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Düngeverordnung

Alarmstufe für Qualitätsweizen: Rote Gebiete besser differenzieren

AF_Frühjahr-Stickstoffdünger
am Donnerstag, 16.01.2020 - 16:30 (Jetzt kommentieren)

Pauschal 20 Prozent weniger Düngung in roten Gebieten hängt die Weizenanbauer vom Markt ab, sagt Landwirt Hanns-Christian Seeßelberg-Buresch. Er kann die Ausweisung der roten Gebiete nicht nachvollziehen.

Seeßelberg-Erichshof

Hanns-Christian Seeßelberg-Buresch bewirtschaftet das Rittergut Erichshof mit 300 ha unweit von Hannover. „Die wachsenden Auflagen in puncto Düngung gefährden meinen Betrieb“, so der Ackerbauer. Besonders ärgert ihn die Ausweisung der roten Gebiete, in denen sein Hof liegt. Das sollen eigentlich Flächen sein, in denen die Brunnen zu hohe Nitratgehalte im Trinkwasser aufweisen.

Doch an den drei Messstellen, die über seinen Betrieb verteilt sind, zeigen sich nur konstant niedrige Nitratwerte.Die Nitratwerte liegen dort mit höchstens 0,2 ml/l Grundwasser weit vom EU-Grenzwert 50 ml entfernt.

Niedrige Nitratwerte, dennoch rotes Gebiet

Die Abgrenzung der Gebietskulisse erscheint ihm daher wenig plausibel, auch wenn die Behörden argumentieren, dass es sich um „gemeinsame Grundwasserkörper“ handele. Seiner Ansicht nach muss „eine plausiblere Regel her, wenn sich an den Messstellen in einem Gebiet völlig unbedenkliche Nitratwerte finden.“

Das bringt Betroffene auf die Palme, dass in den Gebietskulissen große Flächen pauschal behandelt werden – auch wenn die Werte an vielen Messstellen im grünen Bereich liegen. Warum das ungerecht ist, zeigt bereits ein Blick in die Karte: In vielen Bereichen der roten Gebiete liegen die Nitratwerte weit unter dem Grenzwert.

„Wenn die roten Gebiete auf falschen Fakten oder veralteten Messwerten basieren“, so viele Landwirte, „dann nehmen wir das nicht hin“. Der Niedersächsische Landvolkverband spricht sich dafür aus, die Auswahlkriterien zur Gebietskulisse vor Gericht überprüfen zu lassen.

Erträge und Wirtschaftlichkeit in Gefahr

Die Weizenerträge sind nun in Gefahr, wenn als Folge der Einstufung pauschal 20 Prozent weniger gedüngt werden muss. „Das wäre doch so, als wenn jeder von einem Tag auf den anderen seine Kalorienzufuhr um 20 Prozent reduzieren müsste.“

Wegen der politischen Vorgaben sieht der Landwirt sich gezwungen, die Bestände fehlzuversorgen. Er will aber alle Kulturen gleich gut ernähren. Düngung nach Entzug sei der Maßstab, der im Betrieb seit jeher angewendet werde. "Das beruht auf wissenschaftlicher Basis und ist fachlich nachvollziehbar.“

Seeßelberg-Buresch: „Zukünftig verlassen wir jedoch zwangsweise diese Ebene, um politisch und amtlich vorgegebene Fehlproduktion zu betreiben, die ihre Folgen in schlecht zu vermarktenden Lebensmitteln haben wird – und das in einer Region, in der wir keine bedenklichen Messwerte haben.“

Qualitätsparameter künftig nicht mehr zu erreichen

Nicht nur die Erträge sind gefährdet, sondern auch die Qualität. Bisher produziert Seeßelberg-Buresch hochwertigen Brotweizen. Mit der eingeschränkten Düngung hätten viele Partien nur die Qualität von Futterweizen. „Wir sind durch die Zertifizierung darauf angewiesen, feste Standards einzuhalten.“

„Erreiche ich die Qualitätsparameter nicht mehr, hängt der Markt mich ab.“ Die Bestände benötigen angepasste Düngung. „Bei Brotweizen düngen wir 230 kg/ha Gesamtstickstoff inklusive Nmin im Jahr, und das anhand von eigenen Proben und im Abgleich mit den Werten der Kammer.“

Mit Mineraldünger ist die Wirkung besser kalkulierbar als bei organischen Düngern mit schwankenden Nährstoffgehalten. Einer Aufnahme von Wirtschaftdüngern steht der Landwirt dennoch offen gegenüber. Gerne würde er mit Nachbarn ein Güllelager bauen. „Die Genehmigung wäre aber extrem schwierig.“

Zauberwort Binnendifferenzierung

Nitrat-Messnetz

In Nordrhein-Westfalen (NRW) soll eine „Binnendifferenzierung“ in den roten Gebieten dabei helfen, dass vielen Betrieben die Arbeit nicht weiter erschwert wird. Lediglich in „Hotspot“-Regionen mit hohen Nitratwerten sollen neue Auflagen zielgerichtet gelten.

Viele Landwirte hoffen, dass ihnen „unbegründete Erschwernisse“ so noch erspart bleiben. Der Anteil der roten Gebiete in NRW könnte von rund 54 Prozent der Fläche auf knapp 40 Prozent sinken. In Niedersachsen umfasst die Gebietskulisse derzeit 39 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Das sind ungefähr 1 Mio. ha.

„Muss die Düngung dort pauschal um 20 Prozent gekürzt werden, kostet das nicht nur Ertrag, sondern auch Qualität.“ Den Verlust für Landwirtschaft und Gartenbau beziffert Tim Eiler, Leiter der Düngebehörde in Niedersachsen, allein dort auf mindestens rund 150 Mio. Euro im Jahr.

Mit Material von Gaul, LPD, Seeßelberg-Buresch,

Mehr zum Thema „Rote Gebiete“ finden Sie in der gedruckten print-Ausgabe von agrarheute 1/2020 ab Seite 118.

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