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Getreide

Getreideernte: Erträge bis zu 30 Prozent unter Vorjahresniveau

von , am
02.08.2010

Bukarest - In Rumänien könnte die Getreideernte in diesem Jahr um mindestens 30 Prozent kleiner ausfallen als 2009. Unwetter haben der Landwirtschaft schweren Schaden zugefügt.

© Christian Mühlhausen/landpix.de

Marktforschungsinstitute sowie landwirtschaftliche Fach- und Berufsverbände des Landes gehen derzeit übereinstimmend von diesen niedrigen Erträgen aus. Der Grund für die pessimistische Schätzung sind die anhaltend starken Regenfälle sowie die heftigen Stürme und großflächigen Überschwemmungen, die in den letzten Wochen schwere Schäden in der rumänischen Landwirtschaft angerichtet hatten.

Totalausfälle: Hunderte Hektar komplett unter Wasser

In einigen Regionen standen viele hundert Hektar Ackerfläche längere Zeit komplett unter Wasser, so dass dort mit Totalausfällen zu rechnen ist. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Landwirte mit 14,9 Millionen Tonnen Getreide eine Erntemenge eingefahren, die 11,2 Prozent unter dem Ergebnis von 2008 lag.

Witterungsschäden: Landwirte zweifeln amtliche Angaben an

Nach einer vorläufigen Bilanz des Landwirtschaftsministeriums wurden durch die schlechten Wetterverhältnisse bis Mitte Juli insgesamt

  • 62.000 Hektar Ackerfläche,
  • 31.000 Hektar Weiden und Wiesen sowie mehr als
  • 6.000 Hektar Forstflächen

zerstört. Die Landwirte bezweifeln allerdings die amtlichen Angaben und vermuten, dass die tatsächlichen Witterungsschäden viel größer sind. Das geerntete Getreide kann in vielen Fällen nur noch als Viehfutter verwendet werden.

Bauernverbandspräsident: Erntemenge 'gerade noch das Limit'

Der Präsident des rumänischen Bauernverbandes, Viorel Matei, sprach bereits von einer Weizenernte "so schlecht wie schon lange nicht mehr". Bei Durchschnittserträgen von voraussichtlich 20 dt/ha sei auf der 1,7 Millionen Hektar großen Weizenfläche bestenfalls mit einer Erntemenge von 3,4 Millionen Tonnen zu rechnen. Dies sei "gerade noch das Limit", weil insgesamt 2,6 Millionen Tonnen Weizen für die menschliche Ernährung und etwa 800.000 Tonnen als Saatgut benötigt würden.

Landwirtschaftliche Fachverbände bezweifeln Agrarressort-Angaben

Die offizielle Statistik gibt die letztjährige Weizenproduktion mit 5,2 Millionen Tonnen an. Landwirtschaftliche Fachverbände bezweifeln allerdings die Angaben des Agrarressorts und sprechen von maximal vier Millionen Tonnen, nachdem 2008 ein Rekordergebnis von 7,5 Millionen Tonnen erzielt worden war.

Landwirte: Nur noch die Hälfte haben Ernte versichern lassen

Vom Landwirtschaftsministerium können die Bauern so gut wie keine finanzielle Hilfe für die eingetretenen Schäden erwarten, die nach Schätzung von Finanzexperten "einige Hundert Millionen Euro" betragen. Laut Darstellung von Verbandspräsident Matei hat im Vergleich zum Vorjahr nur noch die Hälfte der Landwirte ihre Ernte versichern lassen, weil beispielsweise Dürreschäden von den Versicherungsgesellschaften nicht mehr als Naturkatastrophe gewertet werden und die Landwirte dementsprechend keine Entschädigung erhalten.

Landwirtschaftsminister: Geld reicht gerade noch für Agrardieselsubventionen

Erst kürzlich hatte Landwirtschaftsminister Mihail Dumitru mit Blick auf die leeren Kassen seines Ressorts erklärt, das Geld reiche gerade noch für die Agrardieselsubventionen. Von den etwas mehr als zwei Milliarden Euro seines Ministeriums seien bereits 1,9 Milliarden Euro für die Erstattung überfälliger Agrarsubventionen für das Jahr 2009 sowie sonstiger Rückstände verwendet worden.

Presse: Bukarest will 150 Millionen Euro aus EU-Hilfsfonds

Nach Presseangaben versucht die Bukarester Regierung derzeit, 150 Millionen Euro aus EU-Hilfsfonds zu erhalten. Mitte Juli hatte EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa, die für internationale Zusammenarbeit, humanitäre Hilfe und Krisenmanagement zuständig ist, eine Hochwasserregion in Ostrumänien inspiziert und der Regierung eine Unterstützung in Höhe von 75 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

Schwierige Lage: Erntedesaster, Mehrwertsteuererhöhung, Agrarsubventionen

Das "Erntedesaster" in Rumänien fällt mit mehreren anderen wirtschaftlich relevanten Ereignissen zusammen. Dazu zählt beispielsweise die Erhöhung der Mehrwertsteuer ab dem 1. Juli von 19 auf 24 Prozent. Außerdem sind für eine Reihe bislang geförderter Projekte die Agrarsubventionen ausgelaufen. Hinzu kommen Gehaltskürzungen um 25 Prozent für verschiedene Berufsgruppen. Ferner erwarten Fachleute, dass die Lebensmittelpreise in Rumänien in der zweiten Jahreshälfte kräftig steigen werden. Der Einzelhandel hat bereits im Juli als Folge der Mehrwertsteuererhöhung rund zehn Prozent weniger Lebensmittel abgesetzt als üblich. Die Händler rechnen nun in diesem Segment längerfristig mit einem Absatzrückgang um 15 bis 20 Prozent.

Agrostar: Preissteigerung für Agrarrohstoffe von bis zu acht Prozent denkbar

Eine Studie hat ergeben, dass fast 70 Prozent aller Einzelhändler in Rumänien ihre Preise mindestens um den gestiegenen Mehrwertsteuersatz erhöhen wollen; Branchenexperten rechnen sogar mit einem noch höheren Aufschlag. Sollte in diesem Jahr die Ernte schlecht ausfallen, so könnte es nach Einschätzung des Vorsitzenden der Landwirtschaftsgewerkschaft Agrostar, Niculae Stefan, zu einer Verteuerung der Agrarrohstoffe um durchschnittlich bis zu acht Prozentpunkte kommen.

IWF greift ein

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält für das laufende Jahr angesichts der gestiegenen Mehrwertsteuer eine Verdopplung der von Bukarest geschätzten Inflationsrate von 3,5 Prozent auf knapp acht Prozent für möglich. Der IWF hatte Anfang Juli die fünfte Kreditrate für Rumänien in Höhe von 913 Millionen Euro freigegeben. Mit Teilbeträgen will die rumänische Nationalbank unter anderem den Wechselkurs der Landeswährung stützen, der durch die Mehrwertsteuererhöhung in Gefahr geraten ist. (AgE)

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