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Getreide

Ehlers: Getreidemarkt als Beispiel für lebendigen Binnenmarkt

von , am
23.11.2010

Berlin - Nach der schwierigen Getreideernte 2010 hat der europäische Binnenmarkt in diesem Jahr seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.

© Mühlhausen/landpixel.de

Das hat der Marktexperte des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Dr. Henning Ehlers, mit Blick auf die laufende Kampagne betont. Eine Schlüsselrolle misst er dabei dem Handel zwischen Deutschland und Frankreich zu. Beide Länder hatten es in der diesjährigen Ernte mit sehr unterschiedlichen Witterungsbedingungen zu tun.

Während die Franzosen ihr Getreide weitgehend trocken einbrachten, blieb der Drusch in vielen Regionen Deutschlands wegen des häufig regnerischen Wetters über weite Strecken der Ernte schwierig. Ehlers zufolge hat der Markt hier Abhilfe geschaffen. Schon früh in der Kampagne seien große Mengen an Futtergetreide von Deutschland Richtung Frankreich abgeflossen.

Das Nachbarland im Export stark aktiv

Die Franzosen wiederum - verwöhnt von hohen Eiweißgehalten, die sonst häufig nur deutsche Lieferanten vorweisen konnten - hätten das Exportgeschäft ausgebaut. Dabei hätten sie teilweise auch Länder beliefert, in denen Deutschland sonst stark sei, erklärte Ehlers. Nach seiner Einschätzung konnten deutsche Landwirte und Lieferanten aber meist trotzdem das beste aus der schwierigen Lage machen und Geld verdienen. EU-weit rechnet Ehlers für die Kampagne 2010/11 mit Exporten von mindestens 22 Millionen Tonnen Getreide, das wären fünf Millionen Tonnen weniger als im Vorjahr. Die Importe könnten um rund 25 Prozent auf 10 Millionen Tonnen zulegen, nachdem die Produktion gegenüber 2009 um 4,8 Prozent auf 279 Millionen Tonnen gesunken war.

Höhere Preisschwankungen bieten auch Chancen

Ehlers sieht in einem funktionierenden EU-Binnenmarkt denn auch einen wichtigen Garanten zur Marktstabilisierung. Er erwartet verstärkte Preisschwankungen an den Agrarmärkten, weil der Staat sich aus der Marktstützung zurückzieht und mit der Förderung der Bioenergie das Angebot weiter verknappt. Diese Entwicklung ist für ihn auch die wichtigste Konstante, auf die es sich in den kommenden Jahren einzustellen gilt. Deshalb bleiben dem DRV-Experten zufolge die landwirtschaftlichen Rohstoffmärkte für Spekulanten attraktiv. Höhere Preisschwankungen erhöhten Lagerhaltungs- und Vermarktungsrisiken, böten aber auch Chancen.

Spekulation bleibt ein Faktor  

Ehlers ermuntert daher dazu, Risikomanagementsysteme, Kontrakte, Vermarktungskonzepte und Vertragsmodelle zu prüfen und kontinuierlich anzupassen. Die Absicherung an Warenterminbörsen müsse an Bedeutung gewinnen. Die Vorwürfe über Spekulationen auf den Agrarrohstoffmärkten sind für ihn aber angesichts der Rückzugsmanöver des Staates aus der Marktordnung zumindest ein Stück weit ein Ablenkungsmanöver.

Mehr Jobs in der Milchproduktion

Kritisch sieht Ehlers den Bioenergieboom in Deutschland auch wegen der seiner Meinung nach vergleichsweise geringen Wertschöpfungseffekte. Dabei beruft er sich auf eine Studie des Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts (vTI), das den Arbeitskräftebedarf pro Hektar in der Biogasproduktion bei lediglich 25 Prozent bis 50 Prozent des in der Milchproduktion erreichten Niveaus beziffert. Ein wichtiger Grund dafür sind die Arbeitsplätze in den Molkereien, während es bei der Biogaserzeugung mit der Stromproduktion sein Bewenden hat und eine nachgelagerte Industrie fehlt. Ehlers macht darauf aufmerksam, dass die Auswirkungen der Bioenergieförderung nicht auf Europa beschränkt bleiben.

Konkurrenzfähig bleiben

Angesichts des massiven Maisbedarfs der US-Biokraftstoffindustrie für die Ethanolproduktion können Ertragsveränderungen in den USA die Angebots- und damit Preisschwankungen auf dem Weltmarkt weiter erhöhen. Um im internationalen Wettbewerb auch auf den Fleischmärkten angesichts knapper Flächen in Deutschland konkurrenzfähig zu bleiben, warnt Ehlers vor einem Verzicht auf technische Fortschritte zur Produktivitätssteigerung und eine übermäßige Förderung der Biomasseproduktion zur Energiegewinnung. (AgE)

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