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Mäuseplage

Feldmäuse im Acker: Verhütungsmittel und Gift bei Massenvermehrungen

Eine Feldmaus, lateinischer Name Microtus arvalis) auf einem Bodenstück
am Samstag, 05.11.2022 - 06:30 (Jetzt kommentieren)

Auch dieses Jahr richten Feldmäuse erhebliche Schäden auf Acker- und Grünland an. Die Populationen bauen sich in Wellen auf. Mit nur einem Wirkstoff und unzulänglichen Ausbringtechniken bleibt die Gegenwehr schwierig. Erprobt werden jetzt Verhütungsmittel.

Feldmäuse haben sich auf Acker und Grünland zu einer der größeren Bedrohungen der zurückliegenden Jahren entwickelt. Bei explosionsartigen Massenvermehrung fressen sie Raps, Rüben, Getreide oder Wiesen und Weiden kahl. Davon wissen Betroffene ein Lied zu singen, etwa in Klein Oschersleben bei Magdeburg.

Wie hoch sind die Schäden durch Feldmäuse bei Massenvermehrung?

Allein in Sachsen-Anhalt waren 2020 über 100.000 Hektar Acker- und Grünland durch Feldmäuse stark geschädigt. Auch dieses Jahr haben die Schadnager erhebliche Ausfälle verursacht. Die Population baut sich bei Massenvermehrung meist in Wellen von drei bis vier Jahren explosionsartig auf. Die genauen Hintergründe dafür sind noch unklar.

Möglich sind dann bis zu 10.000 Tiere pro Hekar. Bundesweit liegen die Schäden bei geschätzt rund 100 bis 120 Mio Euro. Zugleich ist die Kontrolle der Schädlinge sehr schwierig. Für die Landwirte sind immer weniger Mittel verfügbar, um die Schadnager zu bekämpfen. Und die Liste der Auflagen zum Ausbringen der Giftköder ist lang. Im Test sind auch Verhütungsmittel.

Warum fürchten Betroffene abgefressene Äcker bis zum Totalausfall?

Das Problem beschäftigt zum Beispiel den Bauernverband Sachsen-Anhalt und den Industrieverband Agrar (IVA). Bei der Landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft GbR Groß Germersleben zeigt der Betriebsleiter, wie heftig die Schäden sind.

Betriebsleiter Sven Borchert, zugleich Vizepräsident des Bauernverbands Sachsen-Anhalt, sagt: „Nach der letzten Massenvermehrung von Feldmäusen baut sich die Population aktuell wieder auf. Wenn wir unsere Bestände nicht schützen dürfen, wird es wieder zu Totalausfällen kommen.“

Welche Möglichkeiten zur chemischen Bekämpfung von Feldmäusen gibt es?

Eine chemische Bekämpfung ist nur mit Präparaten auf Basis des Wirkstoffs Zinkphosphid erlaubt. Andere Wirkstoffe sind nicht zugelassen. Die Erstbehandlung erfolgt in aller Regel vom Rand aus. Das beginnt mit dem Auslegen von Ködern.

Warum haben Rodentizide so viele Auflagen und Einsatzbeschränkungen?

Zinkphosphid-haltige Rodentizide haben jedoch viele Beschränkungen beim Einsatz. Die zahlreichen Auflagen erteilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Sie erschweren den praktischen Einsatz bei Massenvermehrungen enorm.

So muss die Anwendung des Gifts verdeckt sein, etwa mit der Legeflinte in die Löcher der Nagetiere oder über den Einsatz geeignete Köderboxen. Grund ist die erhebliche Gefahr der Vergiftung für andere Tiere, besonders für Raubvögel, aber auch Schlangen oder andere Säugetiere. Zudem wird der Wirkstoff bei Regen abgebaut und gast aus.

Wann dürfen Rodentizide überhaupt eingesetzt werden?

Anders als bei der Bekämpfung von Unkräutern oder Krankheiten mit Herbiziden oder Fungiziden mangelt es bei den Strategien gegen Feldmäuse an zugelassener Technik zum Ausbringen der Köder.

Der Einsatz von Rodentiziden ist überdies nur erlaubt, wenn die Notwendigkeit einer Bekämpfung durch Probefänge oder ein anderes Prognoseverfahren bewiesen ist. Geeignet ist dazu zum Beispiel die Lochtretmethode.

Wie lassen sich Feldmäuse biologisch bekämpfen?

In Natur- und vielen anderen Schutzgebieten besteht ein Verbot aller Mittel mit dem Wirkstoff Zinkphosphid. Als biologische Bekämpfung sind verstärkt natürliche Feinde wie Greifvögel, Eulen, Wiesel, Marder und andere zu fördern, etwa mit Sitzkrücken auf Bracheflächen oder an Feldrainen.

Getestet werden auch Naturstoffe, die quasi wie Verhütungsmittel funktionieren sollen. Wenn die Schadnager sich explosionsartig vermehren, schaffen sie bei nur rund drei Wochen Tragezeit bis zu 2.000 Nachkommen von Frühjahr bis Herbst. Dagegen kommen natürliche Räuber nicht an. Auch an einem Prognosemodell für Massenvermehrungen von Feldmäusen wird gearbeitet.

Warum reicht nur ein Wirkstoff gegen Feldmäuse nicht aus?

Sven Borchert sagt: „Die Politiker müssen praxisnahe Entscheidungen treffen, damit wir nicht im kommenden Jahr vor abgefressenen Feldern stehen.“ Mehr Wirkstoffe, Mittel und Ausbringtechniken seien nötig. Darauf seien die Anbauer angewiesen, um wirtschaftliche Schäden abzuwenden.

Mit Zinkphosphid gibt es in Europa aktuell nur noch einen genehmigten Wirkstoff zur Kontrolle von Feldmäusen. „Vor zehn Jahren waren es noch acht“, sagt Frank Gemmer, IVA-Geschäftsführer. „Wo Mittel in großer Zahl wegfallen, wird es für Landwirte immer schwieriger, ihre Kulturpflanzen zu schützen und günstige Nahrungsmittel zu produzieren.“

Feldmäuse: Schadbilder und Bekämpfung

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