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Getreide

Bayern: Nervenaufreibende Ernte geht zu Ende

von , am
24.08.2011

München - Jedes noch so kleine "Sonnenfenster" wurde in den letzten Wochen von Landwirten genutzt. Nach dem wechselhaften Sommerwetter neigt sich die Getreide- und Ölsaatenernte jetzt dem Ende zu.

In Unterfranken rechnen 62 Prozent der Umfrageteilnehmer mit einer Ernte, die 20 % unter dem Mittel liegt. © Mühlhausen/landpixel
"Es liegen nervenaufreibende Wochen hinter uns", sagt Leonhard Keller, Vorsitzender des Landesfachausschusses für pflanzliche Produktion im Bayerischen Bauernverband. Hätten die Landwirte nicht jede Regenpause genutzt und auf die jetzige Schönwetterperiode gewartet, hätten durch die häufigen Regenfälle die Qualitätsparameter des Getreides gelitten, Brotgetreide wäre dann zu Futtergetreide geworden. Allerdings müssten insbesondere Franken und die Oberpfalz mit Ertragsausfällen rechnen.

Insgesamt rechnet Keller, dass die bayerischen Landwirte in diesem Jahre eine leicht bessere Getreideernte eingefahren haben als im Vorjahr mit 6,2 Millionen Tonnen Getreide (ohne Körnermais). Trotzdem bleibe die Erntemenge deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 6,6 Millionen Tonnen.
 
Insgesamt sei es dieses Jahr besonders schwierig einen genauen Überblick über die Erträge zu bekommen, weil auch regional die Erträge extrem stark schwanken, so der Getreidepräsident.

Schwieriges Anbau und Erntejahr

"Nervenaufreibend waren aber nicht nur die letzten Wochen der Ernte", so Keller. "Es liegt eines der schwierigsten Anbaujahre der letzten Jahrzehnte hinter uns. Schwierige Aussaatbedingungen im Herbst letzten Jahres, Auswinterungsschäden, Spätfröste, Frühjahrtrockenheit, Hagelschlag und die Wetterlotterie der letzten Wochen haben vielerorts nicht nur Mindererträge bis hin zu Totalschäden verursacht, sondern auch an den Nerven der Landwirte gezerrt", resümiert Keller.
 
Hätten die Landwirte in den letzten Wochen nicht jede Regenpause genutzt und auf die jetzige Schönwetterperiode gewartet, wären durch häufige Regenfälle die Qualitäten des Getreides gemindert worden. Um die Qualität des Getreides zu sichern - vorausgesetzt die Felder waren befahrbar - mussten die Landwirte bei der Ernte teilweise höhere Feuchtgehalte in Kauf nehmen. Um es lagerfähig zu machen, muss das Korn getrocknet werden. Dies verursacht zusätzliche Kosten., die in diesem Jahr deutlich gestiegen seien.

Starkes Süd-Nord-Gefälle bei den Erträgen

In Südbayern ist die Getreide- und Ölsaatenernte weitgehend beendet, auch in Franken und der Oberpfalz steht nur noch wenig Getreide auf den Feldern. Das Süd-Nord-Gefälle, dass bei den Getreideerträgen in Bayern meist vorherrscht, sei dieses Jahr besonders stark ausgeprägt. Dies machten die Mitglieder des Landesfachsausschusses für pflanzliche Produktion in ihrer heutigen Sitzung deutlich.
 
Mindererträge von minus 30 bis 50 Prozent bei Getreide, vielerorts sogar Totalausfälle meldeten die Mitglieder aus Franken und Teilen der Oberpfalz.
 
Dagegen zeichneten die Vertreter aus Südbayern besonders bei Weizen ein weitgehend zufriedenstellendes Bild.
 
Ertragsausfälle gab es bei Wintergerste und besonders bei Raps bayernweit. Den Schwerpunkt bildeten Franken und leichte Standorte mit geringen Wasserhaltevermögen. In diesen Gebieten hat die Frühjahrstrockenheit massive Spuren in Form von Mindererträgen hinterlassen. Die Hoffung, dass die Ende Juni einsetzenden Regefälle noch positiv auf die Erträge bei Weizen und Sommergerste wirken, erfüllten sich meist nur in den Regionen Südbayerns mit schweren Böden. Auf Standorten mit leichten Böden blieben die Erträge auch bei diesen Kulturen deutliche unter denen der vergangenen Jahre.
 
Preis unter dem Einfluss der Warenterminmärkte
 
Seit Juni haben sich in Folge der Aufhebung des Exports Russland und der allgemein guten Ernte in der Schwarzmeerregion die Notierungen an den Warenterminbörsen in Chicago und Paris nach unten bewegt. Infolge dessen sanken die Erzeugerpreise für Getreide und Raps deutlich. Lag der Erzeugerpreis Ende Juni für Brotweizen noch bei 24 €/100 kg, erhält ein Landwirt derzeit ca. 19 €/100 kg. Für Futtergerste werden derzeit 18 €/100 kg und damit weniger als im Juni geboten. Stabiler ist dagegen der Preis für Braugerste. Mit 24 €/100 kg beträgt der Unterschied im Vergleich zum Juni nur 1 €/100 kg. Dies ist auf eine äußerst knappe Versorgungslage bei Braugerste in der EU zurückzuführen und dem Fragezeichen hinter der Braugerstenernte in den skandinavischen Ländern, welche durch ausgiebige Niederschläge ins Stocken geraten ist. Ebenfalls deutlich nach unten ging der Erzeugerpreis für Raps. Konnte Ende Juni noch 46 €/100 kg erlöst werden, sind es heute 35 €/100 kg weniger. Trotz der knappen Rapsernte in Deutschland und der EU sank der Erzeugerpreis. Als Gründe hierfür nennen Marktexperten vor allem den in den letzten Wochen stark gefallenen Ölpreis. "Positiv ist, dass viele Landwirte das höhere Preisniveau im Frühjahr für Vorkontrakte genutzt haben", sagt Keller.
 
Preisbildung nicht isoliert betrachten
 
Preisbestimmende Faktoren der nächsten Wochen seien die tatsächlichen Erntemengen und Qualitäten in den Getreideanbaugebieten der nördlichen Hemisphäre. Sollten sich die negativen Ernteprognosen in Deutschland und Europa bestätigen, sei davon aus zugehen, dass sich der Trend wieder nach oben bewegt. Aber man dürfe die Preisbildung auf dem bayerischen und deutschen Getreidemarkt nicht isoliert von den internationalen Getreide- und Ölsaatenmärkten betrachten. Denn die Erntemengen und Qualitäten in den weltweit wichtigsten Getreideanbauländern, wie USA, Schwarzmeerregion (Russland, Urkraine und Kasachstan), Kanada oder Australien beeinflussen über die Warenterminmärkte die Erzeugerpreise in Bayern genauso wie die unkalkulierbaren Entwicklungen auf den Finanzmärkten. 
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