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Getreide

An den Exportmärkten werden die Karten neu gemischt

von , am
31.08.2010

London/Paris/Chicago - Ein schlechteres Blatt als in den Vorjahren haben Lieferanten aus dem Schwarzmeerraum, da nach kleinen Ernten in Russland, der Ukraine und Kasachstan nur geringe Überschüsse anfallen dürften.

© Rainer Sturm/aboutpixel.de

Beim Internationalen Getreiderat (IGC) geht man davon aus, dass die drei Länder zusammen in der laufenden Vermarktungskampagne allenfalls 14 Millionen Tonnen Weizen ausführen können, während es 2009/10 noch 36 Millionen Tonnen waren. Besonders drastisch dürfte der Schnitt im dürregeplagten Russland ausfallen, wo die Auslandslieferungen im Jahresvergleich um mehr als 80 Prozent auf 3,5 Millionen Tonnen Weizeneinbrechen sollen. In die am Weltmarkt entstehende Lücke dürfte vor allem die US-Konkurrenz springen.

IGC-Zahlen sorgten für gute Stimmung an der Börse

Der IGC hat seine Prognose für die Ausfuhren der Amerikaner in seinem August-Bericht um 4,5 Millionen Tonnen auf 33,0 Millionen nach oben gesetzt. Dass das zu schaffen ist, zeigen die wöchentlichen US-Exportstatistiken, wo gerade zum dritten Mal in Folge Auslandslieferungen von mehr als einer Million Tonne Weizen ausgewiesen wurden. Die am Donnerstag veröffentlichen IGC-Zahlen haben an der Welt-Leitbörse von Chicago für gute Stimmung gesorgt. Die dort gehandelten Futterqualitäten haben sich im Verlauf der Börsensitzung um 1,5 Prozent auf 6,60 $/bu (191 Euro je Tonne) verteuert, nachdem zuvor tagelang negative Vorzeichen dominiert hatten.

EU-Weizenexport kommt in Schwung

{BILD:127846:jpg}Aber auch die europäischen Lieferanten könnten sich einen großen Teil von dem insgesamt 117 Millionen Tonnen schweren "Exportkuchen" abschneiden: Die Prognose für die Weizenlieferungen der 27-EU-Partnerländer haben die Londoner Experten jetzt um eine Million Tonne auf 20,2 Millionen Tonnen angehoben. Mit Abschluss der Erntearbeiten kommen die Weizenverschiffungen aus den europäischen Seehäfen richtig gut in Schwung. Zuletzt hat der in Brüssel für den Weizenexport zuständige Verwaltungsausschuss innerhalb einer Woche Exportlizenzen für 856.000 Tonnen erteilt, viel mehr als in den bisherigen Vergaberunden der laufenden Saison. Auch an der europäischen Leitbörse, der Matif, haben die frischen IGC-Zahlen die Preise steigen lassen. Der in Paris gelistete Mahlweizen ist am Donnerstag um 1,25 Euro je Tonne auf 216,25 Euro je Tonne nach oben gelaufen.

Weizen wird in Europa langsam knapp

Der größere Optimismus des IGC in Sachen EU-Weizenexport hat Marktbeobachter auch deshalb überrascht, weil die Londoner Experten gleichzeitig ihre Ernteprognose für die 27 Partnerländer gegenüber ihrem Juli-Bericht um eine Million Tonne gekürzt haben. Sie rechnen jetzt aus der Ernte 2010 allenfalls mit einem Weizenaufkommen von 135,8 Millionen Tonnen am EU-Binnenmarkt. Ergänzt wird das Angebot um Weizenimporte in Höhe von 4,5 Millionen Tonnen. Im Juli hatte der IGC noch 5,5 Millionen Tonnen für möglich gehalten, rechnet inzwischen jedoch nicht mehr mit umfangreichen Lieferungen an schwächeren Weizenqualitäten aus dem Schwarzmeerraum.

Aber nicht nur deshalb soll der Verbrauch an Futterweizen in der EU 2010/11 gegenüber dem Vorjahr von 52 Millionen Tonnen auf 48 Millionen Tonnen schrumpfen. Gleichzeitig soll nämlich der Weizenanteil in hofeigenen Mischungen verringert werden. Der IGC geht davon aus, dass Mäster eigenen Weizen angesichts attraktiver Preise über den Landhandel vermarkten und anderes Getreide verfüttern. Die Weizenpreise sind auch deshalb so hoch, weil das wichtigste Nahrungsgetreide am EU-Binnenmarkt langsam knapp wird. Im Saisonverlauf sollen die Reserven von 16 Millionen Tonnen auf 12,9 Millionen Tonnen schrumpfen, womit der niedrigste Stand seit drei Jahren erreicht würde.

Chinesische Weizenreserven kaum mobilisierbar

Die weltweiten Überhänge beim Weizen sieht der Getreiderat am Ende der Saison 2010/11 bei 184 Millionen Tonnen. Ins laufende Wirtschaftsjahr ist man den neuen IGC-Statistiken zufolge mit 197 Millionen Tonnen gestartet. Grund für den Bestandsabbau ist das auf Welt-Ebene nicht bedarfsdeckende Angebot. Ein Jahresverbrauch von voraussichtlich 657 Millionen Tonnen Weizen kann nicht vollständig aus der laufenden Produktion bedient werden. Der IGC hat seine Mengenschätzung gegenüber Juli um sechs Millionen Tonnen auf 644,2 Millionen Tonnen revidiert und liegt damit unter der Prognose des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums, wo man das Angebot für 2010/11 aktuell auf 645,7 Millionen Tonnen veranschlagt.

Rein statistisch bleibt der globale Weizenmarkt damit zwar mehr als komfortabel versorgt. Jedoch sind die Reserven regional sehr unterschiedlich verteilt. Allein ein Drittel der Bestände lagert in chinesischen Silos und ist damit kaum für den Weltmarkt mobilisierbar. In den USA sollen die Bestände trotz eines auf Hochtouren laufenden Exports nur um 1,6 Millionen Tonnen auf 25,9 Millionen Tonnen schrumpfen. Der Grund: Aus der bombigen Ernte 2010 erwartet der IGC Zugänge von 61,3 Millionen Tonnen Weizen, so dass in den Staaten absehbar keine Knappheit zu erwarten ist.

Dünne Rohstoffdecke in Russland

Deutlich enger ist die Weizenbilanz in Russland, wo die schlimmste Dürre seit 100 Jahren für große Ertragsausfälle gesorgt hat. Der IGC taxiert die russische Weizenernte inzwischen auf nur noch 44 Millionen Tonnen. Trotzdem soll der Verbrauch an Futtergetreide - darunter ist in Russland traditionell ein hoher Anteil Weizen - 2010/11 gegenüber dem Vorjahr um vier Millionen Tonnen auf 41 Millionen Tonnen steigen. Beim IGC begründet man diese auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung damit, dass man in Moskau alles daran setzen wird, die Abhängigkeit von Fleischimporten nicht noch größer werden zu lassen und deshalb Futtergetreide zukaufen. Gerüchte, Russland sei 2010/11 auf Getreideimporte von fünf Millionen Tonnen angewiesen, hat die Regierung zwar umgehend dementiert. Anders wird sich die Futterversorgung bis zur neuen Ernte aber kaum gewährleisten lassen.

Ob mit oder ohne Auslandszukäufen: Auf jeden Fall müssen die russischen Weizenreserven angegriffen werden. Laut IGC sollen die Bestände 2010/11 um zwei Drittel auf 4,1 Millionen Tonnen schrumpfen. Die Überhänge lägen damit auf einem Vierjahrestief, weshalb Russland 2011 dringend auf eine gute Weizenernte angewiesen ist. Auch deshalb wird die anstehende Herbstaussaat von Marktanalysten mit Argusaugen verfolgt. In den letzten Wochen hat es ergiebig geregnet, so dass zumindest die Wasserreserven der Böden wieder aufgefüllt wurden. (AgE)

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