt oder verbietet das EU-Recht zahlreiche Anwendungen neuer biotechnologischer Verfahren. Dies gilt insbesondere für die Genom-Editierung, bei der die sogenannte Gen-Schere zum Einsatz kommt. Und darin liegt das Problem: „Den Ökolandbau unter den gegenwärtigen rechtlichen Beschränkungen der Biotechnologie weiter auszudehnen, könnte leicht zu weniger anstatt zu mehr Nachhaltigkeit führen“, warnt Kai Purnhagen, Professor für Lebensmittelrecht an der Universität Bayreuth. Purnhagen ist der Erstautor der Studie „Europe’s Farm-to-Fork Strategy and Its Commitment to Biotechnology and Organic Farming: Conflicting or Complementary Goals?”, die das internationale Forscherteam jetzt in der Zeitschrift „Trends in Plant Science“ veröffentlicht hat.

Die Wissenschaftler fordern, für mehr Nachhaltigkeit auf globaler Ebene sollte die EU-Gesetzgebung geändert und der Einsatz der Gen-Schere im Ökolandbau erlaubt werden.

Der Ökolandbau verlagert die Umweltkosten

Nach Einschätzung der Forscher kann sich der Ökolandbau auf lokaler Ebene vorteilhaft auf den Umwelt- und Artenschutz auswirken. Verglichen mit konventionellem Anbau liefert er allerdings niedrigere Erträge. Folglich werden für die Produktion der gleichen Menge hochwertiger Lebensmittel mehr Flächen benötigt.

„Da die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln steigt, würde mehr Ökolandbau in der EU zu einer Ausdehnung der Ackerfläche anderswo in der Welt führen. Dadurch könnten leicht Umweltkosten entstehen, die den lokalen Umweltnutzen in der EU übersteigen, denn die Umwandlung von Naturflächen in Ackerland ist einer der größten Treiber des globalen Klimawandels und Artenschwunds“, sagt Koautor Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen. 

Ökolandbau könnte ohne giftige Kupferspritzungen auskommen

Die Kombination von Ökolandbau und neuen biotechnologischen Verfahren könnte ein Weg sein, um dieses Dilemma aufzulösen. „Die Gen-Schere bietet uns einzigartige Möglichkeiten, die Produktion von Nahrungsmitteln nachhaltiger zu gestalten und die Qualität, aber auch die Sicherheit von Nahrungsmitteln weiter zu verbessern. Mit Hilfe der Gen-Schere können robustere Pflanzen entwickelt werden, die auch mit weniger Dünger hohe Erträge liefern“, sagt Ko-Autor Stephan Clemens, Professor für Pflanzenphysiologie an der Universität Bayreuth.

Darüber hinaus lassen sich pilzresistente Pflanzen züchten. Sie gedeihen auch ohne – im Ökolandbau – zugelassene Kupferspritzungen. Kupfer ist für Boden- und Wassertiere besonders giftig, der Einsatz zur Pilzbekämpfung ist im Ökolandbau aber erlaubt.

Ökolandbau und Gen-Schere ergänzen sich

Qaim ist überzeugt: „Ökolandbau und Gen-Schere ergänzen sich sehr gut und könnten kombiniert zu mehr lokaler und globaler Nachhaltigkeit beitragen“. Für den Einsatz von Gentechnik im Ökolandbau bedarf es allerdings rechtlicher Änderungen auf EU-Ebene.

„Hierfür gibt es aktuell sicher keine politische Mehrheit, weil die Gentechnik von vielen sehr kritisch gesehen wird“, sagt Purnhagen. Aber vielleicht könne durch verbesserte Kommunikation schrittweise eine größere gesellschaftliche Offenheit zumindest für die Gen-Schere entstehen, hofft der Wissenschaftler. Denn diese Form der Gentechnik ermögliche sehr gezielte Züchtungen, ohne dass fremde Gene in die Pflanzen eingeschleust werden müssten.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Oktober 2021
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin_1634905801.jpg

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...