Login
Pflanzenschutzmittel-Zulassung

Hormon-wirksame Stoffe: EU-Vorschriften und Cocktaileffekte im Fokus

AF_Spritz-Pflanzenschutzpräparat
Thumbnail
Karl Bockholt, agrarheute
am
16.11.2018

Sie finden sich in Getreidefungiziden, Insektiziden oder Kosmetika: Endokrine Disruptoren greifen ins Hormonsystem ein. Jetzt sollen alle Rechtsvorschriften daraufhin gecheckt werden. Das beeinflusst die Zulassung vieler Präparate.

Alle EU-Rechtsvorschriften sollen überprüft werden

Im Mittelpunkt stehen endokrine Disruptoren: Das sind chemische Stoffe, welche die Wirkweise des Hormonsystems bei Mensch und Tier verändern und die Gesundheit gefährden. Die EU-Kommission will jetzt alle Vorschriften dazu durchleuchten, die auf Kriterien aufbauen, die für die Zulassung von Pflanzenschutzmittel bisher verwendet werden. 

Die Überprüfung soll sich auf schon erhobene Daten stützen. Dabei werde die wissenschafts-basierte Herangehensweise an das Management von Chemikalien nicht infrage gestellt. So soll neu bewertet werden, ob die geltenden Vorschriften den Schutz von Gesundheit und Umwelt wirklich erreichen, besonders auch von Pubertierenden und Schwangeren.

Öffentliche Beteiligung geplant

Die EU-Kommission plant eine öffentliche Beteiligung und künftig jährlich ein Forum. Auch will sie internationale Organisationen bei Arbeiten zum Thema unterstützen. Umfassendere Forschung zu den Chemikalien werden vom Programm Horizon Europe gefördert.

EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis möchte umfassende einheitliche Regeln für endokrine Disruptoren schaffen. Auch Industriekommissarin Elżbieta Bieńkowska will Risiken minimieren.

Kritiker fordern ein umgehendes Sofortverbot statt langer Prüfungen. Ihrer Ansicht nach schiebt die EU-Behörde das Problem auf die lange Bank. Viele Stoffe müssten sofort vom Markt fliegen. In Kosmetika, Kunststoff und Pflanzenschutzmitteln hätten sie nichts zu suchen.

Mögliche Cocktaileffekte bislang unterschätzt

Zu den endokrinen Disruptoren hatte die EU-Kommission zuletzt Wissenslücken eingeräumt. Unklar ist nicht nur, wie sie auf Krankheiten von Mensch und Tier wirken. Vielmehr sind sogenannte Cocktaileffekte völlig unbekannt, also wie Gemische verschiedener Stoffe wirken. Die bisherigen Schwellenwerte für Einzelstoffe stehen damit womöglich in Frage.

Bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln sollen die Forderungen an die Datenbasis verschärft werden, um schädliche Stoffe besser zu erkennen. Das solle einen sicheren Rechtsrahmen schaffen. Auf die Zulassung besonders von Fungiziden und Insektiziden hat das Ergebnis großen Einfluss. Sie verschwinden womöglich künftig vom Markt.

Die Definition der Disruptoren beschäftigt die EU allerdings seit Jahren. Bereits 2013 sollte sie vorliegen. Diese Pflicht hatte der EU-Gerichtshof 2015 bekräftigt. 2016 forderte sie das EU-Parlament erneut. 2017 lehnte die Mehrheit der EU-Abgeordneten einen Verordnungs-vorschlag ab, nach dem die Kriterien nicht auf Substanzen angewendet werden sollten, die ins Hormonsystem von Schädlingen eingreifen.

Mit Material von AgE

Mehr Themen im agrarheute Magazin

Aktuelles Heft Dezember 2018

Auch interessant