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Spezialitäten

Heimischer Durum und Dinkel: Weizenpreis plus viel Luft nach oben

Hartweizen-Durum
am Freitag, 03.07.2020 - 09:39 (Jetzt kommentieren)

Bäcker und Nudelhersteller interessieren sich wieder stärker für regionale Getreidespezialitäten. Attraktive Zuschläge gibt es bei passender Qualität. Aber die ist längst nicht immer zu erreichen.

Während Hartweizen trockene und warme Abreifebedingungen braucht, kommt Spelzweizen im Vergleich zu Winterweichweizen mit weniger Stickstoff aus. Beide Getreidearten vertragen Dürre besser. Vor dem Einstieg muss die Vermarktung aber vertraglich geregelt sein.

Sicher ist: Der Trend nach mehr Regionalität gilt bundesweit: Wer auf den Zug Durum oder Dinkel aufspringt, den erwarten vergleichsweise attraktive Deckungsbeiträge, sagt Martin Munz von der Saaten-Union. „Sie bringen schnell 5 bis 10 Euro/dt mehr als bei Winterweizen.“

Die Durummühlen in Deutschland verarbeiten jährlich rund 300.000 bis 400.000 t Hartweizen. Produziert wurden 2019 hierzulande aber gerade mal gut 154.000 t. Da ist noch Luft nach oben.

Durum alias Hartweizen: Das ist bei der Anbauentscheidung wichtig

M.Munz-Saaten-Union

Bei der Anbauentscheidung sind nach vieljährigen Erfahrungen von Verkaufsberater Martin Munz diese Kriterien wichtig:

  • Hartweizen braucht recht gute Böden, entsprechend solche wie Weichweizen.
  • Sommertrockene Lagen sind zu bevorzugen. Das kann in Zeiten des Klimawandels ein Vorteil sein.
  • Zwar liegen die Durchschnittserträge mit etwa 55 dt/ha niedriger als bei Weichweizen. Aber die erzielbaren Erzeugerpreise liegen um 5 bis 10 Euro/dt höher - vorausgesetzt, die geforderten Qualitäten und die aktuelle Marktlage passen.
  • Durum steht in der Fruchtfolge nach Blattfrüchten. Wegen Fusariengefahr darf er nicht auf Mais folgen.
  • Der N-Bedarfswert liegt bei 200 kg/ha, wenn 55 dt/ha und 15 Prozent Rohprotein das Ziel sind.
  • Allerdings ist das Erntefenster für optimale Nudelqualitäten mit zwei bis drei Tagen sehr eng.

Nur eine Winterung bei Durum alias Hartweizen bei uns eingetragen

Hartweizen ist traditionell ein Sommergetreide. Als „Nudeläquator“ gilt der Main. Die Anbaufläche betrug 2019 gut 32.000 ha, vor allem in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. Lange beschränkte sich der Anbau auf Weinbaulagen. Für nördlich-kühlere Regionen werden aber auch frostharte Wintersorten gezüchtet. Die aktuelle Liste des Bundessortenamtes führt 12 Sommer- und vier Wintersorten.

Inzwischen rückt der Anbau nach Norden. Wichtig sind dann hohe Winterhärte, Standfestigkeit und gute Qualität mit hoher Glasigkeit und geringer Neigung zu Dunkelfleckigkeit. Bei der Winterform sind die Ertragsschwankungen laut Züchter geringer. Auch bringe eine frühere Abreife leichtere Erntebedingungen.

Der Durchschnittsertrag lag 20019 im Westen bei 53,5 dt/ha und im Osten bei 49,5 dt/ha. „Im Gegensatz zum klassischen Weizen treffen wir bei Hartweizen aber auf einen aufnahmefähigen Markt“, so der Verkaufsberater aus Reutlingen. 2020 wird Durum auf 775 ha vermehrt, ebenso wie 2019. Zum Vergleich: Die angemeldeten Vermehrungsflächen bei Winterweichweizen liegen aktuell bei rund 47.880 ha, die von Spelzweizen bei gut 3.480 ha.

Der Züchter Saaten-Union bietet die einzige bei uns eingetragene Winterdurumsorte Wintergold an. Vermehrt werden auch die EU-Sorten Sambadur und Diadur. Fünf Stämme der Südwestsaat (SWS) stehen derzeit in der Sortenprüfung. Neu zugelassen hat das Bundessortenamt dieses Jahr zudem die Sommerhartweizensorte Makrodur.

Spelzweizen alias Dinkel: Die Anbaubedeutung wächst auch hier

Spelzweizen-Dinkelähre

„Jeder Weizenanbauer kann im Prinzip auch Dinkel“, sagt Munz. Auch bei dieser Getreideart wächst die Anbaufläche. In Bayern lag sie 2019 bei 31.200 ha. 2018 waren es noch rund 25.300 ha. In Baden-Württemberg stand Spelzweizen 2019 auf knapp 21.700 ha, im Vorjahr auf 19.600 ha. Wurden 2015/16 nur etwa 90.000 t Mahlerzeugnisse hergestellt, waren es 2018/19 schon rund 170.000 t.

Die Spelzen sind aber vom Volumen bei Saat und Ernte nicht zu unterschätzen. Vorteile bei der Aussaat bietet entspelztes Saatgut. Das senkt das Volumen von 450 auf 150 l/ha und wird in Einheiten von 50.000 oder im BigBag von 1,25 Mio. keimfähigen Körner angeboten.

Saatgut ohne Spelzen sorge dafür, dass die doppelten Vesen die Drilltechnik nicht verstopfen und sich keine Brücken bilden. Auch sei der Wasserbedarf zur Keimung niedriger. Optimale Beize müsse zudem gegen Zwergsteinbrand wirken. Dinkel benötige weniger Düngung und Pflanzenschutz.

Das zählt bei der Entscheidung für Dinkel alias Spelzweizen

Bundesweit wird auf rund 80.000 ha Dinkel angebaut. Diese fünf Punkte sprechen aus Sicht der Züchter für die Nische:

  • Dinkel ist als Winterspelz sehr robust und kältetolerant.
  • Die Bodenansprüche sind geringer als bei Weizen. Sie entsprechen etwa denen von Roggen.
  • Erträge von bis zu 70 dt/ha können sich sehen lassen.
  • Erzielbare Erzeugerpreise liegen je nach Marktlage im mehrjährigen Mittel bis etwa 25 Prozent über Weizen.
  • In der Fruchtfolge sind die Vorfrüchte Raps, Mais, Rüben oder Leguminosen geeignet.
  • Dinkel benötigt in der Regel geringere Düngeintensitäten als Weizen. Der N-Bedarfswert beträgt 190 kg N/ha bei 80 dt/ha Ertrag.

Mehr Spelzweizen: Diese Dinkelsorten sind verfügbar

Dieses Jahr wurde die Vermehrung von Spelzweizen kräftig erweitert, im Vergleich zu 2019 um 1.458 ha. Wichtigste Vermehrungsregionen sind Baden-Württemberg und Bayern. Hauptsorten in der Vermehrung sind aktuell die Sorten Zollernspelz, Albertino, Zollernperle und Franckenkorn.

Neu zugelassen wurden 2020 die Winterdinkelsorten Alarich von Alter Seeds, Badenjuwel von ZG Raiffeisen und Zollernfit von Saaten-Union. An den Vermehrungsflächen haben die Züchter laut Manfred Munz 2020 folgende Anteile:

  • 41 Prozent Saaten-Union,
  • 24 Prozent IG Pflanzenzucht,
  • 17 Prozent Alter-Seeds,
  • 7 Prozent ZG Raiffeisen,
  • 4 Prozent Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk), Schweiz,
  • 3 Prozent Saaten Zenrum Schöndorf (SZS).

Regionale Ware: Vor dem Anbau die Vermarktung vertraglich absichern

Nudelproduktion-Alb-Gold

Vor dem Anbau von Durum oder Dinkel muss die Vermarktung klar abgesichert sein. Akzeptable Anbauverträge gab es erst 2015, danach waren die Preise vielfach wieder zusammengebrochen. Derzeit wird Saatgut stark nachgefragt, sagt Manfred Munz. Um die Erzeugung der Nachfrage anzupassen, empfiehlt es sich, den Anbau für die Ernte 2021 mit dem Erfassungshandel beziehungsweise den Verarbeitern vertraglich abzusichern.

Ein wichtiger Verarbeiter ist die Alb-Gold Teigwaren GmbH auf der Schwäbischen Alb. Sie bietet Anbauverträge und hat derzeit etwa 100 Anbauer mit rund 1.600 ha unter Vertrag. Sie liefern bei 55 dt/ha Ertrag rund 8.600 t. Hartweizen. „Ziel ist es langfristig, den gesamten Rohstoffbedarf aus inländischer Produktion zu decken“, sagt Marketingleiter Matthias Klumpp.

Rund 140 t Trocken- und gekühlte Frischteigwaren erzeugt der Nudelhersteller täglich. Etwa 290 Mitarbeiter des Unternehmens aus Trochtelfingen, zu dem seit 1993 auch die Teigwaren Riesa in Sachsen gehört, machen etwa 60 Mio. Euro Umsatz im Jahr.

Die Anbauberatung macht der Landhandel vor Ort. Dabei ist Transparenz vom Saatgut bis zum Teller gefordert. Die Firma verzichtet auf Importe aus Übersee und will kurze Lieferketten. Viel Durum und Dinkel komme derzeit aus Frankreich und Österreich. Einen aktuellen Preis für heimische Ware nennt Klumpp nicht. 2019 habe es mit Anbauvertrag „einen geringeren Preis“ gegeben als auf dem „freien Markt“. Für 2020 machte er keine konkreten Angaben.

Hier finden Sie die Spezifikation für eine Hartweizen-Vermarktung.

Durum und Dinkel für regionale Versorgung und gesunde Ernährung

Die Spezialgetreidearten gewinnen insgesamt größere Anbauflächen. Eher stagnierende Preisaussichten bei Weizen und Braugerste lassen viele Ackerbauer über Alternativen nachdenken. Zudem ändert sich das Verbraucherverhalten. Mehr Vegetarier, Flexitarier und Veganer konsumieren mehr Nahrungsmittel aus pflanzlichen Rohstoffen.

Zwar enthalten auch Dinkel und Durum Gluten, doch ist ihre Teigreife ist meist länger. So haben an Zöliakie Erkrankte nachweislich weniger Beschwerden mit Hart- und Spelzweizen.

Politische Vorgaben und der Wunsch der Verbraucher nach höheren Anteilen an ökologischer Produktion kommen besonders dem Dinkel entgegen. Er ist laut Züchter besser als Weizen für eine extensivere Produktion geeignet.

So entwickeln sich die Preise für Durum und Dinkel

Bei Durum waren die Preisschwankungen in den vergangenen Jahren sehr groß. Viele Durummühlen in Deutschland bedienen sich am Weltmarkt. Danach richten sich auch die Preise. Gibt es am Weltmarkt wenig Ware oder schwache Qualitäten, kümmern sich manche Mühlen wieder mehr um die deutschen Erzeuger.

Das veränderte Verbraucherverhalten rückt den deutschen Anbau künftig jedenfalls stärker in den Fokus. Wegen der geringeren Erträge und der gleichen Produktionskosten wie bei Winterweizen muss der Preis für Durum deutlich höher liegen.

Bei Dinkel lagen die Vertragspreisein den vergangenen Jahren in der Regel bei 25 Prozent über dem Weizenpreis. Die Erträge im Spelz liegen rund 10 Prozent unter dem Weizen bei geringeren Produktionskosten. Auch das Entspelzen verursacht immer Kosten.

Erste Vertragsangebote für die Ernte 2021 gab es bereits. Hier lagen die Preise deutlich höher als zuletzt, sagt Martin Munz. Vermarkter in Baden-Württemberg sind noch in der Preisfindung. Auszugehen ist von weiter steigenden Anbauflächen. „Da der Markt leergefegt ist und jährlich weiter wächst“, so Munz, herrsche die Meinung vor, die Ernte 2020 gut im Markt unterzubringen.

Die Preismeinungen liegen für die Ernte 2021 eher leicht höher als für 2020, als 20 bis 21 Euro/dt gezahlt wurden. Auf jeden Fall sind die Preisangebote wettbewerbsfähig zu anderen Kulturen. Darum gibt es aktuell ein starkes Interesse von Neueinsteigern.

Mit Material von LWK Niedersachsen, ag-akst, Saaten-Union, Alb-Gold

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