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Interview

Getreide-Vermehrer Lauenstein: "Nur erstklassiges Saatgut lohnt sich"

Der stellvertretende Vorsitzende Arnd Lauenstein der Saatguterzeuger steht in einem Weizenfeld
am Mittwoch, 09.09.2020 - 06:00 (Jetzt kommentieren)

Der Zuchtfortschritt käme nicht auf den Acker, würden keine neuen Sorten vermehrt. Arnd-Kristian Lauenstein aus Hohenhameln, Kreis Peine, ist einer von etwa 3.500 Vermehrern in Deutschland. Er trägt das Absatzrisiko und braucht höhere Zuschläge für den Zusatzaufwand und die Aufbereitung von Z-Saatgut.

Herr Lauenstein, wie sind Sie mit Ertrag und Qualität des vermehrten Weizens 2020 zufrieden?

Die Erträge sind mit 95 bis 105 dt/ha recht ordentlich. Und auch die Qualität stimmt, besonders das Tausendkorngewicht (TKG). Aber die stressige Zeit geht mit dem Vertrieb der Ware weiter. 18-Stunden-Tage sind da nicht selten. Wir müssen aufbereiten, abpacken, kommissionieren. Das alles geht in wenigen Wochen über die Bühne. Je nach Bestellung wird gebeizt und zum Versand verpackt.

Wann wird das meiste Saatgut geordert?

Das Gros wird ab Mitte September geordert. Die meisten Bestellungen laufen in den folgenden 4 bis 6 Wochen auf. Wir haben also nur wenig Zeit, die Ware in den Markt zu bringen. Aber es gibt auch Berufskollegen, die noch die letzte Meldung der Sortenprüfergebnisse abwarten. Das macht unsere Arbeit nicht gerade leichter.

Warum nicht?

Frühe Order würde alles besser planbar machen. Wir kämen ruhiger durch die Saison, Logistikkosten würden gespart. Was bei Mais und Rüben geht, müsste auch bei Getreide möglich sein. Ich appelliere an die Kunden, sich rechtzeitig Gedanken über die Sortenfavoriten zu machen und dann früh zumindest den Großteil des Saatguts zu bestellen.

Konzentration auf eine Fruchtart: So geht Vermehrung und Aufbereitung

Lauenstein-Getreide-Vermehrung

Sie vermehren ausschließlich Weizen: Sind andere Kulturarten nicht interessant?

Früher haben wir auch Raps und Gerste vermehrt. Allerdings sind die Reinigungsarbeiten beim Wechsel sehr aufwändig. Da wir auch hohe Stufen an Basissaatgut erzeugen, fördert die Konzentration auf eine Fruchtart im Feld wie in der Aufbereitungsanlage die Qualität des Saatguts.

Wie viele Sorten bauen Sie an?

Wir bauen 9 Sorten an, 7 gehören zu den aktuellen Topsorten. Davon laufen jeweils 3 in einer Regie, sind im Anbau also identisch. Insgesamt verarbeiten wir die Ernte von 85 ha.

Was genau passiert bei der Aufbereitung?

Die Annahmeleistung unserer Anlage beträgt 20 t/h. Um Verzögerungen zu vermeiden, haben wir sie auf unseren Drescher abgestimmt. So können wir Ernten, Aufbereiten und Einlagern in einem Zug. Bei der Annahme werden gleich das erste Mal Staub und Verunreinigungen abgesaugt. Das wird bei allen folgenden Arbeitsschritten auch gemacht. Zudem reinigen wir immer wieder alle Elevatoren. Jeder Übergabepunkt wird kontrolliert und bei Sortenwechsel gesäubert.

Was ist mit Bruchkorn und Besatz?

In der Reinigung entfernen wir mit Sieben Besatz, Bruchkorn und Spelzen und sortieren gleichzeitig die Körner nach Größen. Alles unter 2,5 mm– in ertragsschwachen Jahren auch mal 2,2 mm – geht als Absaat ins Futtergetreide. Ein Rundkorntrieur entfernt Unkrautsamen, etwa von Wicke und Klette.

Von der Weizenernte zum Z-Saatgut: So funktioniert die Anerkennung

Was macht die so aufbereitete Getreidesaat zum Z-Saatgut?

Nach der Feldanerkennung werden Proben unserer aufbereiteten Ware amtlich untersucht. Die Proben können mein Vater und ich als vereidigte Probenehmer selbst ziehen. Sie werden mit einem Etikett versehen, das neben einer Nummer auch einen QR-Code hat. So lassen sich spätere Saatgutpartien bei Reklamationen bis auf die Anbauparzelle zurückverfolgen. Zusätzlich ziehen amtliche Anerkenner Kontrollproben.

Was passiert damit?

Die Proben gehen an ein amtliches Labor, bei uns die LUFA Nord-West Hameln. Dort wird die Beschaffenheit geprüft, technische Reinheit, Besatz, Keimfähigkeit, TKG und Gesundheit. Meist liegt nach etwa einer Woche das Ergebnis vor. Im positiven Fall ist das der Anerkennungsbescheid, der Ritterschlag zum Z-Saatgut. Erst wenn der vorliegt, können wir das Saatgut mit dem gewünschten Mittel beizen und über die VO-Firma in Verkehr bringen.

Made to order: Gebeizt und abgepackt wird immer erst nach Bestellung

Woher wissen Sie, welche Mengen Sie für den Vertrieb vorbereiten müssen?

Die VO-Firmen sprechen das mit den Züchtern ab. Wir bereiten die Ware vor. Gebeizt und abgepackt wird aber immer erst nach Bestellung. Unser Saatgut ist also immer ‚made to order‘, individuell zusammengestellt nach Sorte, Menge und Gebinde: 50-kg-Sack, Bigbag oder lose Ware. So etwa 6 Wochen vor der Weizensaat geht's los. Wir sind auf jeden Fall ab Anfang September lieferbereit. Bei späten Ernten kann das Zeitfenster aber auch enger werden.

Versenden Sie selbst das Z-Saatgut?

Die kommissionierte Ware wird meist vom Hof abgeholt und zum Händler oder Käufer gebracht – aus der Region, für die Region. Das spart lange Transportwege. Die VO-Firma bekommt den Lieferschein, bei uns noch in Papierform, zum Teil digital. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Unsere interne Auftragsverwaltung ist datenbankbasiert und über WLAN bis an die Abpackstation synchronisiert. Wir als kleiner Betrieb können so flexibel reagieren. Wir arbeiten auf Zuruf und bei Bedarf auch mal nachts ...

... wobei die Saatguterzeugung ja nicht erst mit der Ernte startet. Was passiert vorher?

Wo wollen wir anfangen? Am besten bei der Sortenwahl. Die sprechen wir früh mit Züchtern und VO-Firmen ab. Ausschlaggebend ist natürlich, was nachfragt wird. Aktuell ist es vor dem Hintergrund der Düngerverordnung die Stickstoffausnutzung der Sorten. In anderen Jahren war es etwa die Winterhärte.

Was ist mit Neuzüchtungen?

Bei den Sorten schielt man natürlich auch auf neue Kandidaten aus der Wertprüfung des Bundessortenamts und auf die Versuche der Offizialberatung. Es ist eine große Herausforderung, neue Sorten zu entdecken, die in den kommenden Jahren am Markt gefragt sein werden. Und das Spannende: Durch den Austausch mit Handel und Züchtern sehen wir Vermehrer neue Sorten vielleicht etwas eher als andere.

9 Fakten zur Getreidezüchtung

N-effiziente Weizensorten gefragt: Das sind die Unterschiede zu Konsumware

Wie legen Sie die Aussaatflächen fest?

Das passiert auch in Absprache mit Züchtern und VO-Firmen. Stoppelweizen wird bei uns nur dann produziert, wenn es sich vorher um die gleiche Sorte handelte. Sonst steht Vermehrungsgetreide immer nach einer Blattfrucht. Dabei gilt: Alle Prozesse werden akribisch dokumentiert. So werden zum Beispiel bei der Saat von Vorstufen- oder Basispartien Zeit und Ort dokumentiert, eine Rückstellprobe gezogen und alles mit dem Etikett des Saatgutsacks versehen.

Gibt es große Unterschiede in der Bestandsführung gegenüber Konsumweizen?

Ja und nein. Bei der Düngung sind die Unterschiede eher gering. Proteingehalt ist für die Saatgutqualität zu vernachlässigen, vernünftige TKGs  nicht. Beim Pflanzenschutz bin ich penibel, was Unkräuter und Pilzkrankheiten angeht, besonders Fusarien. Das sind Risikofaktoren, die eine Anerkennung gefährden. So sind etwa Hederich, Klette und Flughafer k.-o.-Kriterien bei der Feldbeschau. Zwar arbeite ich nach Schadschwellen, im Zweifel nehme ich aber das wirksamere Mittel. Und wir gehen regelmäßig – mindestens einmal –durch die Bestände, um Unkräuter, aber auch Überlängen sowie Fremdgetreide von Hand zu beseitigen. Hier müssen wir ganz genau hinsehen ...

... damit bei der Feldbesichtigung nichts schief geht?

Genau, wir wollen ja nicht, dass bei der Kontrolle etwas gefunden wird und ein Bestand keine Anerkennung erhält. Für die Basis- und Vorstufen-Vermehrung kommt der Kontrolleur zweimal, für Z-Saatgut einmal. Dann sollen sich die Getreidefelder von ihrer besten Seite zeigen. Das unterstützen wir mit allem, was wir tun können. Dazu gehört es zum Beispiel auch, dass die geforderte 40 cm breite Gasse, die zwei Sorten voneinander trennen muss, freigemäht ist.

Feldbesichtigung und Anerkennung: Das passiert bei Beanstandungen

z-saatgut-sack

Sind die Anerkenner da streng?

Vor der Arbeit der Saatenanerkenner habe ich Respekt. Sie sehen bei der Feldbesichtigung so viele Details wie wir, die sich fast täglich mit dem Bestand befassen. Sie erkennen andere Weizentypen, die etwa eine andere Ährenform haben oder andere Reifeverläufe. Bei der Kontrolle nach vorheriger Terminabsprache gehen die Anerkenner an mehreren beliebigen Stellen 83 Schritte auf einer Auszählung in den Bestand. Dabei wird links und rechts auf Armlänge akribisch genau überprüft, ob alle Kriterien bei Fremdbesatz und Gesundheit eingehalten werden. Das entspricht 150 m2. Die Zahl der Auszählungen richtet sich nach der Größe des Felds. Mindestens sind es aber 5 pro Vermehrungsfläche.

Wurden bei Ihnen auch schon Flächen beanstandet?

Fehler können passieren, und ganz besonders dann, wenn man mit der Natur arbeitet. Sie ist nun mal nicht statisch und nicht sicher vorhersehbar. Es kann in einer vorgelagerten Anlage durch technische Pannen zu Vermischungen kommen, selbst wenn alles sauber voneinander getrennt ist. Wer Z-Saatgut nutzt, ist meist auf der sicheren Seite. Er hat, anders als bei eigenem Nachbau, grundsätzlich die Möglichkeit, fehlerhafte Ware zu reklamieren.

Nennen Sie ein Beispiel für fehlerhafte Ware?

Vor Jahren hatten wir einmal das Problem, dass das bezogene Basissaatgut einen unzulässigen Besatz mit Triticalesamen hatte. Trotz umfangreicher Reinigung wurden zur ersten Besichtigung doch einige unterständige Ähren übersehen. So kam es zur Aberkennung. Wir hatten dann, nachdem wir den Fehler abgestellt und das Feld von Hand erneut abgesammelt hatten, einen Antrag auf Wiederbesichtigung gestellt. Die Kosten für die erneute Anerkennung hätten wir normalerweise selbst tragen müssen. Wir konnten uns aber mit dem Züchterhaus einigen. Bei endgültiger Aberkennung hätten wir die Ernte nur als Konsumgetreide vermarkten können.

Hoher Mehraufwand: Vermehrer und Aufbereiter tragen das Absatzrisiko

Rechnet sich der Mehraufwand also? Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit aus?

Eines vorweg: Ohne inneren Antrieb, hervorragendes Saatgut erzeugen zu wollen, und den Spaß an dieser Arbeit geht es nicht. Der Aufwand, den wir auf dem Feld, bei Lagerung, Aufbereitung und im Büro für die Dokumentation leisten, ist groß. Und die Auflagen nehmen immer weiter zu. Das bedeutet Mehrarbeit und immer größere finanzielle Vorleistungen. Gerade für kleine Firmen, die meines Erachtens das Rückgrat der Vermehrung sind, ist das immer schwieriger zu händeln und finanziell zu stemmen.

Wie verdienen Sie denn Geld mit Ihrer Arbeit?

Derzeit sieht es in etwa so aus: Auf der Kostenseite stehen das im Vergleich zur Z-Saat etwa doppelt so teure Vorstufen- oder Basis-Saatgut, der zusätzliche Aufwand für die intensiven Reinigungsgänge in Drescher und Anlage, ein Reinigungsabzug von etwa 10 bis 20 Prozent, der als Futtergetreide verkauft wird, und der intensivere Pflanzenschutz. Dazu kommt noch das Absatzrisiko bei uns Selbstaufbereitern. Vergüten sollen das alles die Vermehrer- und Aufbereitungsaufschläge.

Folgen die Aufschläge den steigenden Kosten?

Nein, seit geraumer Zeit tun sie das nicht mehr. Vielmehr sind sie seit vielen Jahren konstant. Hier tut sich kaum etwas. So besteht ein zunehmender Anpassungsdruck, die Leistungen der Vermehrer ausreichend zu honorieren. Sonst sehe ich die Zukunft der Saatgutvermehrung als stark gefährdet an.

Was kostet am meisten Zeit und Geld?

Der hohe Dokumentationsaufwand, der zur praktischen Arbeit hinzukommt. Die Saatgut-Treuhand-Verwaltung (STV) und die Saatgutverkehrskontrolle überwachen ihn. Und alle 3 Jahre ist ein Audit im Qualitätssicherungssystem (QSS) für Z-Saatgut nötig. Der Blick von außen ist sicher gut gegen Betriebsblindheit. Aber das alles kostet viel Zeit und Geld.

Was ist Ihr ganz persönliches Ziel bei der Saatgutvermehrung?

Das Ziel eines jeden Vermehrers ist das perfekte Saatgut. Das ist auch mein Antrieb: Ich will erstklassiges Saatgut erzeugen, sauber, frei von anderen Pflanzenarten, sortenrein und von höchster technischer Reinheit. Die Rückmeldungen auf unsere Arbeit sind auf jeden Fall positiv. Wenn Berufskollegen die Qualität unseres Saatguts loben, fühle ich mich bestätigt. Und ich habe den Anspruch, jedes Jahr die hohe Qualität zu halten oder noch weiter zu steigern.

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