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Beregnungswasser aus Talsperren

Ackern bei Dürre: Hilft DDR-Brauchwasser künftig gegen die Wassernot?

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am Sonntag, 28.08.2022 - 06:30 (Jetzt kommentieren)

Vielerorts darf kein Wasser mehr aus Bächen oder Seen entnommen werden. Im Osten soll künftig mehr Wasser aus den zu DDR-Zeiten angelegten Stauseen fließen. Für das zu festen Terminen zu bestellende Brauchwasser müssen aber noch neue Leitungen gebaut werden. Die alten sind nicht mehr zu nutzen.

Wassernot macht erfinderisch. Dagegen könnte ausgerechnet das Plansystem aus DDR-Zeiten helfen. Das in Zeiten des Sozialismus gebaute Netz von über 600 kleinen Stauseen und Talsperren mit Pumpen der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften könnte künftig wieder angezapft werden - wo immer es geht.

Brauchwasser aus Talsperren zur Bewässerung in der Landwirtschaft

Der Freistaat Thüringen etwa möchte rund 90 Brauchwassertalsperren dazu nutzen, der Landwirtschaft wieder Wasser zu liefern, berichtet der MDR. Einer der ersten Betriebe, die das nutzen, ist die Agra-Milch GmbH und die Landmilch in Frohndorf/ Orlishausen bei Sömmerda im Zentrum des Thüringer Beckens. Das ist eine der regenärmsten Gebiete in Deutschland.

Der 1.200 ha-Betrieb, mittlerweile aufgeteilt in zwei Gesellschaften mit der Landmilch als Biobetrieb, wurde 1991 umgewandelt und beschäftigt rund 35 Mitarbeiter. 650 Milchkühe nebst Nachzucht saufen allesamt Trinkwasser aus eigenen Brunnen. Dazu kommt eine Biogasanlage mit 400 und 550 kW Leistung sowie der Marktfrucht- und Futterbau.

Neben Weizen, Raps und Mais braucht vor allem das Feldfutter, etwa Luzerne und Ganzpflanzensilage, ausreichend Niederschlag, weiter der Futter- und Zuckerrübenanbau. Normalerweise regnet es nur rund 500 mm im Jahr, sagt Enrico Bergmann, verantwortlich für die Biomilch. Er kennt die Wassernot schon lange. „Rund 2 Mio. Euro haben wir längst in Bewässerung investiert“, so Bergmann. Etwa 300 ha kann er stationär beregnen, 100 ha mit Schlauchtrommeln.

Extreme Trockenheit bis in tiefe Bodenschichten macht Sorgen

Das Wasser stammt aus zwei Talsperren. "Nach vorheriger Bestellung und zu festen Terminen" leitet die Thüringer Fernwasserversorgung (TFW) die nötigen Wassermengen in den nahen Fluß Scherkonde. Von dort gelangen sie über den Flußlauf nach Frohndorf. Daraus pumpt der Betrieb es auf die Felder. Dafür wurden fast 14 km Leitungen eigens gebaut.

Beim Blick auf die Maisfelder ist Enrico Bergmann froh, dass sein Betrieb 2016 die modernen Kreisberegnungsanlagen angeschafft hat. Sie werden heute von wenigen Mitarbeitern bedient. Die zunehmenden Dürren bereitet ihm aber trotzdem weiterhin Sorgen.

Selbst tiefere Bodenschichten sind komplett ausgetrocknet, „und das bei lehmigen Böden um 60 Bodenpunkte, die das kostbare Nass normalerweise lang speichern“, so Bergmann.Schon 2019 hat uns die die TFW nur etwa die Hälfte des bestellten Wassers zugeteilt, sagt der Landwirt. „Vor etwa vier Wochen wurde uns die Entnahme 2022 dann komplett gesperrt.“

Die Idee vom Netz aus Talsperren aus DDR-Zeiten wird wieder aufgegriffen

Dabei haben die Agra GmbH und die Landmilch Frohndorf einen Vertrag mit der Thüringer Fernwasserversorgung für die nahen Talsperren Frohndorf und Groß Brembach abgeschlossen. „Wenn aber nicht genug Regen kommt, ist auch dort Ende im Gelände“, sagt Bergmann. Die Grundwasserkörper lassen sich so nicht wieder füllen.

Schon zu DDR-Zeiten kam laut MDR Beregnungswasser aus mehr als 600 Talsperren, die bis in die 1980er-Jahre auch für die Agrarproduktion nach staatlich gelenktem Plan in ganz Ostdeutschland gebaut worden seien. Nach der Wiedervereinigung verfielen sie. Heute sind sie laut Enrico Bergmann „nicht mehr nutzbar und komplett sanierungsbedürftig.“

Leitungen selbst teuer bauen: Wasserzuteilung komplett neu ordnen?

In Thüringen sollen die etwa 70 Brauchwassertalsperren, die es im Freistaat gibt, darunter 30 Kleinspeicher, dennoch künftig wieder landwirtschaftlich genutzt werden, sofern die Betriebe als Investoren einsteigen. Doch bis dahin ist es vielerorts sicher noch ein weiter Weg.

Damals wurden die nötigen Wassermengen zentral berechnet. Für die Beregnungsberatung mussten die Betriebe die Regenmengen zwei Mal wöchentlich melden. Ein Rechenzentrum ermittelte dann, wieviel Nass einzelne Ackerkulturen bekamen. 75 Prozent aller beregneten Flächen in der DDR waren an das System angeschlossen, so der MDR. Fast neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Osten wurde deswegen damals beregnet.

Fernleitungsbau als lohnende Investition in die dürre Zukunft?

Nach Angaben der Thüringer Fernwasserversorgung (TFW) stauen alle Anlagen in dem Freistaat über 100 Mio. Kubikmeter, wenn sie voll sind. Derzeit werde aus 7 dieser Stauanlagen Brauchwasser für Agrar- und Industriebetriebe zur Verfügung gestellt, so die Anstalt des öffentlichen Rechts

Das sichere Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Steigende Boden- und Pachtpreise, Druck bei den Lohnkosten sowie die Agrarpreisentwicklung fordern nach TFW-Angaben von den Höfen eine immer effizientere Produktion auf kleinerer Fläche. Angesichts des Klimawandels lasse sich dieses Ziel für viele Ackerfrüchte künftig nur durch optimale Bewässerung erreichen.

Laut MDR sucht der Freistaat Thüringen nach Betrieben, die Investitionen in eine der Brauchwassertalsperren übernehmen. Die meist über 40 Jahre alten Bauten benötigten zwar sehr viel Geld für die teure Instandsetzung. Das könne aber für die Beregnung vieler Landwirtschaftsbetriebe eine sinnvolle Investition in die dürre Zukunft sein.

Mit Material von MDR, Agra-Milch, TFW
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