Login
Getreide

Hybridzüchtung - kommt der Turbo?

von , am
16.01.2013

Berlin - Bei der DLG-Wintertagung in Berlin ging es am Mittwoch unter anderem um die Hybridzüchtung bei Wintergetreide. Experten aus Wissenschaft, Praxis und Züchtung zeigten den Ist-Stand und Potenziale auf.

Bernhard Freiherr von Weichs bei seinem Vortrag im Rahmen der DLG-Wintertagung 2013 in Berlin. © H. Krauß
Der Stockholm-Saal im Internationalen Congress Centrum (ICC) war gut gefüllt. Das Thema Hybridzüchtung bei Wintergetreide zog. Zu Beginn der Veranstaltung zeigte Dr. Friedrich Longin von der Landeszuchtanstalt der Universität Hohenheim die Erfolgsgeschichte der Hybriden bei den Fremdbefruchtern Roggen und Mais auf. Wurden beim Roggen gegen Ende der 80er Jahre in Deutschland im Mittel noch rund 33 dt/ha vom Acker gefahren, stieg der durchschnittliche Ertrag durch Hybridsaatgut auf heute knapp 60 dt/ha an. Das Zauberwort dabei ist Heterosis, die Mehrleistung einer Kreuzung zweier homozygoter Genotypen im Vergleich zum Mittel beider Eltern. Dieser Effekt ist bei Selbstbefruchtern wie Weizen, Gerste und Triticale kleiner als bei den Fremdbefruchtern Mais, Roggen und Zuckerrübe. Das Problem ist, dass die Erzeugung von Hybridsaatgut im großen Maßstab einen Hybridmechanismus erfordert, durch den Selbstung ausgeschlossen und Kreuzbefruchtung gesichert wird, wie Dr. Longin ausführte.
 
Möglichkeiten der Hybridzüchtung bei Wintergetreide sind:
  • Manuelle Kastration (bei Getreide zu aufwendig und teuer, deshalb nicht praktikabel)
  • Chemisch über Gametozide (nur CROISOR 100 in der EU zugelassen, allerdings nur in Frankreich in nationales Recht umgesetzt)
  • Genetisch, vor allem CMS (Problem ist, dass bei Selbstbefruchtern das natürliche Reproduktionssystem überwunden werden muss)
  • Gentechnische Ansätze (in der EU nicht zulässig)

Erfahrungen aus der Praxis

In Deutschland wird heute auf insgesamt rund 200.000 ha Hybridgerste angebaut. Die erste Hybride kam bei der Gerste 2002 auf den Markt, heute sind 14 Sorten zugelassen. Bernhard Freiherr von Weichs baut auf dem Gut Borlinghausen im Regierungsbezirk Detmold Hybridgerste an. In seinem Vortrag ließ er das Auditorium an seinen praktischen Erfahrungen teilhaben. Das Gut verfügt über 1.067 ha (746 ha Pacht) landwirtschaftliche Fläche, davon 1.015 ha Ackerland. Die durchschnittliche Schlaggröße liegt bei 15 ha. Hauptanbaufrüchte sind Winterweizen (51 %), Winterraps (17 %), Zuckerrüben (16 %), Wintergerste (12 %) sowie vier Prozent Kartoffeln.
 
"Hybridgerste schien mir auf meinen Standort mit viel Niederschlag in mittelgebirgiger Lage einen Ertragsfortschritt zu haben. Die Wurzelleistung und Vitalität von Hybridgerste hat auf diesen ackerbaulich nicht optimalen Standorten Vorteile", erklärte von Weichs im Gespräch mit agrarheute.com. Wie er in einer Beispielrechnung darlegte, muss die Hybridgerste 2,8 dt/ha mehr bringen um bei einem Gerstenpreis von 22 €/dt die höheren Aussaatkosten auszugleichen. Aus Sicht des Praktikers werden Hybride in Zukunft das Liniensortiment im Deckungsbeitrag übertreffen.

Züchtung

Dr. Ralf Schachschneider von der Nordsaat Saatzucht GmbH im sachsen-anhaltinischen Langenstein rundete die öffentliche Veranstaltung ab. Unter der Überschrift "Hybridzüchtung bei Weizen - Stand und Perspektiven" zeigte er den langen Weg auf, den neuen Sorten vor der Zulassung zu durchlaufen haben:
  • Kreuzung, Populationen, DH-Pflanzen (drei Jahre)
  • Selektion besserer Stämme durch Screening und Prüfverfahren auf Gesundheit, Qualität und die Praxiseignung (drei Jahre)
  • Leistungsprüfung (zwei Jahre)
  • offizielle/staatliche Prüfungen durch das Bundessortenamt und dazugehörige Landessortenversuche (fünf Jahre) 
Im Anschluß zeigte Dr. Schachschneider die gemittelten Kosten zertifizierten Saatgutes inklusive "mittlerer" Beize gegenüber. Bei konventionellen Winterweizen-Sorten liegen sie bei 100 €/ha, bei Hybridsorten bei 160 €/ha. In dem Projekt HyWHEAT untersuchen die Uni Hohenheim, die KWS-Lochow, Limagrain, Lantmännen SW Seed GmbH sowie die Nordsaat Saatzuchtegsellschaft das Ertragspotenzial und die -stabilität von Hybriden und ihren Elternlinien. Durch genomische Selektion sollen Ertrag und -stabilität optimiert werden. HyWHEAT hat bis 2011 das vermutlich größte Hybridsortiment erstellt. Darin enthalten sind 15 Vaterlinien, 120 Muttelinien sowie 1.604 Hybriden.
 
Die DLG-Wintertagung zeigt mit ihrer Themenauswahl wieder, dass sie ihr Ohr an den Problemen der Praxis hat. Die Vorträge aus Wissenschaft, Praxis und Züchtung zeigten mit der anschließenden Diskussion, wo die Hybridzüchtung beim Wintergetreide steht und welche Möglichkeiten in der Technologie stecken.
Auch interessant