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Getreide

IGC rechnet 2011/12 mit ausgeglichener Weizenbilanz

© Rainer Sturm
von , am
29.08.2011

London/Chicago/Paris - Der Internationale Getreiderates (IGC) geht davon aus, dass der Weizenbedarf fast vollständig aus der laufenden Produktion gedeckt werden kann.

Der Weizen verlor zum Fronttermin 2,75 Euro und landete bei 162,75 Euro je Tonne © Rainer Sturm
Der Internationale Getreiderat (IGC) rechnet im laufenden Wirtschaftsjahr mit einer nahezu ausgeglichenen Versorgungsbilanz beim wichtigsten Nahrungsgetreide. In ihrer am vergangenen Donnerstag vorgestellten Weizenbilanz veranschlagen die Londoner Experten die Weizenproduktion für 2011/12 auf 677 Millionen Tonnen. Das wären 26 Millionen Tonnen mehr als 2010/11 und die drittgrößte Weizenernte aller Zeiten. Parallel dazu soll der globale Weizenverbrauch um 21 Millionen Tonnen auf 678 Millionen Tonnen wachsen. Der Weizenbedarf wird damit fast vollständig aus der laufenden Produktion gedeckt. Im Saisonverlauf könnte es zu einer nur minimalen Abstockung der globalen Weizenreserven um eine Million Tonne auf 191 Millionen Tonnen kommen, womit die Versorgungslage beim Weizen äußerst komfortabel bleibt.
 
Anstieg der Weizenpreise an den Börsen
 
An den internationalen Terminbörsen hat sich der Anstieg der Weizenpreise nach Veröffentlichung der neuen IGC-Statistiken am vergangenen Donnerstag trotzdem fortgesetzt. An der Matif verteuerte sich vorderer Mahlweizen im Tagesverlauf um zwei Euro auf 208,75 Euro je Tonne (Euro/t). Bei dem in Kansas City gehandelten Brotweizen ging es mit den Notierungen bis zur Schlussglocke um 1,7 Prozent (%) auf 8,48 Dollar je Bushel ($/bu) (216 Euro/t) nach oben. So teuer war US-Brotweizen zuletzt Mitte Juni. Marktanalysten begründen die Kursgewinne mit der akuten Knappheit an Qualitätsweizen. Tatsächlich ist der weit über dem langjährigen Trend liegende Verbrauchszuwachs beim Weizen ausschließlich einer verstärkten Weizenverfütterung zuzuschreiben. Über den Futtertrog könnten 2011/12 weltweit 125 Millionen Tonnen Weizen abfließen, so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Mais teurer als Futterweizen

Befeuert wird die Weizenverfütterung einerseits durch das hohe Angebot an Futterweizen im Schwarzmeerraum. Gleichzeitig ist Mais absehbar knapp und damit teurer als Futterweizen. Einer Produktion von 849 Millionen Tonnen im Weltmaßstab soll bei dem Grobgetreide 2011/12 ein Verbrauch von 858 Millionen Tonnen gegenüberstehen. Die Angebotslücke muss aus den Reserven gestopft werden, die deshalb um voraussichtlich 6,3 % auf 118 Millionen Tonnen schrumpfen. In den Vereinigten Staaten haben sich die Ertragsaussichten beim Mais im August spürbar eingetrübt. Das extrem heiße und trockene Wetter im US-Maisgürtel drückt den Durchschnittsertrag auf 9,5 Millionen Tonnen. Deshalb hat der IGC seine Mengenschätzung für die USA gegenüber dem Juli-Bericht um 14 Millionen Tonnen auf 325 Millionen Tonnen zurückgenommen.
 
Körnermais um mehr als ein Fünftel verteuert
 
Seit Anfang Juli hat sich neuerntiger Körnermais an der Welt-Leitbörse von Chicago um mehr als ein Fünftel auf 7,32 $/bu (200 Euro/t) verteuert. Der Maispreis nähert sich mit großen Schritten dem Mitte Juni erreichten Jahreshoch von 7,50 $/bu (205 Euro/t). In der Europäischen Union könnten im Herbst laut den neuesten IGC-Statistiken 60,4 Millionen Tonnen Körnermais eingefahren werden. Das wären vier Millionen Tonnen mehr als bei der Ernte 2010. Ergiebige Niederschläge lassen in Deutschland, Frankreich und Italien hohe Flächenerträge erwarten. Trotzdem zeigen die Maispreise auch an der Matif seit Wochen Richtung Norden. Mit Rückenwind aus Übersee hat sich prompter Körnermais in Paris seit Anfang Juli von 190 Euro/t auf 211 Euro/t am vergangenen Donnerstag verteuert.

Kurssprung beim Minneapolis-Weizen

Der Getreiderat berichtet von einem zweigeteilten Weizenmarkt. Während im Schwarzmeerraum große Mengen Futterweizen auf den Export warten, sind Premiumqualitäten weltweit knapp und gesucht. Hierzulande muss die Weizenernte nach dem nassen Drusch erst gesichtet werden, bevor zuverlässige Aussagen über die eingebrachten Qualitäten möglich sind. So lange muss die Situation in Deutschland selbst unter US-Analysten als Argument für steigende Weizenpreise herhalten. In den Staaten neigt sich beim Sommerweizen ein schwieriges Anbaujahr dem Ende entgegen. Nach einer nässebedingt verspäteten Aussaat haben die Qualitäten unter heftigen Niederschlägen im August gelitten. Der IGC hat seine Mengenschätzung für die amerikanische Sommerweizenernte deshalb jetzt um 800.000 Tonnen auf 14,2 Millionen Tonnen nach unten korrigiert, nachdem zur Ernte 2010 noch 16,8 Millionen Tonnen Sommerweizen in den USA eingefahren worden waren. Der in Minneapolis gehandelte hoch proteinreiche Sommerweizen hat im August einen regelrechten Kurssprung gemacht, nämlich um einen Dollar auf 9,34 $/bu (238 Euro/t).

Deutscher Weizen verteuert sich überproportional

Der IGC weist in seinem aktuellen Bericht darauf hin, dass Weizen aus dem Schwarzmeerraum seinen großen Preisvorteil gegenüber alternativen Herkünften eingebüßt hat. Über Winter könnten deshalb wieder verstärkt andere Weizenanbieter zum Zug kommen. Am 24. August kostete Mahlweizen für den Export im Schwarzmeerraum 275 $/bu (191 Euro) fob, 30 $/t (21 Euro) mehr als Ende Juli. Auf die Weizenpreise in der EU drückten im August die sich abkühlende Weltwirtschaft, die ausufernde Schuldenkrise sowie die Aussicht auf einen lahmenden Weizenexport. Für Kursphantasie sorgte umgekehrt der immer wieder durch Regenschauer unterbrochene Weizendrusch in Deutschland. Unter dem Strich verteuerte sich B-Weizen fob Hamburg in den ersten dreieinhalb Augustwochen um 28 $/t (19 Euro) auf 323 $/t (224 Euro). Besser als erwartet ausfallende Weizenernten begrenzten das Kurspotential in Frankreich und England. Die Exportpreise fob Rouen sind seit Anfang August um 18 $ (13 Euro) auf 307 $ (213 Euro) geklettert, die für Futterweizen im Vereinigten Königreich um 10 $ (7 Euro) auf 280 $/t (194 Euro) fob Ostküste.

Algerien bleibt französischem Weizen treu

Ägypten, der weltweit größte Weizenimporteur, hat allein im August 1,1 Millionen Tonnen Weizen in Russland eingekauft, weitere 180.000 Tonnen kamen aus Rumänien. Der bisher letzte Tender vom 25. August bestand laut IGC aus 240.000 Tonnen russischem Weizen für 295 $/t (205 Euro/t) fob und 60.000 Tonnen rumänischem Weizen für 289 $/t (201 Euro) fob. Die russischen Gebote lagen laut IGC 15 $/t (10 Euro) unter denen der Wettbewerber aus Frankreich und den USA. Ende Juli hatte die ägyptische Getreidehandelsgesellschaft (GASC) russische Ware noch mit einem Abschlag von 40 $/t (28 Euro) auf französische und nordamerikanische Herkünfte bezogen. Der Preisvorteil schwindet, weil inzwischen große Teile vom frachtgünstig in Seehäfen liegenden russischen Weizen verschifft sind. Zählen können die Franzosen auf Algerien. Die ehemalige Kolonie hat zuletzt 500.000 Tonnen französischen Weizen für 304 $/t (211 Euro) gekauft.

Handel mit Futterweizen auf Neunjahreshoch

Die Aufhebung des russischen Exportstopps hinterlässt beim Weizen Spuren in der globalen Handelsbilanz. Beim IGC rechnet man für 2011/12 mit grenzüberschreitenden Weizenexporten von 128,2 Mio t. Das wären über 2 Mio t mehr als in der Kampagne 2010/11. Der weltweite Handel mit Futterweizen soll im Jahresvergleich um drei Millionen Tonnen auf ein Neunjahreshoch von 11,6 Millionen Tonnen steigen. Allein die EU könnte 2011/12 gut drei Millionen Tonnen Futterweizen importieren, nach nur 500.000 Tonnen in der abgelaufenen Saison. Dies führt man beim Getreiderat vor allem auf die seit Februar ausgesetzten EU-Importzölle für Weizen niedriger und mittlerer Qualität zurück. Zuvor galt für Futterweizen ein Zollsatz von 12 Euro/t im Rahmen des Importkontingents. Den Weizenexport Russlands für 2011/12 veranschlagt der IGC auf 15,5 Millionen Tonnen, zusammen mit Kasachstan und der Ukraine könnten es 31,5 Millionen Tonnen sein. Gegenüber den 13,9 Millionen Tonnen in der Saison 2010/11 würde dies mehr als eine Verdopplung bedeuten.  
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